Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Leistung lohnt sich?

In An Manche on November 27, 2007 at 6:39 pm

Stahlarbeiter

[Foto: arimoore]

Welche Faktoren bestimmen massgeblich Gehälter?

Kandidaten: Unternehmensgrösse, Standort, Organisation von Gewerkschaften, soziale Herkunft, Verhältnis von Angebot und Nachfrage, technologische Entwicklungen, konjunkturelle Situation, Diplome und Zeugnisse, Alter des Mitarbeiters, Skrupellosigkeit, Bereitschaft zur Vetternwirtschaft, Glück. Was noch und was wieviel?

Wirtschaftswissenschaftler sind sich nicht sicher. Aber ein Faktor spielt definitiv keine Rolle: Leistung. Warum eigentlich nicht? Weil man sie nicht messen will? Oder kann?

Und ist das der Grund, warum manche Politiker immer wieder mal hysterisch rufen: „Leistung muss sich wieder lohnen!“? Gab es denn mal eine Zeit, als sich Leistung lohnte?
[Inspiration: Brandeins]


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  1. „Leistung muss sich lohnen“ bezieht sich ja darauf, dass der Zuschlag, den der Unternehmer seinem Mitarbeiter für eine höhere Leistung zu zahlen bereit ist, dem Arbeitnehmer nicht über Steuern und Abgaben wieder weggenommen werden soll. Wenn ein Unternehmer die Leistung des Mitarbeiter A das doppelte wert ist als die von Mitarbeiter B, bekommt A nicht das doppelte sondern vielleicht das 1,5fache von B. Das kann zu dem Eindruck führen, dass Leistung sich nicht lohnt.

    Deine Überlegung, dass Lohn zu wenig von Leistung abhängt, kann ich totzdem verstehen, auch wenn ich das in der Realität nicht ganz so dramatisch sehe.

    Andererseits drückt sich das Lohnen von Leistung nicht nur im Lohn, sondern auch in Vertrauen, Reputation, Verantwortung, Entscheidungskompetenz aus. Deshalb lehne ich den Slogan, der nur auf die monetäre Seite abzielt, auch ab.

  2. Bei aller Richtigkeit des Beitrages muß man auch bedenken: jeder hat eine eigene subjektive Ansicht. Das ein Feuerwehrmann im Einsatz mehr leistet als ein Beamter bei der BfA wied jedem klar sein – die Entlohnung scheint mir z.B. nicht unbedingt gerecht zu sein. Aber es gibt auch etliche Fälle, in denen man sich schwer einigen könnte, was die Arbeit wert ist. Das kann man auch nicht immer an erwirtschafteten Produkt ersehen, was das Beispiel mit dem Feuerwehrmann beweist. Da müsste der Feuerwehrmann sogar Spitzenverdiener sein – denn was gibt es wertvolleres als Leben?

  3. @Jörg: wäre es nicht ehrlicher, den Slogan einfach sang- und klanglos zu begraben, wenn leistungsgerechte Entlohnung ohnehin illusorisch ist? Zumindest sollte man doch nicht so tun, als wäre das Steuersystem der Hauptschuldige an der Ungerechtigkeit – sondern klar sagen: das ist nun mal der Preis, den wir für die Marktwirtschaft zahlen.

    @Roman: ich gebe dir recht, die Messung von Leistung ist in den meisten Fällen extrem schwierig oder gar unmöglich. Und selbst da, wo es versucht wird, hängt es oft von subjektiven Ansichten ab. Aber sollte man es nicht zumindest versuchen und verbessern?

  4. @Fragezeichner: Klar, sollte man das versuchen. Aber es wird immer Menschen geben, die sich benachteiligt fühlen. Doch zumindest teilweise gibt es natürlich Verbesserungsbedarf, gar keine Frage.

  5. Ich halte leistungsgerechte Entlohnung gar nicht für so illusorisch. Zunächst würde ich da nicht Äpfel mit Birnen oder Feuerwehrleute mit BfA-Beamten vergleichen wollen. Feuerwehrleute retten auch nicht ständig Leben, vor allem aber haben sie wahrscheinlich viel mehr Spaß bei der Arbeit als BfA-Beamte.

    Auf der anderen Seite darf man nicht immer auf die Tarif-orientierten Bezahl-Modelle der Großunternehmen und Behörden schauen. Beim Mittelstand und in Kleinbetrieben wird schon sehr nach Leistung bezahlt. Und auch bei den großen gibt es sowas wie Projekt- und Zielprämien u.ä., die einen Leistungsanteil haben.

  6. Jörg, wir sollten vielleicht unterscheiden zwischen leistungsgerecht im Sinne absoluter Gerechtigkeit – das halte ich für illusorisch – und leistungsgerecht im dem Sinne, dass zwei Leute, die die gleiche Aufgabe mit der gleichen Leistung erfüllen auch gleich bezahlt werden – genau das hat ja die brandeins-Studie widerlegt. Zumindest innerhalb eines Unternehmens sollte das aber klappen, oder? Ja, es gibt durchaus erfolgreiche Ansätze innerhalb von Firmen, aber auch eben weniger erfolgreiche, die wahrscheinlich in erster Linie vom Geschick des Managements abhängen. Oder von der Art der Arbeit, bei Fussballern klappt es ja ohne Frage. Messbarkeit ist wahrscheinlich ein wichtiger Schlüssel zu leistungsgerechter Entlohnung.

  7. @Jörg: Das Beispiel mit den Feuerwehrleuten habe ich nur gewählt, um mit dem Retten von Leben als höchstes Gut als Argument zur besseren Verdeutlichung arbeiten zu können. Das Beispiel mit den Beamten habe (das muß ich mir selber ankreiden!) gewählt, weil ich da an irgendjemanden Faulen gedacht habe, der meinem subjektiven Empfinden nach zu wenig verdient – die Annahme ist natürlich gefährlich, weil sie pauschalisiert. Man könnte auch so ziemlich jeden Vergleich ziehen. Insbesondere der Feuerwehrmann erschien mir wegen der Tätigkeit des Rettens von Leben (was er wie du richtig erwähnst, nicht den ganzen Tag tut) als besonders eindringliches Beispiel.

    @Fragezeichner: Korrekt! Ich meinte die absolute Gerechtigkeit und vor allem die Tatsache, das ein beliebiger Lohnvergleich von allen Betrachtenden (ob involviert oder nicht, ob bevorzugt oder benachteiligt) objektiv als gerecht angesehen wird. Das wird es nie geben. Aber das zwei Leute, die innerhalb eines Betriebes die selbe Arbeit verrichten, auch das selbe Geld bekommen – das sollte machbar sein.

  8. Hi Fragezeichner, mit diesem Post hast du ja mal wieder ein interessantes und aktuelles Thema aufgeworfen. Wahrscheinlich wird jeder spontan erstmal denken: „Was ich verdiene, krieg ich leider nicht“.
    Ob „Leistung“ auf die Höhe des Gehaltes einen Einfluss hat, kann man, glaub ich, so generell gar nicht beantworten. Weil das Wort „Leistung“ ganz unterschiedliche Bedeutungsebenen hat. Sieht man ja auch in den Kommentaren hier. Am ehesten tendiere ich dazu, dass in unserer Gesellschaft sich das Gehalt wohl generell nach dem bestimmt, welche Bedeutung die konkrete Tätigkeit für die Gesellschaft oder die Firma hat. Wenn es nur wenige gibt, die etwas Bestimmtes können, es aber stark gebraucht wird, steigt die Bedeutung und das Gehalt. Und umgekehrt. Ich hab mal gehört, dass der erste Lokomotivführer, der die erste Eisenbahn in Deutschland fahren konnte, extra aus England gekommen war. Er hat angeblich mehr verdient, als manche von den wohlhabenden Fahrgästen. Das war einmal.
    Es gibt auch sehr viele Fälle, in denen tatsächlich die Leistung einen ganz entscheidenden Einfluss auf das Gehalt hat. Die Unternehmen, die eine leistungsbezogene Komponente in ihr Gehaltssystem integriert haben, verfügen meist auch über die Möglichkeit, „Leistung“ zu messen und zu vergleichen. Also z.B. über Verkaufsstatistiken, Umsatzzahlen, Materialeinsparungen, etc. Aber – hier handelt es sich immer um eine relative Größe. Also das, was messbar, vergleichbar ist mit der „Leistung“ eines Anderen.
    Über die „Leistung“ an sich desjenigen, sagt das natürlich nichts aus. Diese Bedeutung geht ja mehr in die Richtung, welchen menschlichen Wert hat die oder die „Leistung“ für uns. Demjenigen, der gerade in der Unfallklinik sein gebrochener Arm verbunden wurde, erscheint natürlich die Leistung des Arztes in dem Moment wertvoller, als die eines BfA Beamten. Wenn der gleiche am nächsten Tag, von diesem BfA Beamten, nach langer Arbeitslosigkeit, endlich, einen Superjob vermittelt bekommt…
    Eigentlich kann man doch die „Leistung“ der beiden nicht gerecht vergleichen.
    Ich glaube auch nicht, dass man die Bezahlung der verschiedenen Tätigkeiten und Leistungen zueinander für alle zufrieden stellend regeln kann. Ich hätte sogar die Befürchtung, dass so eine Bewertung und Eingruppierung aller Menschen nach irgendeinem bürokratischen System der totale Horror wäre. Also, meinerseits – kein Bedarf.
    Aber, zwei andere Punkte finde ich in diesem Zusammenhang wichtig: Ich hab mal von einer Untersuchung gehört (kennt die jemand und weiß unter welchem Suchwort man die im Netz findet?), dass die Menschen unter bestimmten Umständen durchaus ein gewisses Maß an Ungerechtigkeit zu akzeptieren bereit sind. Wenn ihr (Netto-) Gehalt immer wieder mal angehoben wird und wenn die Schere zwischen den Gehältern nicht zu groß ist. Beides ist seit Jahren nicht mehr wirklich so.
    Zum anderen finde ich eine stärkere Umsatzbeteiligung sinnvoll. Für alle Beschäftigten, nicht nur für die Vertriebsleute. Würde doch die Identifikation mit dem Betrieb erhöhen. Ich finde die Firmen schaden sich mit ihrem antiken Gehaltssystem selbst und merken es gar nicht. Kein Wunder dass die deutschen Firmen auf vielen Gebieten so innovations-lahmarschig geworden sind. Siehe Handysparte. Ich sage nur Siemens…

  9. Das ist mir eben plötzlich noch zu diesem Thema eigefallen:
    Erstmal geht es ja bei dem Spruch „Leistung muss sich wieder lohnen“ darum, dass die, die etwas leisten, besser gestellt sind als die, die nichts leisten (wollen). Diesen Sprung hinzubekommen und sozialen Frieden zu erhalten, das ist das große Problem, was hinter dem Satz steckt.

    Bei denen, die etwas leisten, richtet sich der Lohn ja in gewissem Maße nach der Nachfrage nach seiner Leistung im Verhältnis zum Angebot an Leistungserbringern. Wenn man diesem Mechanismus mehr Freiraum geben würde, würde der Lohn sich auch nach der Leistung richten, wenn auch indirekt. Aber auch das würde den sozialen Frieden gefährden.

  10. Jörg, ich bin nicht sicher, ob ich dich verstanden habe. Meinst du, es sind Ineffizienzen oder Machtasymmetrien im Arbeitsmarkt, die dazu führen, dass bestimmte Berufe nicht gerecht entlohnt werden – und dass ein besser funktionierender Arbeitsmarkt auch mehr Gerechtigkeit schaffen würde?
    Ich glaube auch, dass es die gibt. Aber oft zugunster der Arbeitgeber, weil viele Arbeitnehmer sich nicht in einer wirklichen Verhandlungsposition befinden und insbesondere es sich nicht leisten könnten, nein zu einer angebotenen Arbeit zu sagen. Einen echten Arbeitsmarkt zu schaffen, der seinen Namen verdient, ist übrigens auch Anliegen des bedingungslosen Grundeinkommens. Wenn ein Arbeitnehmer nicht um seine Existenz fürchten muss und nicht unter Druck gesetzt werden kann, bestimmte zu niedrig entlohnte Arbeiten anzunehmen, dann würden wohl für einige Arbeiten die Löhne erheblich steigen (oder sie würden ausgelagert oder automatisiert).

  11. Ich glaube, ich denke da noch einmal eine Weile drüber nach und schreibe dann nochmal was dazu. das kann aber dauern…

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