Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Google und das Böse

In An Niemanden on April 15, 2008 at 10:25 pm

Sauron's Eye

[Foto: AmUnivers]

Wenn Google es nicht schafft, nicht böse sein zu können, wer soll es dann schaffen?

April 2004. Die beiden Gründer sind aufgeschlossene und intelligente Menschen mit Visionen, die ihr Ideal vom kreativen und innovativen Arbeiten auf die Unternehmenskultur übertragen haben. Ihr Such-Dienst hat das Internet auch für Nicht-Techniker zugänglich gemacht, schadet weder der Umwelt, noch beutet er Menschen aus. Das Produkt ist so überzeugend, dass Google gar keine Werbung dafür schalten und auch keine fiesen Tricks gegen Konkurrenten einsetzen muss. Ihre Art, auf der Suchseite mit Werbung Geld zu verdienen, ist sehr diskret und unaufdringlich und hat die Werbung im Internet gerade für kleine Unternehmen revolutioniert. Das Unternehmen behandelt seine Mitarbeiter wie Könige und wird von der web-affininen Tech-Szene geradezu kultartig verehrt. Mit dem Motto „Sei nicht böse“ präsentiert sich das Unternehmen geradezu als weisser Ritter und in scharfem Kontrast zum rücksichtslosen Monopolisten Microsoft.

April 2008. Googles Produktmanagerin Melissa Mayer findet (sinngemäss, siehe Zitate im TechCrunch-Artikel), das Motto „Sei nicht böse“ war gar nicht so ernst gemeint wie manche meinen und  wird ständig zitiert, um Google zu kritisieren. Was ist also schiefgelaufen? Irrationen um Werbung, die sich ans persönlichen E-Mails orientiert, Zensur von Inhalten in China, unnötig umfangreiche und langlebige Speicherung von persönlichen Daten, der umstrittene Kauf vom Banner-Werber DoubleClick, Auseinandersetzungen mit Content-Anbietern über Urheberrechtsverletzungen, …

Ist das alles schon böse oder noch nicht? Auslegungssache! Auslegungssuche? Frau Mayer findet es nicht böse. Ich finde es bereits böse, allerdings nicht böser als die Konkurrenz.

Wenn es also selbst Google mit den allerbesten Voraussetzungen nicht schafft, ohne fragwürdige Züge im Wettbewerb zu bestehen, dann heisst das ja wohl, es ist schlicht und einfach nicht möglich. Es geht wohl einfach nicht ohne Politik, ohne Lobbying, ohne Abschottung, ohne Patent-Poker, ohne das Verschieben der Grenze des Akzeptablen, ohne Verdrängung, ohne kleine oder auch mal grössere Schweinereien. Google hat seine Aufgabe erfüllt und Microsoft zum Wanken gebracht. Aber jetzt muss Google selbst zum Wanken gebracht werden. Und einem jungen sympathischen Startup wird es eines Tages gelingen und es wird dafür gefeiert werden und es wird sich selbst wieder in das Böse verwandeln müssen.

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  1. Wo war jetzt die Frage?

  2. Hallo,

    also der tut jetzt richtig weh 😦

    „Wenn es also selbst Google mit den allerbesten Voraussetzungen nicht schafft, ohne fragwürdige Züge im Wettbewerb zu bestehen, dann heisst das ja wohl, es ist schlicht und einfach nicht möglich.“

    Alternativ könnte man da auch herauslesen das Du so eine Art Googlejünger bist, der in dieser Art seiner persönlichen Enttäuschung Ausdruck verleiht…

    Immerhin spiegelt ein jedes System lediglich die Fähigkeit derer Erschaffer wieder sich selbst in Frage zu stellen, wie auch mögliche Entwicklungen vorherzusehen, bzw. Mechanismen zu entwickeln, welche diese Funktionen stetig zuverlässig ausüben.

    Wer bei Google stellt sich selbst und/oder deren Entscheidungsträger in Frage? Wer erarbeitet die Vorhersagen der Marktentwicklungen?

    Gruß

  3. @Benni: ganz am Anfang, zugegeberweise nur ein Feigenblatt. Aber du kannst gerne den ganzen Artikel mit einem Fragezeichen versehen, er ist mehr eine Diskussionsvorlage als ein Manifest.

    @Michael: ja, das kann man herauslesen, das ist nicht ganz falsch. Ich habe Google in der Tat schon sehr früh gekannt und genutzt (1999), weil ich damals im Netzwerk-Bereich forschte und sich Google dort sehr schnell herumsprach, und habe das Unternehmen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt (mich sogar dort vor 2 Jahren beworben). Ein enttäuschter „Google-Jünger“ bin ich zwar nicht, aber ich hätte mir schon eine andere Entwicklung gewünscht. Ich glaube, es ist innerhalb Google das eingetreten, was Weizenbaum in seinen Erfahrungen mit den Forschern am MIT beschrieben hat: alle sind begeistert dabei, das Mögliche auszutesten, ohne an die Konsequenzen zu denken. Und natürlich ist das Unternehmen auch dem Druck seiner Aktionäre, der Finanzmärke und einer harten Konkurrenz ausgesetzt und unterliegt im gleichen Masse gruppendynamischen Prozessen („machen die anderen auch“, „kämpfen um unsere Zukunft“, …). Was meinst du, stellt jemand bei Google ernsthaft etwas in Frage (z.B. das Datensammeln), was dem Unternehmen einen Nutzen bringen könnte?

  4. Danke für die 06er Antwort 🙂

    Ein Freund hat es einmal so formuliert:

    „Wir haben es geschafft die Politik zu demokratisieren, aber das hat derart viel Blut und Leid gekostet, dass wir davor zurückschrecken eben solches mit der Wirtschaft zu unternehmen.“

    Ich denke er hat da vollkommen recht. Erst wenn es unserer Lebensgemeinschaft gelingt durch sichtbare und greifbare Beweise aufzuzeigen, das wir auch anders, eben demokratisch wirtschaften können, kann der von dir beschriebene Kreislauf der „kommenden, zerfallenden/pervertierenden und verdrängten“ durchbrochen werden.

    Zu deiner Frage:

    Ein deutliches JA. Ich kenne sogar Personen die dort tätig waren und genau dies taten. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, das sie aussergewöhnlich loyal waren. Ihnen war es nicht vollkommen egal wie die Aussenwelt ihren Arbeitgeber betrachtet. Aber es half und hilft natürlich nicht, von Innen zu kritisieren oder zu mahnen, wenn der Mechanismus dem man dienlich ist, weder mit der Kritik noch der Mahnung umgehen, bzw. diese erfolgreich in Kapital u/o die weitere Sicherung von Marktanteilen umsetzen kann.

    Aber keine Sorge 🙂

    Es sind ja schon jetzt Firmen auf dem Weg, die genau diesen Nachteil ihrer Mitbewerber zum eigenen Erfolg nutzen. Hatte ich eine davon hier nicht schon einmal verlinkt? Eine Einzelhandelskette, die z.B. ihre Standortentscheidungen (Eröffnung neuer Filialen) von dem Votum der eigenen Mitglieder abhängig macht. Ein starker Marktvorteil, wenn Du mich fragst. Führt dies doch zu maximal möglicher Effizienz allein auf diesem Gebiet. Die diktatorisch organisierten Mitbewerber können hier nicht mithalten.

    Gruß

  5. Ach Mist…

    ich meinte 07er…

    Bring das doch mal bitte in Ordnung. Sonst verwirre ich mich selbst noch mehr 😉

  6. Das was du im letzten Abschnitt deines Beitrages beschreibst, ist der Ist-Zustand, das sind die herrschenden Gesetze, und wie tief der Sumpf ist, siehe Siemens, und auch dort wird es nur ein kleiner Teilausschnitt sein, den wir zu sehen bekommen. Mittlerweile wirken in diesen System Kräfte, die mit Verweigerung einzelner Personen nicht mehr veränderbar sind. Da stellen sich mir drei Fragen:
    1. Da das schon immer so war, sollte das nicht irgendwann akzepitert werden?
    Das meine ich nicht oberflächlich, denn, ich denke dazu gehört viel Kraft und Wille, denn es begräbt die „Hoffnung“
    2. Wo ist ein wirklich machbares Gegenmodell, dass nicht nur allein als Vorzeigefall bemutert wird, sondern auch wirklich auf die Weltwirtschaft übertragbar sein wird
    3. Und, sollte es gefunden werden, wieviel hundert Jahre bis zur Umsetzung wird es brauchen?

    Und bis dahin, sind wir vielleicht schon wieder bei Punkt 1.

  7. @Menachem: gute Fragen! Es gibt in der Tat immer mal wieder Vorzeigeprojekte von kleinen ethisch handelnden Unternehmen, die aber meist nur regionale Reichweite haben. Vielleicht liegt ja genau darin eine Lösung, nämlich kleinere, übersichtliche und kontrollierbarere Strukturen zu fördern – aber während ich das schreibe, kommt es mir bereits naiv vor. In die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens setze ich einige Hoffnung, weil es dafür sorgen könnte, dass Menschen unabhängiger und freier in ihrer Entscheidung gemacht werden, welche Arbeit und unter welchen Bedingungen sie annehmen. Aber hier stehen wir ja ganz am Anfang der Diskussion.
    Sollten wir es akzeptieren? In gewisser Weise tun wir dies natürlich, weil wir das System nicht abschaffen und durch ein besseres ersetzen können (und mit den Menschen ist es ja genauso). Aber das entlässt niemanden aus der Verantwortung, Verfehlungen anzuprangern und auch gesetzlich zu verfolgen, wie das bei Siemens ja auch geschieht.

  8. Schön, dass wir jetzt doch wieder beim Fragen angekommen sind 🙂

    Auf diese Fragen brauchen wir ziemlich dringend eine Antwort, weil „das System“ ja nicht nur im Fall von Google extrem zerstörerische Auswirkungen hat. Die aktuelle Hungerkrise ist das krasseste Beispiel. Mehr Fragen und vielleicht auch ein paar Antworten findet ihr vielleicht hier: http://www.keimform.de/ (Eigenwerbung)

  9. Hallo,

    das System von dem ihr alle sprecht ist ein System der „Verantwortungsverdrängung“.

    Einzig daher rühren sämtliche Umverteilungsprobleme in der Ökonomie. Die welche die Verantwortung nicht tragen wollen, beschweren dadurch das Leben/die Existenz derer die sie ertragen sollen/müssen. Selbige bedienen sich dann dafür eifrig am Futtertrog aller. Erst wenn Ökonomie ein Spiel für die ganze Familie wird, wird sich etwas an der Substanz selbst ändern.

    Es geht schon anders, Mann/Frau müsste es nur wollen. Die Rahmenbedingungen sind längst gegeben 🙂

    Gruß

  10. Ich glaube, dass viele es wollen (und ich glaube es auch den Google-Gründern), aber dass sie es – aus welchen Gründen auch immer – nicht können.

  11. „aus welchen Gründen auch immer“

    Man muss sich selbst zurück nehmen, Entschlüsse der Mehrheit akzeptieren können…

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