Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Gedankenexperiment: Der deutsche Herbst im Zeitalter der Blogs

In An Manche on Juli 1, 2008 at 7:55 am

Abgekapselt

[Foto: uBookworm]

Gedankenexperiment: wäre der deutsche Herbst anders verlaufen, hätte es zu dieser Zeit schon das Internet und die Blogosphäre gegeben? Wären die Schleyer-Videos zuerst auf YouTube erschienen? Wären die Terroristen durch das Internet näher an der Realität gewesen, weil sie mehr Kommunikationsmöglichkeiten hatten? Wären sie also nicht bis zum Äussersten gegangen? Oder hätten sie auch mehr positiven Zuspruch bekommen und hätten sich eher ermutigt gefühlt? Hätten sie das Heft des Handelns weniger in der Hand gehalten – weil es einfach viel mehr Kommunikationskanäle gibt – oder stärker – weil sie verschiedene Medien hätten gegeneinander ausspielen können? Wären mehr Informationen an den Bürger durchgedrungen (damals gab es ja eine sehr enge Abstimmung der Regierung mit den Medien) oder soviele und widersprüchliche, dass sie die Wahrheit noch viel effizienter begraben hätten? Stärkt ein solch einschneidendes geschichtliches Ereignis eher die klassischen Medien oder stärkt es die Blogosphäre? Wäre es der Polizei leichter gefallen, die Terroristen zu lokalisieren oder schwerer?

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  1. Ich gehe mal davon aus, das ich ein Standardbloger bin und auch so aus meiner ganz eigenen persönlichen Betrachtung antworte:
    Bloger sind gedankenverstreuende, meist nette sympathische Schreiberlinge, zu wirklichen Taten nicht in der Lage, was sich im blogschreiben kompensiert.
    Ich lese in blogs, auch in meinem, von vielen Misständen und Betrachtungen dazu. Das einer aber mal schreibt, wie er den Hammer in die Hand genommen hat und damit das Glas zerschlagen hat, den roten Alarmknopf in Verantwortung einer wirklichen Handlung tatsächich gedrückt hat – Nichts – oder, ich lese zu wenig oder falsche blogs.
    Das stört mich z.B. an mir und meinem blog am meisten – das ich den Arsch nicht hochkriege und meist nur klug daher zureden versuche.
    Ich kann mir nicht vorstellen, das blogs in der Lage gewesen wären, den deutschen Herbst auch nur um einen mm zu verändern.

  2. […] 2, 2008 in Vermischtes Als erstes ein kleines Dankeschön an Fragezeichner, bei dem ich etwas Luft ablassen durfte. Nun, mit etwas mehr Ruhe im Bauch, zu Sergio Bambaren und […]

  3. Menachem, nehmen wir ruhig mal an, dass es stimmt und alle Blogger liebenswerte Theoretiker sind (ich erkenne mich auch irgendwie wieder): in ihrer Gesamtheit ergeben sie dennoch ein Informationsnetz von gewisser Durchschlagskraft und Reichweite, die Gedanken, Stimmungen, Meinungen spiegeln und auch von RAF-Terroristen als Stimmungsbarometer hätten genutzt werden können.
    Aber bereits die Tatsache, dass die Terroristen selbst hätten bloggen können und ihren eigenen Informationskanal aufbauen, hätte möglicherweise die Szenerie verändert.

  4. Hallo,

    also ich würde zwar sagen das Menachem, wie leider viele andere auch, ihre grundsätzlichen Handlungsmöglichkeiten gewaltig unterschätzen, aber im Fall „Deutscher Herbst“ hätte sie auch nichts bewirkt…

    Mein ältester Bruder ist ein 53’er, mein nächster ein 60’er und ich bin noch einmal 8 Jahre später der verstehende Brückenschlag all dessen was diese er- und gelebt haben. Vieles war Lüge, vieles war Fehlinformation und noch einiges anderes war vorsätzliche Meinungsmanipulation. Und ein deutliches JA, es waren alle Seiten. Die RAF, die Bundesregierung und deren Organe, große Teile der Presse und selbstverständlich auch die DDR. Nach wie vor pflanzt sich sehr viel von all dem Genannten, in die Jetztzeit fort.

    An dem was Damals geschehen ist, hätten weder die Technik noch deren Nutzer geändert (also auch die Blogger nicht). Jedoch nicht weil die Technik oder deren Nutzer nicht grundsätzlich dazu taugen würden, sondern weil die damaligen Protagonisten all das Geschehene anstrebten. Es quasi allseitig darauf anlegten, bzw. darauf ankommen lassen wollten. Hinzu kommt natürlich das sich feststellen lässt , dass sowohl Täter wie auch Opfer es den Beobachtern nicht nur sehr schwer machten zu beurteilen, wer hier welche Rolle spielte, sondern nahezu nichts unternahmen sich wie auch immer erkennbar aufeinander zu zubewegen. Was nutzt es, unter solchen Bedingungen, Damals wie Heute zu verstehen, dass eine dauerhafte Graduierung von offensichtlichen Missständen einzig durch den ausgewogenen Konsens möglich ist?

    Gruß

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