Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Un-Fragen: War wirklich alles schlecht unter den Nazis?

In An Manche on April 21, 2008 at 7:38 am

Eine Un-Frage: war wirklich alles Schlecht unter den Nazis? Gab es nicht Autobahnen, Familienwerte, wenig Kriminalität, wenig Arbeitslosigkeit, … ?

Ich würde eher fragen: muss man sich wirklich die Mühe machen, jeden Punkt einzeln zu widerlegen? Und wenn man es nicht schafft, hat das dann irgendeine Bedeutung?

Reicht es nicht aus, diese Zeit einfach aus der Perspektive eines jüdischen Mitbürgers zu betrachten?

  • Wem nützen Autobahnen, dessen Auto konfisziert wurde?
  • Wer kann von Familienwerten sprechen, wenn ganze Familien im Konzentrationslager vergast wurden?
  • Wem nützt eine niedrige Kriminalitätsrate, der wegen seiner Herkunft einfach weggesperrt wurde?
  • Welcher Zwangsarbeiter profitiert von niedriger Arbeitslosigkeit?

Wie kann eine Ideologie, deren Ziele die Ausrottung ganzer Menschengeschlechter und die Unterjochung der Nachbarn waren, sich irgendwelche temporär für manche Menschen angenehmen Seiteneffekte anrechnen?

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  1. Fragst du als vielleicht Deutscher für einen jüdischen Mitbürger, frage ich als Jude für einen deutschen Mitbürger:
    Ich glaube, dass wir beide dasselbe möchten: Das sich das nie wieder wiederholt.
    Ich empfinde dazu eine persönliche Verpflichtung den Toten gegenüber, wie auch eine Verantwortung meinen Kindern gegenüber.

    Wenn sich das nie wiederholen soll, so, glaube ich, muss man danach fragen, was sind die Auslöser zu solch einer zerstörerischen Gewalt. Sind wir Menschen im Grunde unserers Wesens so? Brauchen wir deshalb Moral und Ethik, um diese Kräfte in uns in Schach zu halten? Was müssen wir uns wirklich ansehen – um daraus zu leren?

    Ich glaube, daß diese Fragen nur sachlich erörtert werden können, soll es die ersten kleinen Ergebnisse bringen. Wer den wirklichen Willen dazu hat, an den ist glaube ich dir Anforderung gestellt, seine berechtigen Emotionen hinter die Sache zu stellen. Emotionsgeladen werden in dieser Dsikussion nur alle Beteiligten in Wut ohne Antworten auseinanderrennen. Über 10 Millionen Tote und soviel Leid und Trauer der am Leben geblieben – dieser Teil der Weltgeschichte erfordert von uns einen besonderen und besonnen Umgang. Denn, in einem bin ich mir sicher:

    An allen Plätzen der Welt wiederholt es sich schon heute, und auch in unserer westlichen Welt sind wir nicht ausserhalb der Gefahr.

  2. Menachem, wir sind uns da völlig einig. Ich kritisiere das Rosinen-Picken, diese „Es war nicht alles schlecht“-Mentalität, die – bewusst oder unbewusst, durch was auch immer motiviert – letztlich nur dazu führt, dass wir die falschen Schlüsse ziehen.

  3. Sorry, so hatte ich deinen Beitrag nicht gelesen, manchmal bin ich selbst etwas (mal auch mehr) festgefahren. Es ist schwer, so stelle ich es auch an mir fest, sachlich zu bleiben. Und, so nehme ich das vielleicht schon einmal aus deinem Beitrag mit, hier achtsamer zu sein.

  4. Hallo ihr Beiden,

    ist es nicht erschreckend wie richtig ihr liegt. Bald ist es 60 Jahre her, die Gründung der neuen Republik. Doch noch immer gibt es keinen sachlichen Ansatz zur Klärung/Erklärung der Geburtswehen. Im Dialog mit meinem Nachwuchs darf ich Tag für Tag feststellen, dass nach wie vor verdrängt, aber eben nicht verstanden wird. Oft geht nicht einmal der Lehrkörper ordentlich mit der Thematik um. Es ist erschreckend, erschütternd (manchmal entmutigend) was sicherlich nicht nur hierzulande wieder einmal auf dem obersten Punkt der Tagesordnung steht. Z.B. die Aussage von Sven Quandt in der ARD Dokumentation „Das Schweigen der Quandt‘s“:

    „Wie kann ich dafür verantwortlich sein? Hab ich da gelebt? Nein.“

    Mit dieser Einstellung im Hinterkopf, muss es sich tatsächlich immer und immer wieder wiederholen, egal welche Uniform getragen, oder welches Bild gemalt wird.

    Gruß

  5. Wie kann eine Ideologie, deren Ziele die Ausrottung ganzer Menschengeschlechter und die Unterjochung der Nachbarn waren, sich irgendwelche temporär für manche Menschen angenehmen Seiteneffekte anrechnen?

    Naja, die Aussage „Es war nicht alles schlecht“ meint ja nicht ein Gegeneinanderaufrechnen von Positivem und Negativem, sondern ein getrenntes Betrachten einzelner Aspekte des Systems. Von dem her bedeutet ein Gutheißen des Autobahnbaus noch lange nicht, daß dadurch Holocaust und Weltkrieg in einem auch nur ansatzweise besseren Licht erscheinen würden.

    Wer kann von Familienwerten sprechen, wenn ganze Familien im Konzentrationslager vergast wurden?

    Die Gegenüberstellung ist natürlich recht plakativ, hat aber in der Form nicht viel miteinander zu tun. Warum wir seit Eva Herman alle glauben, die Nazis hätten so wahnsinnig viel für Familien übrig gehabt, weiß ich nicht. Familienwerte sind mehr als Mutterkreuze und „Meine Kinder für den Führer“-Gelöbnisse; man hat doch gerade im NS-System angefangen, die Kindererziehung zu verstaatlichen und aus der Familie in die Gesellschaft zu verlagern.

    Das Nationalistische im Nationalsozialismus hat Gott sei Dank nicht überlebt – das Sozialistische leider schon. Ich glaube, daß viele unserer heutigen kollektivistischen und wohlfahrtsstaatlichen Einstellungen aus dem NS-System übernommen wurden. Und auf den ersten Blick ist es doch toll, wenn der Staat seine einstigen Arbeitslosen per Hand ganze Seen ausgraben und Autobahnen bauen läßt; daß sowas zwangsläufig in enorme Verschuldung und eine schwache Wirtschaft führt, wollte man nicht wahrhaben – nur hieß damals die Lösung eben Krieg.

    Ich würde es für durchaus legitim halten, sich die Rosinen rauszupicken und auch von einer Diktatur etwas zu lernen. Nur wird man in aller Regel, wenn man etwas weiter denkt, zu dem Schluß kommen, daß viele Annehmlichkeiten untrennbar mit diktatorischen Prinzipien zusammenhängen.

  6. @Thomas: du gibst doch selbst das beste Beispiel: der grösste wirtschaftliche Erfolg der Nazis, der Abbau der Arbeitslosigkeit, ist nur hinsichtlich der Vorbereitungen auf einen Krieg denkbar. Kann man daraus einen Nutzen ziehen für die heutige Politik?
    Die Nazis haben einen totalitären Staat errichtet. Nur in diesem Kontext lassen sich bestimmte „Erfolge“ auch betrachten. Aber ich glaube, wir sind uns in dieser Beurteilung völlig einig.
    Nicht zustimmen möchte ich deiner Behauptung im dritten Absatz, dass sozialistische Elemente der Nazi-Zeit die Grundlage für unser Sozialsystem bilden. Die wurden schon unter Bismarck gelegt. Ich kann auch keine kollektivistische Mentalität in Deutschland entdecken.

  7. Wie stark ist die Verknüpfung, wie kurz der Weg, von den
    Un-Fragen zu den Un-taten.

    „waterboarding“. Heute im t-online ticker. Das muss ich erst mal verdauen. Die Realität ist näher, als ich dachte.

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