Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Frustrierende Erfahrungen eines Fragenden

In An Jemanden on April 6, 2008 at 6:49 pm

Gesprächskultur

[Foto: lionscavern]

Ich habe am Donnerstag eine etwas seltsame Erfahrung gemacht. Ich bin auf einen Artikel eines mir bis dahin unbekannten Blogs gestossen, der den Blog-Vermarkter Adical mit harschen Worten („Blutgeld“) dafür kritisierte, mit Cisco und Yahoo zwei Werbepartner gewonnen zu haben, die mit dem chinesischen Regime kooperiert und Regimegegner ans Messer geliefert haben sollen. Daraufhin stellte ich ein paar Fragen. Ich bekam zwar keine Antwort, wurde aber mit Vorwürfen bombardiert: hätte wohl noch nie in dem Blog gelesen, trüge eine Konsumhaltung mit mir herum, würde wohl schneller kommentieren als denken, habe eine Schwarz-Weiss-Sicht, rechtfertige unmenschlichen Pragmatismus. Schliesslich wurde mir noch mein persönliches Armutszeugnis ausgestellt, Oberflächlichkeit bescheinigt und Niveaulosigkeit in Bodennähe attestiert. Alle Vorwürfe passten in 2 Kommentare. Meine Replik wurde dann gar nicht mehr freigegeben. Eine äusserst frustrierende Erfahrung, schon präventiv für eine nicht geäusserte Meinung bestraft zu werden, die ich mir noch gar nicht gebildet hatte.

Habe ich etwas falsch gemacht, habe ich das Thema verfehlt? Konnte mein Kommentar als destruktive Provokation empfunden werden? Hätte ich mich vorher über mehr Einzelheiten dieser konkreten Affäre informieren müssen, bevor ich relativ abstrakte Fragen dazu stelle? Oder liegt es am Fragen selbst? Ist Fragen selbst vielleicht sogar viel provokativer als eine Gegenmeinung zu vertreten? Werden Fragen als Troll-Verhalten empfunden, weil sie Antworten und Rechtfertigungen fordern und in eine aufwendige Diskussion verwickeln können?

Oder wurde ich nur Zufallsopfer mangelnder Gesprächskultur, die sich in Arroganz, Rechthaberei, reflexgetriebener Gesinnungskultur und paranoidem Freund-Feind-Denken manifestiert? Zeit, das Frage-Konzept zu überdenken?

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  1. Dein Problem, der Habitus des Fragenden, Fragen ist essentiell, allerdings sind dem auch Grenzen gesetzt. In Betriebssystem-Kreisen würden man irgendwann RTFM folgen lassen als Antwort oder heute auch üblich google mal wieder.

    >Zeit, das Frage-Konzept zu überdenken?

    Ja und zwar würde ich den goldenen Mittelweg suchen, viele antworten einfach nicht mehr, wenn die Antworten durch simplen Fleiß erreichbar sind.

  2. Ich stelle in diesem Blog ja keine Fragen, für die es eine Antwort gibt, die man googlen könnte – und auch nur wenig Fragen, auf die ich überhaupt eine Antwort erwarte. Sinn der Sache ist, zum Nachdenken anzuregen, Gewissheiten und Vorurteile zu hinterfragen, Ideen zu entwickeln und zu teilen, ergebnisoffen an Sachverhalte heranzugehen, Fragen als Stilmittel und Kommunikationsinstrument aufzuwerten.
    Was das Abwatschen auf Eurem Blog betrifft, bin ich immer noch so klug als wie zuvor.

  3. In einem Blog, in dem man erst viel gelesen haben sollte, bevor man kommentieren darf, sollte an der Türe: „Nur für Insider“ stehen. Ein Blog-Leser sollte im Normalfall davon ausgehen können, dass ein Text für sich steht.

    In manch einem Blog hat sich allerdings inzwischen eine feste Beziehung zwischen Bloggern und Fanclub herausgebildet, neue, ungewohnte Kommunikationsansätze haben es da schwer – sie werden oft intuitiv abgelehnt, noch dazu, wenn der neue Kommentator Dinge in Frage stellt, die unter Bloggern und Fans als sebstverständliche Tatsachen gelten.

    Ich halte dein Frage-Konzept für eine interessante eigenständige Idee, die nicht aufgegeben werden sollte. Oft habe ich sogar den Eindruck, dass bei vielen Problemen das Fragen die einzig angemessene Kommunikationsform ist.

  4. @Fragezeichner: Ganz im ernst: Ich habe Deine Fragerei als Unverschämtheit empfunden. Der „Streit“, um den es in dem Artikel geht, ist seit einem Jahr bekannt. Es wurden mehrere Links in den Artikel gesetzt, die all Deine Fragen beantwortet hätten. Deine gesamten „Argumente“, die Du mit den Fragen eingebracht hast, wurden schon ein Jahr vorher „ausgefochten“.

    Zudem habe ich gerade in dem Artikel extra betont, dass es nicht um das Ob, sondern um das Wie des Werbens geht.

    Ich halte das Konzept „dumme Fragen stellen“ teilweise für unverschämt. Ich habe an dem Artikel ca. 2 Stunden gesessen, alte Sachen nochmal nachgelesen, diese verlinkt, auch die Bilder suchen, einfügen kostet Zeit – zudem habe ich gerade in diesem Artikel differenziert, sogar Privates offenbart. Ich hatte wirklich das Gefühl, als hättest Du nur den ersten Absatz gelesen.

    Ich empfand Dein Auftreten dort als absolute Unverschämtheit. Und ja, Du solltest Dein Konzept überdenken. Wenn man so einen Artikel schreibt, egal welches Thema, Zeit investiert, dann Fragen gestellt bekommt, die im Prinzip schon beantwortet wurden, dann macht man das vielleicht einmal mit, oder auch zweimal – aber nicht mehr nach 10 Jahren wie Oliver und ich. Erst recht nicht bei so einem Thema, wo uns zur gleichen Zeit mehrere „Trolle“ begleitet haben.

    Solltest Du Dich persönlich angegriffen gefühlt haben, sorry.

  5. @Chris: auch wenn ich dir zugestehe, dass es nervig sein muss, in Diskussionen gedrängt zu werden, die man schon mehrfach geführt hat, finde ich Euren Umgangston ganz schön bitter. Wenn du meine Fragen für dumm hältst (was auch möglicherweise daran liegen mag, dass du sie für dich schon beantwortet haben magst), kannst du sie ja gnädig ignorieren oder mich mit einem weiterleitenden Link darauf aufmerksam machen, dass du diese Diskussion bereits geführt hast. Aber gleich ein Arsenal von Beschimpfungen auszupacken, was soll das bringen? Trotzdem danke, dass du dich zumindest hier auf Kommunikation einlässt. Ich sehe zumindest etwas klarer.

    Noch ein Wort zum Inhaltlichen: es mag zwar stimmen, dass ich vor allem den ersten Absatz des Artikels interessant fand, ich habe ihn aber sehr wohl ganz gelesen. Ich fand aber nunmal gerade die Frage wichtig, ob es überhaupt Unternehmen gibt (für Produkte vielleicht eher?), für die man mit gutem Gewissen werben kann (ich tue es bewusst nicht) und wo die persönliche Schuld beginnt. Klar, muss man sich nicht antun, zumal mit einem Fremden, der zu spät kommt und zu laut mit der Tür ins Haus fällt. Aber ich werde schon noch jemand anderes zum diskutieren finden 😉

    Mein Konzept ist übrigens nicht „dumme Fragen stellen“. Dies zu validieren, vertraue ich deiner Medien-Kompetenz.

  6. „Zeit, das Frage-Konzept zu überdenken?“

    Ja. Denn sowas mag als „Blog-Konzept“ funktionieren – als Kommentar-Konzept wird es ganz schnell zur arroganten „Folge-dem-Link-dann-merkst-Du-daß-ich-nicht-anders-will“-Attitüde.
    Fragen können ohne Zweifel auf interessante Gedanken kommen lassen – aber nur Fragen als Kommentar, und da verstehe ich die o.g. „Betroffenen“ gut, können im schlimmsten Fall wirklich als Unverschämtheit aufgefasst werden. Auch wenn sie überhaupt nicht so gemeint sind. Aber toll, daß die Diskussion noch so höflich aufgelöst wurde!
    Mögliche Lösung: außerhalb dieses Blogs nicht stoisch am „Konzept“ hängen. Auch Punkte (und Ausrufezeichen!) können Diskussionen befruchten.

  7. @stilhäschen: ich gebe dir Recht, Fragen können Diskussionen zwar stimulieren, aber nicht tragen. Deswegen äussere ich mich in Kommentaren (sowohl in meinem eigenen als auch in anderen Blogs) auch in gewöhnlicher Prosa (auch wenn mal die ein oder andere Frage darunter sein mag).
    In dem oben genannten Fall war die Diskussion nach meiner gescheiterten Eröffnung für mich schon beendet, bevor es mir möglich wurde, Ausrufezeichen oder sonstige Satzzeichen loszuwerden 😉

    Aber vielleicht taugt es auch als Blog-Konzept nicht wirklich, weil es einengt und künstliche Distanz schafft.

  8. Die meisten unserer Aussagesätze sind doch etweder Anmaßungen von Wissen oder versteckte Fragen. Ich finde es gut, dazu zu stehen, dass man eigentlich nur Vermutungen und keine Antworten hat.

  9. @Jörg: danke für die Unterstützung! Ich habe nicht vor, damit anzufangen, meine Wahrheiten und Gewissheiten zu predigen, die reichten auch nicht aus für ein tägliches Posting 😉
    Ich frage mich halt, ob eine permanente Fragehaltung nicht in gewisser Weise abschreckend wirkt. In Kommentaren tut sie das ganz offensichtlich. Und in Blog-Postings? Eine Alternative, sich Themen zu nähern, wäre zum Beispiel in einem fiktiven Streitgespräch, in dem Gegenargumente aufeinandertreffen. Oder über Satire?
    Ich weiss nicht recht, vielleicht habe ich auch gerade den Blog-Blues…

  10. Klar ist das der Blog-Blues!

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