Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Klassentreffen – Antworten?

In An Niemanden on Mai 6, 2008 at 8:30 am

Ich komme gerade aus Deutschland zurück, wo ich am Abi-Treffen zum zwanzigjährigen Jubiläum teilnahm. Leider kamen nur etwa 30 Leute (von den 150 unseres Jahrgangs). Warum kommt jemand? Warum nicht? Was erwartet jemand von einem solchen Treffen? Ich kann die Fragen selbst für mich nicht recht beantworten. Neugier trifft die Sache wohl am besten. Einen Grossteil der Abwesenden würde ich mal schlechter Organisation zuschreiben – zu kurzfristig, zu halbherzig. Es mag aber wohl auch Leute geben, die mit ihrer Vergangenheit nichts mehr zu tun haben wollen, einen Anfall von Melancholie befürchten oder sich für ihr bisheriges Leben nicht rechtfertigen wollen (die FR hat letztens übrigens einen Artikel über die Psychologie von Klassentreffen veröffentlicht).

Was also hat das Treffen mir persönlich gebracht? Einen lustigen Abend, viele kurzweilige Gespräche und die Ahnung, dass es tatsächlich etwas gibt, was unsere Generation verbindet. Wir sind eine Generation zwischen den Idealisten der Siebziger und den Pragmatikern der Neunziger. Aufgewachsen in den letzten Zügen eines grenzenlosen und sorgenlosen Optimismus, ohne grosse Träume, Ziele und Pläne, aber mit Vertrauen darauf, dass alles irgendwie gut geht. Den zunehmenden Materialismus und das Karriere- und Elitedenken erfüllt uns mit einer gewissen Abscheu. Aber die Kraft, dem etwas entgegenzustellen, die haben wir nie entwickelt.  Grosses kann man mit uns nicht bewegen. Und so ist auch aus niemandem etwas Grosses geworden. Aber grosse Theorien bei einem Glas Bier um drei Uhr morgens, dafür reicht es immer noch, auch zwanzig Jahre nach dem Abi.

Advertisements
  1. Vielleicht hatte die, aus denen was „großes geworden“ ist, keine Zeit fürs Klassentreffen?

    Aber ehrlich: Aus dir ist doch was „Großes“ geworden. Würde ich sonst täglich dein Blog besuchen?

  2. Hallo,

    Asche auf dein Haupt…

    „Grosses kann man mit uns nicht bewegen.“

    Wenn Du jetzt noch erklären könntest was „Grosses“ bedeuten soll, bzw. warum ihr dies nicht wirklich leisten oder anstoßen könnt 🙂

    Gruß

  3. Was willst du Großes sein? Ein Schrempp, ein Pierer, ein Ackermann, ein Schröder, ein LIDL Manager, ein Hartz, ….. Das sind ja nur einige der Bekannten. Die große Menge der Unbekanten aus der 2. und 3. Linie, in ihrem Streben nach Oben, denen ist, da möchte ich wetten, alles Mitmenschliche fremd.
    Es ist kein „Weniger Gut“ nicht dieses Große erreicht zu haben, es ist das große Verdienst deiner Eltern, die dich zu einem fragenden und reflektierenden Mitmenschen angeleitet haben.
    So, wie Folterknechte erzogen werden, jeden menschlichen Schmerz zu ignorieren, so wurden auch die zu großen Größen gewordenen, erzogen.
    Dieses Bild der Großen zu hinterfragen, ebenso wie unser Bild, der Nicht im Licht stehenden Großen zu hinterfragen, dazu sind unsere blogs da, zum fragen.
    Ob sich Schrempp jemals aufrichtig bei Reuter entschuldigen kann, den er als Geldvernichter um Längen übertroffen hat? Dann würde noch aus dem Großen ein wirklich Großer, ein Mensch.
    Diese Bilder dürfen keine Leitbilder für uns sein. Oder?

  4. Mit etwas Grossem meinte ich zunächst einmal, in irgendeiner Form extrem erfolgreich, Michael. Dazu fehlte mir immer der letzte Biss und mein Eindruck war, dass es vielen anderen an meiner Schule ebenso daran fehlt. Ich würde auch ein erfolgreiches Blog dazuzählen, Jörg, aber das habe ich ja auch nicht (aus den gleichen Gründen?). Ich will Erfolg auf keinen Fall auf Vorstandsetagen von DAX-Unternehmen beschränken, Menachem, ein bekannter Politiker, Musiker, Künstler, Journalist, Aktivist, aber auch Unternehmer (Ackermann ist z.B. für mich kein Unternehmer), Sportler, Wissenschaftler, Menschenrechtler. Ich gebe aber zu, dass dieser Begriff „Grosses“ sehr leicht in die falsche Richtung führt. Es sind die vielen kleinen Engagements, die eine Gesellschaft aus- und besser machen. Wahrscheinlich sagt der Artikel ohnehin mehr über mich selbst als über meine Generation aus 😉

  5. och das klingt traurig aber schön.
    war gestern auch bei nem absolvententreffen, allerdings wars nicht meine eigene schule. und da gabs ein ähnliches problem. ich versteh nicht warum man zu sowas nicht hingeht, ich finds immer schön alte bekannte zu treffen, etc. ok, bei mir ists noch nicht lange her und zu vielen hab ich soundso noch kontakt…
    aber viele interessierts wohl einfach nicht.

    interessant, wie du die generation beschreibst. ich habe letztens einen artikel in der zeitung über die 80er-kinder gelesen (so als vergleich zu den 68ern oder so) und da stand auch einiges interessantes drin.
    witzig, dass man einige dinge wohl wirklich pauschalisieren kann…

    herzliche grüße, paleica@wordpress

  6. […] einigen Wochen hat der Fragezeichner gefragt, ob er zum Klassentreffen reisen soll, nun ist er da gewesen. Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain […]

  7. Paleica, was mich an dem Klassentreffen überrascht hat, ist, dass es mir mehr über mich selbst gezeigt hat als über die anderen, wie man in einer Art Zeitreise noch einmal prägende Einflüsse seines Lebens von nahem sehen kann, sich in gewisser Weise in seinen Klassenkameraden gespiegelt sieht. Das kann auch eine sehr schmerzliche Erfahrung sein, was wohl auch ein Grund sein mag, warum manche nicht kommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: