Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Wozu ist Religion gut?

In An Manche on Februar 24, 2008 at 11:02 pm

Jeder, der etwas auf seine Religion hält, sollte sich diese Frage weder stellen, noch sie versuchen zu beantworten. Egal, wie die Antwort lautet, würde sie auch mit grosser Wahrscheinlichkeit passen, wenn man das Wort Religion durch irgendetwas anderes, zum Beispiel durch Drogen oder Freunde ersetzt.

Sollte Religion nicht den Anspruch haben, Wahrhaftigkeit zu vermitteln, anstatt eine wie auch immer geartete Funktion zu erfüllen? Spielt sie nicht mit ihrer Existenz, wenn sie sich auf einen Nutzen beruft?

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  1. Wozu ist Fußball gut?
    Wozu ist Malerei gut?
    Wozu ist In-die-Sterne-Schauen gut?

  2. Ich verstehe nicht, auf was du herauswillst: sollte sich Religion auch einer Kosten-/Nutzenanalyse stellen? Oder in Anlehnung an meinen Text: „Jeder, der etwas auf Fussball hält, sollte sich die Frage ‚Wozu ist Fussball gut?‘ besser nicht stellen? Oder sind gar Fussball/Malerei/In-Die-Sterne-Schauen genauso nützlich oder unnütz wie Religion?

  3. Ja, so meinte ich das. Ich wollte zunächst die Gleichwertigkeit deiner Frage mit vielen anderen Fragen zeigen.

    Man kann natürlich im Nachhinein in all diesen Dinen einen Sinn, einen Nutzen ausmachen, aber für die, die es tun, ist das meist ganz unwichtig.

    Den Nutzen der Religion kann man übrigens in dem durch sie bereitgestellten Orientierungswissen sehen.

  4. Mein Punkt ist ja gerade, dass Religion sich dieser Nutzenorientierung entziehen sollte.
    Religion ist ja kein Hobby, keine Trostveranstaltung, kein Führer durchs Leben, sondern eine Überzeugung, die über jedem Nutzen steht. Wenn Religion sich durch ihren Nutzen definiert, wird sie beliebig. Im Gegensatz dazu war Fussball ja schon immer beliebig.

  5. Ich glaube, wir sehen das im Kern ganz ähnlich. Die Verwirrung kommt vielleicht aus der möglichen Gleichsetzung von „gut sein“ und „nützlich sein“. Du hattest gefragt: „Wozu ist Religion gut?“ Und da muss man erst mal klären, was die Frage bedeuten soll.

    Was heißt hier „gut“ und gut für wen? Soll die Frage heißen „Wozu ist Religion nützlich?“? Und dann: für den Religiösen oder für die Gesellschaft?

    „Das und das ist gut für mich, darum tue ich es.“ das kann schon die ganze Begründung sein, damit ist aber nicht gemeint, dass es für mich nützlich ist. Es tut mir gut, ich fühle mich dann gut. Darin kann man auch einen Nutzen sehen, aber ich strebe nicht an, dass mir etwas gut tut, damit ich dieses gefühl für anderes nutzen kann, oder?

  6. Ja, aber es läuft auf das selbe hinaus: „Wozu ist Religion nützlich?“ oder „Was bringt mir persönlich die Religion?“ sollten für einen wirklich Gläubigen Nicht-Fragen oder zumindest Randfragen sein. Anspruch einer Religion kann ja eigentlich nur die Verkündung von Wahrheit sein. Ich frage mich gerade, ob sie darin der Wissenschaft gleicht. Und warum Wahrheit eigentlich so wichtig ist…

  7. Ich würde bei der ganzen Sache gern auch Glauben und Religion unterscheiden.

    Religion ist ja eine bestimmte, normierte Verhaltensweise innerhalb einer Gemeinschaft, glauben ist was inneres und persönliches.

  8. Ja, das ist eine sinnvolle Unterscheidung. Dann lass mich die These noch mal konkreter formulieren: Christen (Juden, Muslime) sollte sich auf eine Diskussion, ob das Christentum (das Judentum, der Islam) einen Nutzen bringt, nicht einlassen.
    Aber auch auf persönlicher Ebene (also auf Glaubensebene nach deiner Terminologie) wäre wohl eine unergiebige Diskussion programmiert.

  9. Ich denke aus der Perspektive eines eher gläubigen Menschen wird sich wohl für diesen die Frage nach dem „Nutzen“ seines Glaubens von selbst „verbieten“. Ein glaubensferner Mensch ist eher bereit, den Sinn des, von ihm gar nicht ausgeübten Glaubens, zu hinterfragen.

    Eine säkulare Gesellschaft neigt doch, schon aus der Tradition der Aufklärung heraus, insgesamt dazu, alle kulturellen Phänomene, eben auch die Religion, kritisch zu hinterfragen und auch nach deren Sinn oder Unsinn, bzw. Nützlichkeitserwägungen zu beurteilen, oder?

    Geht es nicht im Kern bei deinem Beitrag auch um die Frage nach der „Verfügbarkeit“ ( = Alles darf meinen Interessen, z.B. Kritik, untergeordnet werden) bzw. „Nicht-Verfügbarkeit“ ( = Verbot der Kritik) bestimmter kultureller Elemente?

    Interessant ist dabei für mich, dass scheinbar gerade die Nicht-Verfügbarkeit, also das „erzwungene Abarbeiten“ an kanonisierten Texten, Ge- u. Verboten und ganz offensichtlich sinnlosen Vorschriften, u.s.w., den menschlichen Geist immer besonders angeregt hat. Sollte meine These stimmen, könnte dies bedeuten, dass die momentane technologische und kulturelle Blüte, zumindest in Teilen, nur die Folgewirkung der vorangegangenen „nicht aufgeklärten“ Epoche ist. Und umgekehrt, das sich die jetzige relativistische Kultur von innen her geradezu erschöpfen muss und ins Leere läuft.

    Allerdings wäre dies nun ebenfalls eine, aus dem Geist der Aufklärung geborene und an Nützlichkeitserwägungen orientierte, Betrachtung des Religiösen 😉

  10. @Aki Arik: huuh, das ist eine verwegene These, dass wir noch von der nicht-aufgeklärten Epoche zehren. Moralisch vielleicht, weil selbst heutige Atheisten von einer gewissen religiösen Sensibilität geprägt wurden. Aber technologisch und kulturell?

    Mir ging es bei meiner These/Frage eigentlich nicht um Denkverbote oder darum, kritisches Hinterfragen von Religion zu kritisieren. Auch Forschungen und wissenschaftliche Studien über den Nutzen des Glaubens oder religiöser Bewegungen haben meine volle Unterstützung. Mir ging es eher darum zu zeigen, dass Religion (vor allem aus der Perspektive des Gläubigen) nicht durch Nutzen oder Funktion gerechtfertigt werden kann, sondern nur durch den Anspruch, der Wahrheit zu dienen.

  11. @ Fragezeichner:

    meine These ist nicht, dass wir technologisch, kulturell oder gar moralisch noch von einer „nicht-aufgeklärten Epoche“ zehren würden. Meine Beobachtung ist aber die, dass die Leistungen der genannten Art – die heute erbracht werden – durch ein Denken ermöglicht werden, das erst durch die Auseinandersetzung mit „Nicht-Verfügbarem“ geformt, geschult wurde. Und – das dies heute so nicht mehr möglich ist, einfach weil es die Bereiche eines „Nicht-Verfügbarem“ in dem Maße im öffentlichen Raum nicht mehr gibt.

    Ich glaube, dass ich schon verstanden habe, dass es dir nicht um gesellschaftliche Denkverbote, Kritik an wissenschaftlicher Religionsforschung etc. ging. Wenn man aber deinen Eingangssatz Revue passieren lässt „Jeder, der… sollte diese Frage weder stellen, noch … beantworten“, ist dies genau der von mir beschriebene Akt der „Nicht-Verfügbarmachung“ – eben im Privaten.

    Insgesamt meine ich, du hast Recht damit, dass die meisten religiösen Mensch ihren Glauben nicht danach ausrichten (sollten), ob dies nun „gut“ oder „nützlich“ ist. Ich vermute aber, eine Forderung wie das: „…sollte diese Frage nicht stellen…“, hat seine tiefere Bedeutung anscheinend nicht in einem einfachen: „Du darfst nicht!“, sondern, dass wäre meine These, es hat anscheinend das fragende Denken, welches den Dingen auf den Grund gehen will, erst mit hervorgebracht.

  12. Hallo,

    in dieser Sache decken sich meine Beobachtungen direkt mit den Ausführungen von Aki Arik. Das was nicht verfügbar ist, erarbeiten wir uns besonders gern. Dass was es an jeder Straßenecke gibt, ignorieren wir fast schon vorsätzlich. Warum sollte das bei Religionen allgemein und deren Ausprägungen im speziellen anders sein.

    Doch zurück zur Hauptfrage:

    „Wozu ist Religion gut?“

    Nun, ich persönlich bin der Meinung das Religion tatsächlich die Funktion hatte wie haben, als so eine Art Bindeglied unter Gleich- bzw. Ähnlichdenkenden zu fungieren. Ein Blick in die FTD, dass Manager Magazin den Cicero oder meinetwegen die FAZ oder SZ, bestätigen mir dies immer wieder. Auch der Blick in die hiesigen Universitäten gleicht eher dem Eindruck den man beim betreten der Sixtinischen Kapelle hat. Ein mir gut bekannter Ingenieur hat mir einmal bewiesen, dass auch Physik in Summe die Religion all jener ist die fest daran „glauben“, nicht derer die sie verstanden haben.

    Wozu Religion gut ist? Nun, vermutlich damit wir an etwas „glauben“ dürfen mit dem wir umgehen müssen, selbst wenn wir es nicht verstehen können.

    😉

    Gruß

  13. #unibrennt Die längst fällige Bildungsdiskussion bei uns in Österreich verorte ich auch hier.
    „Wozu ist Bildung gut?“ Diese Frage ist unzulässig. Sie scheint vorausszusetzen, dass Bildung ein „fassbares Ding“ (Produkt) ist, über das man verfügen kann, während aber unmittelbar evident ist, dass Bildung, Religion, etc. laufender Prozess ist. Opium für das Volk ist gerade dieses Herunterbrechen der großen Fragen, dieses Reduzieren auf etwas, wovon der Fragesteller (Ja wer aller bringt Fragen dieser Art auf, und wozu? Das wäre doch die eigentliche Frage.) etwas versteht.

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