Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Ameisen und Startups

In An Manche on Januar 17, 2008 at 9:35 am

Tote Ameise

[Foto: husbandunit]

Ameisen strömen in alle Richtungen aus, um Futter zu suchen. Diejenigen, die etwas gefunden haben, signalisieren den anderen den Fundort. Das Futter kommt der ganzen Kolonie zugute. Statistisch gesehen sind es immer wieder andere Ameisen, die erfolgreich sind. Natürlich – denn der ganze Mechanismus ist darauf ausgelegt, alle mögliche Wege zum Futter zu untersuchen, auch die verkehrten. Keine Ameise wird dafür bestraft, kein Futter gefunden zu haben. Keine Ameise wird zum Superstar, weil sie zufällig etwas gefunden hat.

Das Gründen von Startups erinnert von einem übergeordneten Blickwinkel auch an eine Ameisenkolonie. Gründerameisen schwärmen aus, um tragfertige Ideen zu finden. Nur wenige finden den richtigen Weg. Im Gegensatz zu Ameisen kooperieren sie zwar nicht, von Erfolgen profitieren aber in gewisser Weise wieder alle – andere Startups durch Investitionsgelder, die Volkswirtschaft durch Innovation und Wertschöpfung. Im Gegensatz zu Ameisen werden die Gewinner aber gefeiert und übermässig belohnt – und die anderen oft als Verlierer abgestempelt, was ohne Frage kontraproduktiv ist. Nur dort, wo auch die Verlierer gewürdigt werden, schwärmen genügend aus.

Ist nicht unserere ganze Gesellschaft ein Ameisenhaufen, der die Verlierer bestraft und individuelle Leistung überbewertet?

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  1. Es ist in der Tat ein Problem, dass es in Deutschland (anders als etwa in den USA) keine „Kultur des Scheiternkönnens“ gibt. Wer sich hier geschäftlich selbstständig gemacht hat und gescheitert ist, erlebt im Allgemeinen Spott und Verachtung, aber keine Bewunderung (oder doch wenigstens den angemessenen Respekt) für Mut, Ideen und Einsatz. Das ist in den USA anders, und selbst die Banken sind dort geneigter, einem einmal gescheiterterten Unternehmer beim Aufbau eines zweiten Geschäftes mit Darlehen auszuhelfen, wenn die nächste Geschäftsidee viel versprechend klingt.

    Es ist wohl eine Tatsache, dass jedes Scheitern (nicht nur das Geschäftliche) Erfahrungen mit sich bringt, die in spätere Projekte einfließen. Diese Erfahrungen in einem gesellschaftlichen Prozess pauschal wegzuwerfen und als „Verlierer“ abzustempeln, ist ein Luxus auf Kosten der Menschen und des Fortschrittes.

  2. Hallo,

    betrachte die ganze Angelegenheit doch mal aus einem etwas anderen Blickwinkel. Zu der Zeit in der in Europa alles in Trümmern lag, hat nirgendwo jemand danach gefragt, was oder wer Du bist, bzw. welche Vita Du vorweisen kannst. Und es hat dich auch niemand gefragt ob Du dein Kapital investieren möchtest. Zu dieser Zeit war der vielbeschworene „Markt“ noch so jungfräulich, dass Du als Investor durch alle möglichen Maßnahmen bestraft wurdest, wenn Du nicht investiert hast. Da galt allenthalben (und in ganz Europa, nicht nur in Deutschland): „Wiederaufbau geht vor Qualifikationsnachweis und Zinsertrag.“

    Nunmehr ist es so, das sich die Situation ein wenig gewandelt hat. Das Überangebot an Arbeitskräften ist genauso Real wie das Unterangebot an Kapitalgebern.

    Durch das Überangebot an Erwerbswilligen können sich Unternehmensführer (bzw. deren Repräsentanten/Vertreter) den persönlichen Luxus erlauben ihren Personalbestand durch Selektion auf sich ein zu eichen. Was im übrigen ein quasi ganz normaler „Prozess“ ist, innerhalb von Gruppen männlicher Primaten.

    Durch das Unterangebot an vor allem starken Investoren, können die paar vorhandenen Kapitalbesitzer bzw. Verwalter immer umfangreichere Ansprüche an Art, Inhalt, Ausprägung und auch Ausführung von Geschäftsideen Konzepten und Projekten stellen. Auch das ist so zu sagen „Normal“. Gäbe es hier nämlich ein Überangebot müssten die Investoren hinnehmen, dass andere an ihrer statt die Sahne abschöpften, während sie noch beim prüfen sind.

    Wie nachhaltig sinnvoll dies ist, kannst Du selbst sehen, wenn Du Worte wie Innovation, Innovationskraft resp. Innovationspotenzial berücksichtigst. Denn zum einen manifestiert sich durch die o.g. Selektion eine immer stärkere geistige Monokultur. Und zum anderen werden durch zu starre Vergabekriterien alte Märkte subventioniert und neue in ihrer Entwicklung blockiert.

    Schlussendlich ist das auch: „Angebot und Nachfrage“

    Wenn ich meine Überschüsse Dritten zur Verwaltung anvertraue, sinkt zwar das Risiko des Verlustes, aber der Wert dieses Überschusses dauerhaft auch.

    Eigentlich ganz simpel, oder?

    Gruß

  3. @Michael: du hast nicht Unrecht, trotzdem gibt es auch eine positive Tendenz: es wird immer weniger Kapital nötig, um ein Unternehmen zu gründen. Das ermöglicht eine neue Typ von Ein-Mann-Unternehmer – Blogger, Web-Designer, Web-Applikationsprogrammierer, Musiker, Filmer, Fotografen, aber auch Handwerker, die über das Internet günstige Vertriebskanäle finden für ihre Nischenprodukte. Dieser Gegenentwurf zum grossen Konzern, der für die Masse produziert, könnte in der Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen und ein wirksames Gegengift zu geistiger Monokultur sein. Voraussetzung: die „Kultur des Scheiternkönnens“ wie sie 124C41 beschrieben hat.

  4. Hallo,

    natürlich. Wenn Du dir schon unser Projekt angesehen hast, dann weisst Du das mir dieser Umstand mehr als bewusst ist. Allerdings tritt ja auch in diesem Zusammenhang das Problem auf, dass vor allem die welche hier tätig sind quasi in‘s Messer der Illusion/Spekulation laufen.

    Fakt ist doch z.B. das ein Tischler der sich selbstständig macht, so er denn auch weiss was er da wirklich tut, damit leben können muss einzig in seiner Freizeit an der Werkbank zu sitzen. Denn ansonsten hat er simpel etwas falsch gemacht. Es ist eine Frage der Effizienz. Wenn ich als Selbstständiger 100% aller unternehmerischer Tätigkeiten selbst ausübe, habe ich weder Kapazitäten frei für den Wachstum meiner Unternehmung, noch für Ausfallszenarios (Sprich: Krankheit, Sonderengagements).

    Was den Kapitalbedarf angeht muss ich dir direkt widersprechen. Dieser ist eben de facto nicht geringer, als der bei klassischen Unternehmungen. Hier betrügen sich nur die meisten Protagonisten selbst. Die Anschaffungs-, Wartungs- und Investitionskosten für IT wird regelmäßig falsch beziffert bzw. prognostiziert. Da werden Mietkosten (auch anteilig) nicht berücksichtigt. Der enorme Energiebedarf wird häufig vollkommen ignoriert. Und weit schlimmer noch der eigene Aufwand an Arbeitsleistung sträflich falsch eingeschätzt (was im übrigen leider symptomatisch für unsere Gesellschaft ist).

    Schwierig finde ich auch die weit verbreitete Ansicht, dass es sich bei der Masse der netzbasierten sog. „Start Up‘s“ um echte Unternehmungen im klassischen Sinn handelt. Die besonderen Probleme die sich hier ergeben werden (unbewusst/vorsätzlich?) noch immer unter den sprichwörtlichen Teppich gekehrt.

    Um jedoch noch einmal auf deine Ursprüngliche Frage zurück zu kommen, sei festgestellt, dass die hiesige Art und Weise der konservativen Kapitalvergabe im Kern auf unserer aktuellen gesellschaftlichen „Werteausrichtung“ basiert. Die Masse unserer weidlich überalterten Bevölkerung strebt nach Sicherheit, Kontinuität und Stabilität. Dies sind die Werte an denen sie sich festhalten/orientieren können. Und dies steht natürlich im direkten Wiederspruch zu Personen die wirtschaftlich schon ein oder mehrfach gescheitert sind. Interessant hierbei ist, vielleicht ermutigt dich dies, dass solches Verhalten keine deutsche/europäische Tradition ist.

    Gruß

  5. @Michael: deine Einwände sind gerechtfertigt. Viele Kleinunternehmer machen es auch eher aus Not als aus Überzeugung und Stärke. Dennoch: ich halte die Tendenz für gegeben und erhoffe mir durch Erfolgsgeschichten auch einen Mentalitätswandel.

  6. Hallo,

    na wem sagst Du das? Stell dir mal vor was es für die gesamte IT-Branche in Europa bedeuten wird, wenn das was wir planen realisiert wird?

    Es mag irritieren, aber es ärgert mich jedes mal, wenn ein fähiger IT’ler an userer Ökonomie und nicht an seinem Selbst scheitert. Schau dir doch allein dieses wirklich schöne TUX-Paint an, meine vorletzte liebt es. Aber wenn ich keine Freunde hätte die Programmieren können, sähe ich mit dem Wunsch ihre Bilder auch mal aus zu drucken, ziemlich alt aus (so bezüglich des zeitlichen Aufwandes). Und an andere Eltern weiterreichen kann man unter den gegebene Umständen leider auch vergessen. Du glaubst doch nicht, dass die den Ordner finden wo Tuxpaint die Bilder ablegt, oder das Menü (insofern vorhanden) in dem man einstellen kann wo die Dateien abgelegt werden.

    Aber dieses Programm hätte es verdient in allen Schulen verbreitet zu werden. Verstehst Du was ich meine?

    Gruß

  7. Ja, GUIs müssen von anderen Menschen als Entwicklern designed werden! Oder sie müssen raus aus ihrer Ecke.

  8. Hallo,

    und wieder bestätigt sich eine meiner Prognosen:

    http://www.cicero.de/259.php?kol_id=10532

    Es wird wirklich Zeit, dass sich hier was tut. In good old Germany 😉

    Gruß

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