Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Die 68er

In An Manche on Februar 27, 2008 at 9:06 am

Sei jung und schweig!

[Foto: jonandsamfreecycle]

Die sogenannte 68er-Generation wird immer mal wieder für den Niedergang familiärer Werte verantwortlich gemacht. Ist es nicht vielmehr so, dass die 68er als erste diesen Niedergang erkannt haben und die Bigotterie von innerlich kaputten und nur fassadenhaft aufrechterhaltenen Ehen nicht ertragen konnten?

Wird also nicht der Überbringer der schlechten Botschaft bestraft?

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  1. „Innerlich kaputt“ und „fassadenhaft aufrechterhalten“ sind absolut unangebrachte Euphemismen für die Ehe als Institution vor 68, in der die soziale (und damit überindividuelle!) Rolle der Frau die des Heimchens am Herd war.

    68 brachte die Frauenbefreiung. Wie kann man vor diesem Hintergrund die Familie vor 68 zum Idealbild verklären?

  2. @Buchstabenfee: Welche Formulierungen würdest du denn vorschlagen?

    Wie kann man vor diesem Hintergrund die Familie vor 68 zum Idealbild verklären?

    Gute Frage!

  3. Nun, ich denke, die Frage ist nicht „Waren die 68er Schuld am Niedergang der familiären Werte, oder haben sie diesen Niedergang nur als „schlechte Botschaft“ übermittelt?“. Das Problem sind ja vielmehr die „familiären Werte“ selbst. In deiner Formulierung klingt es so, als seien diese Werte ein unhinterfragbares gesellschaftliches Gut.

    Man müsste viellecht erst klären, welcherart sind diese familiären Werte? Es ist richtig, die 68er werden – gerade in den Diskussionen der letzten Zeit – als verantwortlich für deren Niedergang dargestellt. Die „familiären Werte“ tauchen immer wieder auf, aber meist als leeres Schlagwort, das irgendein zeitloses „bien absolu“ bezeichnen soll.

    Halten wir uns die Organisation der Familie vor 68 vor Augen – der Vater als Patriarch an der Spitze, dahinter (!) die Ehefrau und Mutter, die altruistisch für Mann und Kinder einen Hort der Geborgenheit und des Rückhalts schafft – ja, dann kann man sagen, die 68er sind verantwortlich für den Niedergang der Familie. Ein großes Verdienst!

  4. Interessant, dass du findest, ich hielte familiäre Werte für ein unhinterfragbares gesellschaftliches Gut. Woraus schliesst du das? Ich weiss noch nicht mal, wie diese Werte genau aussehen oder aussehen sollen.
    Drücke ich mich so missverständlich aus oder liest du etwas oberflächlich?

  5. Halt, ich habe dir nicht unterstellt, dass du familiäre Werte für ein unhinterfragbares Gut hälst. Im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass dem nicht so ist, sonst würdest du die Frage nicht stellen. Vielleicht drücke ich mich auch missverständlich aus.

    Du fragst: Haben die 68er nicht als erste den Niedergang der familiären Werte erkannt und kritisiert?

    Die 68er haben keinen Niedergang familiärer Werte ERKANNT, sie haben, denke ich, bis dato BESTEHENDE Werte zu Fall gebracht. Es klingt in der Frage ein bisschen so, als habe es lange vor 68 einmal familiäre Werte gegeben, die schon in der Generation vor 68 korrumpiert waren, was die 68er dann erkannten und publik machten, wofür sie heute als Sündenbock herhalten müssen.

    Aber vielleicht ist das bloß Erbsenzählerei.

  6. Ich kenne nur eine Person, die in der öffentlichen Diskussion die 68er für den Niedergang familiärer Werte verantwortlich macht. Die 68er können schon deshalb nicht für irgendwas verantwortlich sein, weil es sie erstens als homogene Gruppe, der man Verantwortlichkeit zuschreiben könnte, nie gab, und zweitens die Wirkung dieser bewegung auf die gesellschaftliche Veränderung sowieso überschätzt wird. Se waren eine isolierte Randgruppe, Bürgerschreck. Einige von ihnen, die später in die Politik oder in andere öffentlich wahrnehmbare Positionen gekommen sind, haben ein verklärtes Geschichtsbild in die Welt gesetzt, um sich selbst Kontinuität zu geben und ihren Autoritätsanspruch zu rechtfertigen.

    Wer aber „familiäre Werte“ schützen/wiederbeleben will, denkt an etwas anderes als „die Familie der 50er/60er Jahre“. Das sind doch zwei ganz unterschiedliche Dinge! Wobei wahrscheinlich auch das Klischee der Familie, wie es Buchstabenfee (aus welchem Wissen?) hier beschreibt, wenig mit der normalen Realität zu tun hatte. Bergarbeiterfamilien z.B. waren im Allgemeinen so organisiert, dass die Frau am Wertor stand und dem Mann das Geld abnahm (der es sonst versoffen hätte).

  7. Ok, jetzt verstehe ich besser, was du meinst. Auf „Werte“ kam es mir in meiner Frage gar nicht an. Ich hätte klarer fragen sollen: haben die 68er die Familie kaputt gemacht oder haben sie es sich nur als erste auszusprechen getraut, dass sie (zumindest in der damaligen Form) längst kaputt ist?

  8. @Jörg: ich kenne mindestens drei: Kai Diekmann, Volker Kauder, Eva Herrmann. 😉

    Ich gebe dir Recht (und im Prinzip impliziert das auch meine ursprüngliche Frage), dass die Gruppe, die wir als „68er“ bezeichnen, recht klein und ihre mediale Bedeutung grösser war als ihr tatsächlicher gesellschaftlicher Einfluss. Umso unverständlicher, dass sie so gerne als Sündenbock der jungen Konservativen missbraucht werden.

    Was Familienklischees angehst, hast du ja jetzt gleich noch ein weiteres mitgeliefert 😉
    Ich denke aber, dass damals Mann und Frau auch nicht besser zusammengelebt haben als heute, wo 40% der Ehen geschieden werden – was damals nicht möglich war. Und dass Frauen bis in die 70er nicht ohne Einwilligung ihres Mannes arbeiten oder studieren durften, ist eine Tatsache (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Frauenrecht).

  9. zu Jörg Friedrich: Der erste Teil kommt mir bekannt vor. „Albern ist das Gerede davon, dass die vielleicht 200 000 jungen Leute, die vor 40 Jahren einen kleinen Aufstand probten und verloren, irgendein Problem verschuldet hätten, das die Bürger der Bundesrepublik heute beschäftigt“. Aus: Götz Aly: Die Väter der 68er. Soviel dann auch zum verklärten Geschichtsbild und dem Autoritätsanspruch.

    Dass Wertesystem und Ordnung der Familie zwei Paar Schuhe sind: Stimme ich zu. So wie ich Fragezeichner jetzt verstanden habe, geht es also um Letzteres?

    Die Rollenverteilung, wie ich sie beschreiben habe, ist ein Klischee? Ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Aber inwiefern widerlegt das Bergarbeiterfamilienbeispiel das? Auch in dem Fall ist doch die Bergarbeiterehefrau vom Gehalt des Mannes abhängig?

  10. Wenn Ihr in der Sache eine „Schuld“ zuweisen wollt, dann müßt Ihr der Aufklärung die Schuld geben. Mit der Entmachtung der Kirche als moralische Instanz war die Grundlage für eine Auflösung der bis dahin geltenden Regeln gelegt.

    Der zunehmende Wohlstand in den Nachkriegszeit reduzierte noch die wirtschaftliche Notwendigkeit zu einer Bedarfsgemeinschaft.

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