Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Der Fluch der Produktivität?

In An Manche on Januar 28, 2008 at 9:02 am

Mal angenommen, 10 Leute stranden auf einer Insel. Zunächst werden sie all ihre Zeit ohne Unterlass damit beschäftigt sein, etwas zu essen zu finden und einen geschützten Unterschlupf zu finden. Sie werden nach einiger Zeit Werkzeuge bauen und Methoden entwickeln, die es ihnen erlauben, effizienter zu werden und ihre Arbeitslast erheblich zu reduzieren. Dem gesunden Menschenverstand folgend, werden sie die verbleibende Arbeit auf alle 10 verteilen, jeder wird also von der steigenden Produktivität profitieren und alle ernährt werden können.

Wenn sie allerdings einen Industriestaat als Vorbild nehmen würden, würden 3 Leute weiter Tag und Nacht schuften, 3 würden so tun als ob und für den Rest bliebe nichts zu tun, er müsste aber ein gewisses Engagement zeigen, seine Nützlichkeit beweisen, um überhaupt etwas zu essen zu bekommen.

Wäre das nicht völlig bescheuert?

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  1. Gutes Beispiel und gute Frage.
    Du hast hier aber nur die reinen „produktiven“ Leistungen bedacht,
    d.h. die, mit denen man das Notwendige zum Überleben erwirtschaftet.
    Was ist mit den sozialen Leistungen?
    Wer würde auch die evtl. Kinder aufpassen?
    Wer würde die gestressten Abends mit Gutenacht-Geschichten versehehen?
    Wer würde sich um all die anderen menschliche Bedürfnisse kümmern, die nicht in erster Linie zum Geldverdienen dienen, die aber das Leben insgesamt angenehmer machen und damit auch wieder die Produktivität erhöhen bzw. überhaupt sicherstellen?
    Was ist mit diesen Bedürfnissen???

  2. Hallo,

    innerhalb von etablierten Systemen, gibt es nur zwei Möglichkeiten substanzielle Änderungen am sog. Vorgehensmodell hierbei zu führen:

    1. Die Beweisführung:

    Eine Teilgruppe der Gesamtgesellschaft erarbeitet gemeinschaftlich ein alternatives Vorgehensmodell. Durch dessen erfolgreiche Umsetzung soll der Rest der Gesellschaft von der Funktionalität und Anwendbarkeit des neuen Modells überzeugt werden. (Ein Bsp.: http://de.wikipedia.org/wiki/Manufactum)

    2. Die Revolte:

    Eine Teilgruppe der Gesamtgesellschaft definiert diktatorisch eine alternative Rechtsordnung. Durch die Umsetzung dieser neuen Ordnung sind all jene die offen Kritik an ihr üben, oder ihr direkt gegenüberstehen, an Leib und Leben bedroht. (Viele Bsp.: http://de.wikipedia.org/wiki/Revolution)

    Für Nr. 1 benötigen alle daran Beteiligten viel Fantasie, Mut, Geduld, Kraft und Zeit. Für Nr. 2 braucht es lediglich Rahmenbedingungen die nicht allen gerecht werden, und zur Anwendung von Gewalt bereite Menschen. Was kommt wohl häufiger vor?

    Gruß

  3. @Joerg: habe das bewusst so einfach wie möglich gehalten. Was die menschlichen Bedürfnisse angeht: wenn Papa nicht den ganzen Tag Holz hacken muss, findet er vielleicht auch die Musse seinem Nachwuchs eine spannende Geschichte zu erzählen. Auch ein wichtiger Aspekt einer intelligenteren Arbeitsorganisation.

    @Michael: Warum nicht einfach auf dem existierenden Model aufbauen und das weiter entwickeln? Ich wollte jetzt keine neuen Gesellschaftsmodelle entwickeln lassen oder Revolution auslösen 😉

  4. @FZ:

    Mir ging es darum genau das darzustellen. Welcher Name dem Kind gegeben wird, ist hier denke ich nicht so wichtig.

    Herr Hoof hat mit „manufactum“ ja auch auf den Gegebenheiten aufgebaut, aber diese Unternehmung stellt in sich ein derart neuartiges Vorgehensmodell dar, dass er hierfür tatsächlich öffentlich verhöhnt wurde. Sämtliche Fachverbände und „Wirtschaftsexperten“ sind damals über ihn hergefallen. Es gab sogar welche die ihn öffentlich als verkorksten Spinner bezeichnet haben, der sich besser in Therapie begeben sollte.

    Doch mit diesem Modell hat er den Beweis geführt, dass es auch anders geht. Ich schließe mit dir jede Wette ab, dass die Mitarbeiter dieses Unternehmens keinerlei Grund zur Klage haben. Er hat es sogar geschafft Produktionszweige die man in Deutschland schon lange abgeschrieben hatte, wieder mit Leben zu erfüllen.

  5. @Michael: got it! Veränderung durch Erfolgsgeschichten einzelner statt durch politische Massnahmen, gefällt mir!

  6. Es würde sich herausstellen, dass von den 10 einer besonders gut organisieren kann und einer kann Pläne machen, die die anderen dann umsetzen, ein anderer wäre geschicker im Werkzeugbau usw. Klug wäre es, wenn sie sich die Arbeit so teilen, dass jeder das macht, was er am Besten kann. Zwei wären vielleicht dabei, die wären irgendwie zu gar nichts nütze, man würde sie mal hier, mal dort helfen lassen.

    Der Plänemacher oder der Organisierer würden bald darauf hinweisen, dass die anderen sehr von ihrer Kreativität abhängig sind und würden außerdem verlangen, dass man sie von niederen, allgemeinen Arbeiten entbinde, diese könne doch von jenen verrichtet werden, die zu sonst nchts in der Lage sind. Überhaupt, so wird der Plänemacher sagen, ist es das Beste, wenn er von nun an sagt, wer wann was zu machen hätte, und wenn die anderen nicht ständig seine Entscheidungen in frage stellen würden, würde es ihnen allen schon viel besser gehen. Vielleicht sollte man auch jene, die zu sonst nichts taugen, mit der Überwachung der übrigen beauftragen?

    usw.

    Literaturtipp: Arnold Gehlen: Urmensch und Spätkultur.

  7. @Jörg:

    Manchmal, aber nur manchmal, liest man bei dir den Beruf heraus 🙂
    Ansonsten sind deine Ausführungen hypothetisch allerdings insofern korrekt, als das Du die Zeitschiene und Biologie in diesem Mikrosystem ein wenig vernachlässigst (Wer wenig körperlich tätig ist, degeneriert körperlich und umgekehrt).

    Aber Du solltest auch nicht ganz aussen vor lassen, dass der normale Mensch (sprich ohne biologische Defekte) entwicklungs- bzw. anpassungsfähig ist. Zum Glück heissen ja nicht alle Stromberg. Gelle?

    Gruß

  8. @Michael: Meinst du den, den ich gelernt habe (Meteorologe), den, mit dem ich derzeit mein Geld verdiene (Unternehmer) oder den, den ich gerade studiere (Philosoph) 😉 ?

  9. @Jörg:

    He, he. Also mit der Wechselhaftigkeit der Dinge solltest Du durch Nr. 1 bewandert sein. Da man sich bei Nr. 3 erst einmal darüber streiten kann, ob dieses Fach überhaupt in diesem Rahmen angegangen werden kann http://de.wikipedia.org/wiki/Studium.

    Bleibt eigentlich nur noch Tor Nr. 2 übrig, welches dich unter Garantie deutlich prägt. Aber auch hier solltest Du eigentlich von der Entwicklungsfähigkeit einzelner Individuen überzeugt sein 😉

    Gruß

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