Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Nachdenkseiten?

In An Jemanden on April 4, 2008 at 7:55 am

Ich bin auf eine blogartige Web-Seite namens Nachdenkseiten gestossen. Der Titel hat mich angezogen. Ich erwartete Nachdenkliches. Ich erwartete, zum Nachdenken angeregt zu werden. Ich bin ein wenig enttäuscht. Kann es sein, dass die Autor der Seiten (einer ist ein ehemaliger Mitarbeiter der sozialliberalen Bundesregierung der 70er) nicht zum Nachdenken bringen will, sondern vielmehr, dass seine Leser das nach-denken sollen, was er ihnen bereits vor-gedacht hat?

Advertisements
  1. Das ist eine plausible Interpretation des Titels der Web-Seite. Es ist in dieser Welt immer merkwürdig, wenn jemand auf alles klare und einfache Antworten hat. Wo doch schon die Fragen oft nicht klar und einfach sind, wenn man genau hinschaut.

  2. Dann hast du dich mit diesem Blog nicht wirklich beschäftigt. Es ist eine Sammlung von Nachrichten und Kommentaren (aus diversen Zeitungen und eigene der Webseitenbetreiber) die ein Anliegen hat: aufzeigen, dass es durchaus andere Betrachtungsweise zur aktuellen Politik und Wirtschaft gibt, als jene, die eine weitgehend gleichgeschaltete Presse mittlerweile publiziert. Das soll in der Tat einfach nur zum Nachdenken und eigener Meinungsbildung führen, aber niemand muss oder soll zwangsläufig deren Meinung übernehmen.

    Und für die Hinweise und Entlarvungen der Mechanismen der Manipulation und Meinungsmache (z.B. die gemeinsame Kampagne von BILD und Allianz-Versicherung zur Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung) kann man gar nicht dankbar genug sein. Hier versagt die restliche freie Presse und die Öffentlich-Rechtlichen Sender total!

  3. @Robert: das Anliegen der Nachdenkseiten ist ehrenwert und tatsächlich nimmt es eine Betrachtungsweise ein, die in der Politik und vor allem in den Medien unter den Tisch fällt. Mir scheint dies aber auf eine recht dogmatische Weise zu geschehen. Es scheint weniger darum zu gehen, nachdenklich zu machen (auch wenn dies für manche Leser ein Nebeneffekt sein mag), sondern eine andere Wahrheit zu postulieren. Es scheint mir weniger darum zu gehen, den Leser anzuregen, sich eine Meinung zu bilden, als eine Meinung vorzugeben. Das ist völlig legitim und will ich auch nicht kritisieren. Aber den Titel „Nachdenkseiten“ empfinde ich als Mogelpackung.

    • @Fragezeichner: Es geht nicht darum eine Wahrheit zu postulieren. Es geht ausschliesslich darum aufzuzeigen wie Konzepte geschaffen sind und wer davon profitiert. Wenn man es genau nimmt, haben Albrecht Mueller und sein Team die Finanzkrise mehr oder weniger vorhergesagt.
      Niemand von unseren renommierten Presseblaettern wie Focus, Stern und Spiegel hat diesen Weitblick gezeigt. Auch die Idiotie solcher Mogelpackete wie der Riesterrente wird sachlich und mathematisch korrekt abgehandelt und belegt ganz klar wie der Buerger hier ueber den Tisch gezogen wird. Wenn man tagein tagaus sich ausschliesslich mit den Massenmedien umgibt wird einem genau das Gegenteil behauptet. Mir haben die Nachdenkseiten wirklich geholfen, gesunde Entscheidungen zu treffen finanzieller sowie politischer Art. Die Kommentare die manchmal zu den Artikeln geschrieben werden sind fuer den muendigen Buerger ueberfluessig.
      Die Legitimtaet des Titel Nachdenkseiten beruft sich nach meiner Auffassung darauf: Jedes Wort was geschrieben wird, verinnerlicht die Interessen einer Gruppe in der Gesellschaft. Die Nachdenkseiten versuchen die Meinungsbildung von unten zu beeinflussen, im Gegensatz zu den privaten Verlagen und den Regierunsorganen. Die Meinungsbildung vollzieht sich genau hier. Du bist den taeglichen Medien mit ihren vorgefertigten Meinungen ausgesetzt, und genau hier greifen die Nachdenkseiten ein und zwingt ihre Leser diese zu hinterfragen. Genau dieses Hinterfragen ist nichts anderes als ueber die taeglichen politischen Entscheidungen tiefgruendig mal nachzudenken.

  4. Hallo,

    ich denke Du persönlich betrachtest dies bereits aus einem zu „hohen“ bzw. zu „weiten“ Blickwinkel. Ich kenne z.B. einige Entscheidungsträger (nicht nur im Bereich IT) die diese spezielle Form der Information früher nicht kannten. Ihr Urteil über die Dinge wie sie so sind, wie sie waren bzw. wie sie sein sollten, stand quasi in Granit gemeißelt fest. Erst der (mehr oder weniger) regelmäßige Konsum dieser „Gegeninformationen“, brachte sie dahingehend zum Nachdenken, dass sie sich begannen zu fragen:

    „Sind die Dinge wirklich so wie sie mir erscheinen, oder wie man sie mir gegenüber darstellt?“

    Vom Grundsatz her ist das ein wenig wie die Sache mit Michael Moore. Es gibt immer wieder Leute die ihn anklagen die Dinge und/oder Sachverhalte zu einseitig darzustellen. Sie meinen er verzerre die Realität und polemisiere über Gebühr. Nur das diese Leute nicht akzeptieren wollen, dass Moore‘s „Gegner“ dies auch unternehmen. Er bedient sich lediglich derer Werkzeuge zur Darstellung.

    Oft sind die Ankläger von Moore die Sorte Mensch die auch Sachen propagieren:

    „Nur weil die anderen Lügen um ihre Ziele zu erreichen, sollte ich dies nicht auch tun.“

    Alles eine Frage des Blickwinkels 🙂

    Gruß

  5. @Michael: also so wie in Wolf Biermanns Ballade:

    Wenn solche wie du entschieden zu kurz gehen, gehen andere eben ein bisschen zu weit

    Glaube aber nicht, dass das wirklich funktioniert. Ich nenne das das „Phänomen der offenenen Türen. Solche Seiten sprechen nur Leute an, die schon überzeugt sind und schweisst ihre Gegner stärker zusammen. Das heisst, sie rennen auf der einen Seite offene Türen ein und auf der anderen Seite gegen die Wand.

  6. Dies betrachtest Du aus dem Blickwinkel eines Entscheidungsträgers?

  7. Nein, das ist ein ganz allgemeines zutiefst menschliches Phänomen, Dinge wahrzunehmen, die in die eigenen Vorstellungen passen, und alles andere zunächst abzulehnen.
    Im Wahlkampf mag sich das verstärken: Michael Moore z.B., den du oben genannt hast, wird meines Erachtens keinen einzigen George-Bush-Wähler bekehren, sondern nur die Bush-Gegner in ihren Überzeugungen bestärken.

  8. Wobei ich mich gerade frage, warum Du den stetigen Wandel der Gesellschaft allgemein und einzelner Individuen im speziellen so stark bestreitest.

    Würde deine Aussage zutreffen, gäbe es keinerlei Entwicklung der Spezies als selbes. Dies widerspricht jedoch der klar beobachtbaren Abneigung sehr vieler Europäer gegenüber körperlicher Gewalt.

  9. Ich bestreite doch keinen Wandel. Menschen können zum Beispiel von denen überzeugt werden, die ihnen auf gewisse Weise nahestehen. Oder sie verändern sich durch Erfahrungen, die ihr Weltbild erschüttern. Oder sie verändern ihre Meinung in vielen kleinen Schritten. Auch durch die Medien kann das geschehen, aber: wenn die FAZ Angela Merkel kritisiert wird dies aufmerksamer zur Kenntnis genommen als wenn es die TAZ macht. Kritik „aus den eigenen Reihen“ ist glaubwürdiger als die des politischen Gegners.
    Die Polemik eines Michael Moore (oder auch die Songs eines Bob Dylan) ist zwar grossartig. Aber sie begeistert vor allem die eigene Anhängerschaft. Im Kleinen könnte das auch für die Nachdenkseiten gelten.

  10. Yep,

    das hat natürlich aus den eigenen Reihen sehr viel mehr „Aha“ Effekt 🙂

    Aber auch die „eigenen“ Reihen müssen erst einmal beginnen eine ihnen differente Realität wahrzunehmen. Oder woher kommt sonst deren Wille zur Kritik?

    Immerhin ist doch auch beobachtbar das unserer eher bequeme Spezies sich erst rührt, wenn sich ein Problem nun wirklich nicht mehr hinwegleugnen lässt, oder?

  11. Ja, das ist wohl bei den meisten so.

  12. @robert: „aufzeigen, dass es durchaus andere Betrachtungsweise zur aktuellen Politik und Wirtschaft gibt, als jene, die eine weitgehend gleichgeschaltete Presse mittlerweile publiziert.“

    Dies aufzuzeigen dürfte schwer sein, denn dazu müsste man eine Betrachtungsweise finden, die sich in der Presse nicht findet.

    Solche Anwendungen der Formulierung „gleichgeschaltete Presse“ sind immer relativistisch, sie verharmlosen das, was der Begriff eigentlich bezeichnet, indem sie ihn auf Phänomene ausdehnen, die völlig anders gelagert sind. Eine Presselandschaft von Bild bis FAZ, von Zeit über Focus bis Bunte, von „Junge Welt“ und „Neues Deutschland“ über taz und Tagesspiegel bis Süddeutsche als „gleichgeschaltet“ zu bezeichnen, ist absurd, die „Gleichschaltung“ beschränkt sich hier auf die Verwendung der gleichen Buchstaben, schon die Sprache, die Rechtschreibung, die Wortbedeutungen sind unterschiedlich, von den Inhalten, Zielen und Meinungen ganz zu schweigen.

    • @Joerg Friedrich. Gleichgeschaltet im sinne von wohnzimmern die bestimmte medien erreichen. Ansonsten koennte man der DDR und den Nazis auch nicht vorwerfen eine gleichgeschaltete presse gehabt zu haben. Waehrend des dritten reiches habe wagemutige auch flugblaetter verbreitet und die DDR hatte sogar eine CDU und leute wie Bierman durften in der DDR singen…
      Ich hoeffe der Zynismus ist offensichtlich.

  13. […] bzw. –Vergangenheit gefährdet (siehe „Propagandavorwürfe“ hier und hier)? Soll sich ein konservativer/ liberaler User auf Ihrer Website gar nicht unbedingt […]

  14. Die Nachdenkseiten denken nicht vor!

    Sie liefern Aspekte, die, selbstverständlich gewichtet, etwas darlegen wollen, was unzweifelhaft geschehen ist: Der Sozialstaat ist den Asozialen anheim gefallen, die soziale Marktwirtschaft ist die asoziale Marktwirtschaft geworden, Lobbyisten werden Experten genannt.

    Wenn die Kolportierung der nicht nur strunzdummen, hinterfotzigen und verlogenen, sondern auch der akut gefährlichen Phrasen eines H.W. Sinn oder F. Merz, D. Hund oder L. Mohn unwidersprochen stattfindet, daraufhin sich eine andere (weitaus unbeachtete) dedizierte, kritische (sachlich begründete) Position bildet, diese als (im Grunde) polemisch zu bezeichnen, wo doch alles, was durch diese Seite angeprangert wird, sich im Filz aus Korruption, Vorteilsnahme und undemokratischen Handeln verortet, oder zumindest im Abwesen jeder wirtschaftlichen Vernunft, solange sie nicht „L’est Etat C’est Moi“ ruft, dann kann es kaum verwundern, dass ein solches in einem Blog vorkommt, der sich „Frageblog“ titelt.

    Bis zur Antwort: Selbstgefälliges weiterraten!

    • Lieber Torsten,

      so sehr ich deine Antwort auch schaetze. Eines habe ich gelernt, du kannst einem Christen nicht erzaehlen das es keinen Gott gibt – der vertraegt das einfach nicht wenn man ihm vor den Kopf stoesst, daher nimm dir die Antwort des fragezeichners zu herzen. Genau so verhaelt es sich auch mit der Interlektu“lle wie Volker Piepsers es immer zu sagen pflegt.

  15. torsten,
    wir sind: „weitaus unbeachtet, dezidiert, kritisch, sachlich begründet“
    die anderen sind: „strunzdumm, hinterfotzig, verlogen, korrupt, undemokratisch“
    Es ist genau diese Art, der Auseinandersetzung, die ich in Frage stelle.
    Meinst du, beim Lesen der Nachdenkseiten wird man nachdenklich? Oder geht es nicht vielmehr darum, denjenigen aus dem Herzen zu sprechen, die sowieso schon davon überzeugt sind, dass sie von der Gesellschaft über den Tisch gezogen wurden? Ich glaube, dass die Nachdenkseiten mit ihrer Art viele Leser verschenkt – und ja, das findet ich durchaus schade.

  16. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

  17. Hm…
    Albrecht Müller ist durchaus ein fragwürdige Gestalt. Die Art und Weise, in der er seine Position verbreitet, ist wenig „nachdenklich“, sondern zeugt – wenn man das aus einem ablehnendem Abstand betrachtet – von Altersstarrsinn.

    Dummerweise ist er mit seiner Perspektive durchgehend im Recht.

  18. Websites wie ‚Nachdenkseiten‘ sind phantastisch und absolut notwendig in einer Medien-Welt, die zu viel Meinungsmache und zu wenig anders denkende Perspektiven aufzeigt, insbesondere solche, die auf gut fundierten Fakten beruhen.

    Ich gratuliere den Machern, Autoren und Helfern der NachDenkSeiten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: