Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Lawrence Lessig über Urheberrecht und Kreativität

In An Jemanden on November 7, 2007 at 8:04 pm

Ist das nicht einer dieser Vorträge, der einem so das Hirn einnebelt, das man sich wohlig in seine Überzeugungen kuschelt und gar nicht anders kann als vor dem Bildschirm aufzustehen und zu applaudieren? Sollte man sich nicht wenigstens die Mühe machen und der Form halber ein paar kritische Fragen stellen?

Zunächst zum Inhalt dieses Lehrstücks in Kommunikation von Lawrence Lessig über das geltendende Urheberrecht. Es beginnt mit 3 Geschichten:

1. Beim Aufkommen der Grammaphone fürchtete ein gewisser Herr Sousa, seines Zeichens Komponist von Marschmusik, dass die Kultur des Singens und Musizierens unter Kindern verloren gehen könnte.

2. In den USA existierte ein Gesetz, das Landbesitz auch die Lufthoheit über dieses Landes garantiert. Farmer klagten gegen Fluggesellschaften und verloren, weil das Gesetz nicht gesundem Menschenverstand entspricht.

3. In den 20er-Jahren begann das Radio die Einnahmen der amerikanischen Musikindustrie zu bedrohen, die daraufhin eine Verwertungsgesellschaft namens ASCAP gründete, die in kürzester Zeit den amerikanischen Musikmarkt kontrollierte und nicht nur die Preise, sondern auch die Musikgenres diktierte. Eine massive Preiserhöhung 1939 liess die Radiosender reagieren und Musik von der konkurrenziellen BMI lizensieren. Die ASCAP musste sich öffnen.

Wie bringt man also diese 3 Geschichten zusammen und baut dabei eine emotionelle Botschaft ein?

  • Die heutigen Technologien bringen uns das kindliche Singen und Musizieren von damals in der Form des Remixes zurück. (Kinder erwecken Emotionen! Die eingespielten Mashups sind Prachtexemplare ihrer Art!)
  • Aus den heutigen Gesetzen zum Urheberrecht spricht genauso viel Menschenverstand wie aus denen, die damals in den USA den Landbesitz regelte.
  • Die Kriminalisierung unserer Kinder korrumpiert und unterhöhlt die Gesellschaft.
  • Konkurrenz bricht Monopole.

Schlussfolgerung: wir brauchen eine Konkurrenz zum Monopol der Urheber. Wir brauchen Creative Commons!

Aber:

  • Ist denn die Kultur des Singens und Musizierens wirklich verloren gegangen?
  • Was hat Remixen überhaupt mit Singen und Musizieren zu tun – sind das nicht zwei völlig unterschiedliche Tätigkeiten, die schon immer parallel existiert haben?
  • Was, wenn es unseren Kindern nicht um das kreative Remixen, sondern nur um das kostenlose Hören geht?
  • Kann man die Interessen von ein paar amerikanischen Farmern, deren Hühner angeblich beim Vorbeifliegen eines Jets aufflattern, mit den Interessen einer millionenschweren Industrie vergleichen, die ihre Felle davonschwimmen sieht? War die Entscheidung gegen die Landbesitzer wirklich durch gesunden Menschenverstand motiviert – oder vielleicht doch eine Entscheidung zugunsten der Stärkeren?
  • Wie geht man mit Leuten um, die Creative-Commons-Lizenzen brechen, um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen? Darf man die auch Piraten nennen? Oder schlägt CC dafür ein anderes Wort vor?
  • Wenn man verhindern will, dass grosse Teile der Bevölkerung kriminalisiert werden, warum schafft man dann Urheberrechte nicht ganz ab (so wie dem Landbesitzer der Luftraum entzogen wurde)?

[via]

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  1. […] LESSIG: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Urheberrecht und Kreativität? […]

  2. […] Siehe auch: Lawrence Lessig über CC […]

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