Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Wenn Siemens eine Fussball-Mannschaft wäre…

In An Alle on Juni 17, 2008 at 8:33 am

Der Ball ist gross

[Foto: Markus Merz]

Ist es nicht bemerkenswert, wie in diesen Tagen der Fussball-Europameisterschaft in Deutschland (und natürlich auch in Frankreich und überall in Europa) der Leistungsgedanke gelebt wird? Millionen von harmlosen und gutmütigen Menschen werden zu Scharfrichtern, beurteilen und verurteilen auf Grundlage einer einfachen Metrik – dem Erfolg -, sortieren diejenigen aus, die dem Erfolg im Wege stehen, verwünschen und beschimpfen Versager, fordern ihren sofortigen Rausschmiss, mitleidslos, ihrer Meinung sicher, ohne Rücksicht auf Verdienste in der Vergangenheit.

Wäre ein DAX-notiertes Unternehmen wie Siemens eine Fussball-Mannschaft, gäbe es wohl zwei rivalisierende Torhüter, die sich gegenseitig bekämpfen, sabotierten und die Fehler dem anderen in die Schuhe zu schieben versuchen. 5-6 Leute stünden tatenlos herum und versuchten die Zeit totzuschlagen. 2 Verteidiger spielten bewusst gegen die eigene Mannschaft (wahrscheinlich weil sie mit der eigenen Position unzufrieden sind oder vor langer Zeit vom Trainer gekränkt wurden). Und dann gäbe es wohl zwei Spieler, die versuchten, den Laden zu schmeissen, die sich alle Verantwortung aufladen, bis zum Umfallen rennen und keinen Aufwand scheuen (allerdings lediglich durch die Hoffnung befeuert, bald in einer besseren Mannschaft spielen zu dürfen).

Wie kommt das, dass in wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft das Leistungsprinzip völlig ausser Kraft gesetzt ist und Erfolg durch Geld und Herkunft bestimmt wird, während ein nebensächliches Spiel dieses Prinzip geradezu überdehnt? Falsche Prioritäten? Kompensation?

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  1. Hallo,

    wage den Blick in die Vergangenheit 🙂

    Was Du siehst ist die Auswirkung von zu viel Frieden…

    Gruß

  2. Michael, was ist der Bezug deines Bonmots zu diesem Beitrag?

  3. 🙂 Mal davon abgesehen das ich es eher als Aphorismus betrachte:

    „Wie kommt das, dass in wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft das Leistungsprinzip völlig ausser Kraft gesetzt ist und Erfolg durch Geld und Herkunft bestimmt wird, während ein nebensächliches Spiel dieses Prinzip geradezu überdehnt? Falsche Prioritäten? Kompensation?“

    Lebenserfahrungen wurden und werden in unserer Familie von Generation zu Generation aktiv weitervermittelt. Zu „jugend“ Lebzeiten meiner Mutter war das o.g. Verhältnis der Dinge exakt umgekehrt. 1944 hatten die Menschen hier ganz andere Probleme. Über Fußball hat sich da niemand unterhalten, da stand das Überleben im Mittelpunkt.

    Jahrzehnte später ist Mord, Krieg und Zerstörung für die fast schon absolute Mehrheit der europäischen Bevölkerungen nicht mehr Teil ihres „bewussten“ Denkens. Fußball wird als Ersatz zur kriegerischen Auseinandersetzung betrachtet und es wird dementsprechend gehandelt. Kriegsbemalung, fanatische Positionsverteidigung, Heldenverehrung! Ich kenne ältere Menschen die Fußball durchaus mögen, die jedoch dieser aktuelle kriegerische Ansatz zutiefst anwidert. Immerhin hatten sie ja gesehen wohin die Faszination für Krieg und Auseinandersetzung führen kann…

    Man darf bei all dem auch nicht gänzlich ausser Acht lassen das es sich bei diesem Spiel um einen sog. „Hetzsport“ handelt. Die Protagonisten „hetzen“ dem Jagdgut nach (in der Moderne durch Regeln eingeschränkt). Bei jeder Art von Hetzsport ist jedoch Testosteron im Spiel. So gesehen ist Fußball die unterbewusste (abstrakte) Verherrlichung der kriegerischen (gewaltsamen) Auseinandersetzung mehrerer Fraktionen. Und da schließt sich dieser weite Kreis. Eine fast gänzlich befriedete Gesellschaft versteht die Mechanismen die zur kriegerischen Auseinandersetzung führen nicht (bzw. als Wegbereiter fungieren). Für sie existiert da keinerlei psychologischer Zusammenhang. Ein solcher Zusammenhang wird tatsächlich mit (diesen bestätigend) aggressivem Verhalten zurückgewiesen.

    Bei der letzten Weltmeisterschaft ging es den Deutschen nicht um einen spannenden Wettbewerb, es ging darum die anderen Nationen zu besiegen. Sie niederzuwerfen, sich selbst dadurch aufzuwerten. Es ging eben nicht darum wer wirklich im sportlichen Sinn der Sache „besser“ oder „erfolgreicher“ war 😉

    Gruß

  4. Ein kleiner Nachtrag:

    ttp://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/happy-clappy-event/

    Schein und Sein…

  5. Ein interessantes Thema, wenn nicht sogar das. Auch ich habe mich nicht mit der Vergangenheit beschäftigen können ohne erschrocken zu sein, als „wir Papst wurden“. Da begann ich mit Miassenpsychologie und Gruppendynamik zu beschäftigen, blicke allerdings noch nicht durch. Und mitten in dieser Zeit das „Sommermärchen“. Und jetzt die Wiederholung. Hupkonzerte solange, bis die Polizei erst sehr spät eingreift – Grenzen erweitern, raus aus den einengenden Normen. Ich schreibe das, auch wenn es nicht auf Anhieb als Antwort zu deiner Frage aussieht, aus meiner Empfinden deines Beitrages, besonders deines ersten Absatzes:

    – „Millionen von harmlosen und gutmütigen Menschen werden zu Scharfrichtern“
    – „beurteilen und verurteilen auf Grundlage einer einfachen Metrik“ – du schreibst „Erfolg“, ich schreibe „Rasse“
    – „sortieren diejenigen aus“
    – „verwünschen und beschimpfen Versager“
    -„fordern ihren sofortigen Rausschmiss“ – aus dem Reich (des Fussballs?)
    -„mitleidslos“
    -„ohne Rücksicht“

    Auch wenn es unterschiedliche Anläße waren, so hat doch das „Handeln“ verblüffende Ähnlichkeiten.
    Ich glaube, Fragezeichner, dass es sich mit um die wichtigsten Betrachtungen handelt, die du beschreibst und die unsere Gesellschaft betreffen – weil niemand vorher bestimmen kann, wann ein solch brodelndes Faß ausser Kontrolle gerät. Und all diese Parallelität drückt auch nach meinem Empfinden Michael in seinem Kommentar aus.

    Mit einer gewissen Resignation komme ich zu dem Schluß, das die, ich sage mal Widerstandskämpfer, in der Geschichte nur äußest selten den Lauf der Dinge ändern konnten.

  6. Michael und Menachem, diese Parallelen waren mir gar nicht bewusst, mir ging es eher um einen launigen Vergleich zwischen gewöhnlichen Arbeitnehmern und Fussball-Profis, weil ich es grotesk finde, dass Menschen im Kontext Fussball andere so behandeln wie sie selbst in ihrem (Arbeits-)leben nicht behandelt werden wollen. All die Errungenschaften im Zusammenleben werden mit einer Selbstverständlichkeit ausser Kraft gesetzt, die mich verblüfft. Mir scheint, als ob die Gedemütigten ihr Ventil öffnen und jetzt selbst demütigen wollen. Ihr habt Recht, der Fussball zeigt, wieviel Explosionskraft und ungezügelte Emotionen in den Menschen brodeln, und das kann durchaus Angst machen.
    Ich muss zugeben, dass ich selbst ein grosser Fussball-Fan bin (seit Kindesbeinen) und mir deshalb in Phasen grosser Turniere selbst zum Rätsel werde 😉

  7. „als ob die Gedemütigten ihr Ventil öffnen und jetzt selbst demütigen wollen“, ja, das scheint es mit zu treffen. Ähnlich habe ich es schon gefühlt, konnte es aber nicht forumulieren.
    Wer demütigt und warum? Vielleicht liegt das in uns, um darüber zu stehen – aus sicherer Distanz den Speer werfen.
    Genau dies war mit, gestattet mir den Verweis, denn es beschäftigt mich schon sehr, 1933, da waren die Gedümtigten die Arbeiter, gedümitigt von der Intellektuellen Oberschicht. Die gedemütigten Arbeiter wählten NSDAP, weil sie Ihnen Gerechtigkeit und Ausgleich zur Intelektuellen Gruppe versprach. Das Ergebnis haben wir noch heute: Der Tag der Arbeit.
    Ich wünsche dir aber abseits dieser Gedanken ganz, ganz viel Freude am weiteren Fußballereignis, denn es bleibt auch ein Sport zur Freude vieler Menschen.

  8. @Fragezeichner:

    „Ich muss zugeben, dass ich selbst ein grosser Fussball-Fan bin (seit Kindesbeinen) und mir deshalb in Phasen grosser Turniere selbst zum Rätsel werde“

    Natürlich. Aber doch ganz sicher weil Du diese Sportart als Wettbewerb schätzt. Es bereitet dir wahrscheinlich viel Freude zu beobachten, wenn Spielzüge oder Techniken funktionieren/gut bis sehr gut von den Profis umgesetzt werden. Der Profispieler ist in Ballbesitz, Läuft auf das Tor zu, schaut sich derweil um, erfasst die Situation korrekt, zielt und spielt den gut gezielten Pass, dieser wird präzise angenommen und zum „Torschuss“ genutzt! Treffer! TOR!!!!!

    In diesem Moment setzt Du dich ja mit dem Ganzen aktiv auseinander (eben so wie ich das auch gerne tue). Aber bei der letzten WM durfte ich mich z.B. nicht als Freund der Italienischen Mannschaft „Outen“. In meinen Augen hatte sie ihren Sieg über unsere „Jungs“ tatsächlich durch ein sehr gutes Spiel verdient. Auch wenn ich eigentlich Frankreich noch besser fand, aber diese „spezielle“ Nase (Du weisst wen ich meine) musste ja unbedingt seinem Ego frönen 😉

    Die Masse Mensch jedoch „tickert“ da ein wenig anders. Ich sah es früher häufig in unseren Turnieren. Da wurde auch nur selten die präzise und erfolgreiche Umsetzung der Technik honoriert. Sondern einzig das der „Liebling“ des Publikums im Vorteil war (einmal wurde ich auch ausgebuht, weil ich einen solchen „Liebling -scheinbar- zu schnell geschlagen hatte). Das hat aber, wie gesagt, nichts mit Wettbewerb zu tun 🙂

  9. Michael, klar habe ich Spass an dem Spiel selbst und freue mich auch auf Begegnungen wie Spanien-Italien. Dennoch bin ich bei Deutschland-Spielen aufgeregt. Und habe immer zum deutschen Team gehalten, auch wenn es über Jahre den grössten Mist zusammengekickt hat (und ja auch jetzt wieder), und ich eigentlich lieber technisch versierte, schnell kombinierende und offensiv orientierte Mannschaften wie Holland, Portugal oder Spanien sehe. Es ist diese bedingungslose Sympathie, die mich an mir selbst irritiert…

  10. @Fragezeichner:

    Hey! Wo kommen wir denn da hin, wenn man nicht einmal mehr patriotisch sein darf?

    Als ich damals noch aktiv war, habe ich auch grundsätzlich zu meinen Landsleuten gehalten, obwohl die Franzosen fast immer allesamt besser waren. Ehrlich gesagt, sah selbst deren Ausrüstung besser aus als unsere 😉

    Ich denke nicht das einen das irritieren sollte. Dummerweise lehrt uns in Deutschland niemand mehr das man sehr wohl DEUTLICH zwischen Patriotismus und Nationalismus differenzieren kann…

    Gruß

  11. @fragezeichner, ich finde das toll, über eine bedingunslose Sympathie zu verfügen. Und da du das deinem blogtitel entsprechend hinterfrägst, scheinst du auch der Gefahren darin zu ahnen. Du wirst die Mitte finden, ich bin überzeugt . Und danke euch beiden für eure interessanten Ansichten – nimmermehr könnt ich aufhören, in einer solchen angenehmen Atmosphäre sich auszutauschen.
    Liebe Grüße, Menachem

  12. […] nur fragerei kann Fragen stellen – ich auch, wie man sieht. Aber trotzdem kommt er (oder ist es eine sie? ) […]

  13. Ey hier könnt ich den ganzen Tag lesen .Scheint ne lieblingsbeschäftigung uzu sein

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