Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Grösse der Welt und Grösse von Vorurteilen

In An Mich on Juni 24, 2008 at 7:42 am

Indem die Technik mehr und mehr die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, welche sie schaffe, den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die klimatischen Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verlässigste Mittel, die Völker einander näher zu bringen, ihre gegenseitige Bekanntschaft zu fördern, menschlichen Ausgleich zwischen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören und endlich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen.“ (Thomas Mann, Der Zauberberg – wenn ich mich nicht irre).

Verkehrsinfrastruktur und Kommunikationstechnologien haben die Welt kleiner gemacht. Haben sie auch Vorurteile kleiner gemacht?

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  1. Ist es nicht oft so, dass das Zusammenkommen, vor allem von Gruppen (nach einer ersten neugierigen Begeisterung), zuerst ein Anwachsen der negativen Urteile nach sich zieht?
    Deshalb hatte interessanterweise z.B. ein alter griech. Philosoph vorgeschlagen, dass jede Menschengruppe – Nation, Volk, Stamm, Familie (wie klein kanns noch werden? 😉 ) – für sich, getrennt von anderen, leben solle, um Konflikte zu umgehen. Etwas, was sich auch heute noch der eine oder andere wünscht, was aber natürlich keine Lösung ist und allein schon von der Liebe zwischen zwei „fremden“ Menschen ziemlich schnell ausgehebelt wird 😉
    Ich glaube nicht daran, dass Infrastruktur und Kommunikation – Technologien überhaupt – automatisch zu einem besseren gegenseitigen Verständniss führen. Das müssen wir schon selbst machen.
    Auch denke ich, dass es für eine Änderung solcher Einstellungen gegenüber „dem Fremden“ immer auch einen „Grund“ geben muss, der die Menschen motiviert dazu, sich und ihre Sichtweise zu ändern. Z.B. gemeinsame Herausforderungen, Schicksale, Erlebnisse. Und ich glaube, dass dies nur erfolgreich und langfristig gelebt werden kann, wenn es von einem starken gemeinsamen Symbol getragen und unterstützt wird.

  2. Hallo,

    ich denke aktuell wohl weniger. Dies liegt jedoch weder an der tatsächlich gut ausgebauten Verkehrs- noch KT Infrastruktur. Denn sowohl das eine wie auch das andere ist in gewisser Weise, selbst in unserer Gesellschaft, noch immer entweder Luxusgut (Verkehr/Reisen) oder in seiner Umsetzung mangelhaft (KT).

    Gruß

  3. @Aki Arik:
    ich habe vor fast fünfzehn Jahren mit einem Freund über genau diesen Satz von Thomas Mann diskutiert. Mir sprach er aus der Seele, er sah in dem Zusammenwachsen eher eine Bedrohung durch Verlust an Identität und kulturellen Errungenschaften. Heute ist die Welt noch weiter zusammengewachsen – und ich bin weit weniger euphorisch als damals. Du hast Recht, wenn du sagst: das müssen wir schon selbst machen. Verständnis kommt nicht von allein. Und auch ein Satz meines Vaters kommt mir in den Sinn, der in den 50er-Jahren mit seinem Käfer nach Griechenland gefahren ist und von der Gastfreundschaft der Menschen dort geschwärmt hat: „Der Tourismus hat die Gastfreundschaft abgeschafft.“

    @Michael:
    Ich sage nicht, dass die Welt heute bereits ein Dorf ist, aber sie ist doch dramatisch geschrumpft nach dem Krieg (allein durch das Auto) und auch noch einmal durch das Internet. Man kann also schon nach einem Zusammenhang fahnden. Mir scheint übrigens auch, dass bei dem Zusammenwachsen nur ein Teil der Menschen (damit meine ich auch innerhalb der Industriestaaten) mitmacht oder mitmachen kann. Es wachsen also länderübergreifend neue „Welten“ zusammen, die sich aber nicht zu einer einzigen gemeinsamen Welt verbinden.

  4. @Fragezeichner:

    „Ich sage nicht, dass die Welt heute bereits ein Dorf ist,…“

    Ach da bin ich mir nicht so sicher. Vor sehr vielen Jahren begab es sich, dass ich auf der anderen Seite des Planeten in einem Fahrzeug, vom Flughafen zum Tagungsort gefahren werden sollte. Als ich gerade einsteigen wollte, sprach mich eine recht attraktive Dame an „Na sage mal, Du kennst ja wohl niemanden mehr!“. Stellt sich heraus das Sie eine ehemalige Klassenkameradin von mir aus der Grundschule ist, die damals plötzlich verschwand 🙂

    „Es wachsen also länderübergreifend neue “Welten” zusammen, die sich aber nicht zu einer einzigen gemeinsamen Welt verbinden.“

    Womit sich der Kreis zu der Feststellung von Aki T Arik schließt:

    „Und ich glaube, dass dies nur erfolgreich und langfristig gelebt werden kann, wenn es von einem starken gemeinsamen Symbol getragen und unterstützt wird.“

    Gruß

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