Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Gruppenkommunikation

In An Manche on April 15, 2008 at 7:24 am

Rundruf ins Unbekannte

[Foto: Kakadu]

Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, passe ich mich dem Gegenüber an – sowohl thematisch, als auch was meinen Kommunikationsstil betrifft. Manchmal nimmt diese Anpassung sogar Formen an, dass ich mich frage, ob das wirklich ich selbst bin, der da kommuniziert. Selbst bei einem Vortrag vor einer Gruppe von Zuhörern, versuche ich vor allem, dem Publikum gerecht zu werden.

Völlig anders ist das in der digitalen Welt bei Blogs oder auch Werkzeugen wie Twitter (das ich noch? nicht benutze). Ich kenne die Erwartungen meiner Kommunikationspartner nicht, weil ich nicht weiss, wer meine Texte oder Nachrichten liest und wer was daran interessant finden möge (bei manchen Themen-spezifischen Blogs mag das anders sein). Ich frage mich, ob diese Art der Kommunikation – eine Art Rundruf ins Unbekannte – nicht eine grosse Chance ist, mich von Erwartungen unabhängig zu machen. Oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis mich die Kommentare von Lesern wieder in ein Erwartungskorsett zwingen? Bin ich – bis dahin – in meinen Blog-Postings wirklich näher an „mir selbst“ oder versuche ich trotzdem als Stütze, irgendwelchen imaginären Erwartungen gerecht zu werden? Ist Bloggen also eine Chance, sich selbst zu finden und zu verstehen?

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  1. Hallo,

    „Ist Bloggen also eine Chance, sich selbst zu finden und zu verstehen?“

    also ich durfte lernen das es grundlegend differente Arten von Blogbetreibern gibt z.B.:

    01. Die aufgeschlossen Kommunikativen
    02. Die verschlossen sich selbst Darstellenden
    03. Die offen Sachverhalte neutral Darstellenden
    03. Die Chronisten
    04. Die Propagandisten
    05. Die Extremisten
    06. Die Ehrlichen
    07. Die Verlogenen
    08. Die Vortäuschenden
    09. Die Nutzenden
    10. Die Suchenden

    Ich denke schon, aber nur wenn Mann/Frau dies auch wirklich will 🙂

    Gruß

  2. So viele? Und ich nehme mal an, es gibt noch eine Reihe von Mischformen…
    Wo würdest du mich denn einordnen? 😉

  3. Yep! Die Annahme liegt zwar nahe, aber es gibt weniger Mischformen als Du denkst…

    Sehe gerade das sich da ein Zahlenfehler eingeschlichen hat. 2 x 03 ist natürlich falsch.

    Wie würdest Du dich denn einordnen? 🙂

  4. Da ich lieber mit offenem Ergebnis diskutiere als jemandem meine Meinung aufs Auge zu drücken: 01
    Da ich aus dem Schutze der Anonymität persönliche Gedanken von mir preisgebe: 02
    Da ich mich meist um Neutralität bemühe: 03
    Da ich die Welt beobachte und in meinen Gedanken spiegle: 03
    Da ich ein Anliegen habe: 04
    Da ich Extreme extrem verabscheue: 05
    Da ich schlecht lügen kann: 06
    Da ich besser lügen kann, als ich es eben behauptet habe: 07
    Da ich viele Gesichter habe: 08
    Da ich beim Bloggen viel lerne: 09
    Da ich mich für eines entscheiden muss: 10

  5. Hm, die Frage ist mal wieder sehr interessant. Man bräuchte jetzt empirische Befunde zur korrekten Beantwortung bzw um eine Antwort überhaupt belegen zu können. Ich schätze, es gibt Befunde, die beides belegen: Dass Blogger in Blogs mehr sie selbst sind als im realen Leben und auch dass Blogger gerade dies nicht sind.

    Ich hab grad eine Arbeit über Weblogs und Ethik geschrieben für mein Studium. Irgendwo – und ich weiß nicht mehr wo – bin ich während der Recherche darüber gestolpert, dass Blogger immer ihr Publikum im Hinterkopf haben und daher immer versuchen, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen etc. Ich persönlich glaube, dass das meistens zutrifft. Außerdem macht es ja auch Sinn. Man sollte sich schließlich bewusst sein, dass man sich in einem öffentlichen Raum bewegt. Die Frage ist dann im Prinzip, wie selbstsicher man ist und wie stark man sich beeinflussen lässt. Und auch wie gut man sein „Publikum“ überhaupt kennt. Außerdem glaube ich, dass viele der Blogger, die ihre Meinung so einzigartig und blog-typisch herausbrüllen vielleicht zurückhaltender wären, wenn sie einem gegenüber stünden.

    Für mich selber kann ich sagen, dass es durchaus Themen gibt, die ich trotz Interesse und Idee nicht gebloggt habe, weil ich bestimmte Reaktionen befürchtete. Oder dass ich auch schonmal Kritik nicht geäußert habe, weil ich keine Lust auf eine Auseinandersetzung hatte. Ich hab zwar keine Unmengen von Lesern, aber beim Bloggen denke ich an sie. So frage ich mich auch permanent, wie viel ich preisgeben will und derzeit vor allem, ob ich meine Identität gut genug schütze. Ich könnte nicht behaupten, dass ich nur für mich blogge und nie schon vor der Veröffentlichung an potenzielle Leser denke. Manchmal ist das zwar so, aber eben längst nicht immer.

    Aber es gibt vermutlich auch andere Beispiele. Es gibt Blogs, die existieren seit geraumer Zeit und kein einziger der Beiträge hat jemals einen Kommentar bekommen. Trotzdem macht derjenige weiter. Vielleicht ist es ihm egal, wer das Blog liest oder ob es überhaupt gelesen wird. Ich hab im Zuge meiner Recherchen leider keine Aussagen darüber gefunden, wie wichtig Bloggern ihre Leser bzw die Leserzahlen sind.

    Sorry, dass das jetzt so lang geworden ist. :/

  6. Sorry, dass das jetzt so lang geworden ist.

    Solange es nicht langweilig wird, darf es so lang werden, wie du möchtest.

    Eine Besonderheit beim Bloggen ist ja auch, dass jeder Kommentar, selbst wenn er an eine einzige Person gerichtet ist, von allen gelesen werden kann. Man kann sich als Blogger also schwieriger verstellen. Oder andersherum: die Leser meines Blogs haben möglicherweise ein vollständigeres Bild von mir selbst als mancher, der mich persönlich kennt, aber dem ich nur eine meiner Seiten zuwende.

  7. Das kann natürlich sein und kommt auch auf das einzelne Blog an. Ich schreibe auch viel persönliches, und gebe auch einiges preis, aber noch längst nicht alles. Wer denkt, er würde mich anhand meines Blogs kennen – selbst, wenn er alle Beiträge gelesen hat – der vertut sich mit ziemlicher Sicherheit. Ich klammere doch viel aus, was ich in einem persönlichen Gespräch erzählen würde.

    Mir ist das besonders aufgefallen, als ich 2007 nach vier Monaten Australien wieder nach Hause kam. Ich hatte recht viel gebloggt und mein Blog war die Hauptverbindung nach Hause zu Familie und Freunden. Als ich wieder hier war, fragte mich kaum einer ernsthaft, was ich alles erlebt hätte. Fast alle gingen davon aus, dass die bereits alles wussten. Dabei gehörten einige Erlebnisse nicht ins Internet, obwohl sie prägend waren. Für das Festhalten anderer hatte ich keine Zeit, manches hatte ich vergessen zu bloggen oder sah ich zum damaligen Zeitpunkt als unwichtig an, obwohl mir nach der Rückkehr auffiel, dass es spannend gewesen wäre. Mir wurde klar, dass den meisten Leuten nicht bewusst war, dass die Inhalte im Blog nur eine Seite meines Aufenthaltes zeigten.

    Auf der anderen Seite kann ich mir wiederum vorstellen, dass ein Blog ein vollständigeres Bild abgibt. All die Kategorien, all die verschiedenen Stimmungen und Gedanken und Lebensphasen, die im Blog zu finden sind, bekommt natürlich kaum jemand alle übermittelt, den man trifft. Das Glück (oder Pech 😀 ) haben dann wohl nur Leute, die man gut und lange kennt schätze ich. Wobei wohl auch nur Blogger, die einem (besonders) wohl gesinnt sind, alles lesen.

  8. Interessante Geschichte, dass sich dein Freundeskreis bereits durch dein Blog ausführlich informiert fühlte. Mein Freundeskreis und meine Blog-Leser existieren (noch) völlig getrennt voneinander, diese Erfahrung kann ich also nicht teilen.

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