Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

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Tucholsky – Lied fürs Grammophon

In Lieder on Oktober 29, 2009 at 9:33

Foto: bas:il

Wenn die eigene Liebe nicht erwidert wird, wenn der blosse Gedanke an das Lächeln der Angebeteten alle Sinneseindrücke überschattet, wenn der Mond da oben und die Welt so blue ist, wenn der blasse Nebenbuhler den Hauptgewinn nach Hause trägt, dann hat sich eine Geschichte zum Millardsten Male wiederholt. Das alte Lied. Die alte Platte. Zum x-sten Male. Ein Lied fürs Grammophon:

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(Text: K.Tucholsky, Musik: M.Jung)

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung  ausdrücklich erwünscht! Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Lied fürs Grammophon
Gib mir deine Hand,
Lucindy!
Du, im fernen Land –
Lucindy!
Wie die Ätherwellen flitzen
über Drähte, wo die Raben sitzen,
saust meine Liebe dir zu …
du –
tu – tu – tu – mmm –
Wenn du mich liebst, so singt dein Blut,
Lucindy!
Ach, wenn du nicht da bist, bin ich dir so gut,
Lucindy!
Dein, dein Lächeln läßt mir keine Ruh …
Man kann von oben lächeln,
man kann von unten lächeln,
man kann daneben lächeln –
wie lächelst du?
tu – tu – tu – mmm –
Meine, die will mich verlassen,
Lucindy!
Deiner, der will dich fassen,
Lucindy!
Kehr zu ihm zurück!
Vielleicht ist das das Glück …
Ich guck in den Mond immerzu –
oh, so blue – mmm –
Wie man auch setzt im Leben,
Lucindy!
man tippt doch immer daneben,
Lucindy!
Wir sitzen mit unsern Gefühlen
meistens zwischen zwei Stühlen –
und was bleibt, ist des Herzens Ironie …
Lucindy!
Lucindy!
Lucindy –!
(Kurt Tucholsky, 1929)

Tucholsky – Letzte Fahrt

In An Manche, Lieder on Oktober 12, 2009 at 8:39
Foto: Martin

Foto: Martin

Jemand, der seinen frühen Tod ahnt und früh stirbt: schicksalhaft

Jemand, der glaubt, alt zu werden, und früh stirbt: tragisch

Jemand, der glaubt, alt zu werden, und es tatsächlich wird: weise

Jemand, der seinen frühen Tod ahnt und alt wird: wichtigtuerisch

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Letzte Fahrt

An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben –
da soll es mittags Rote Grütze geben,
mit einer fetten, weißen Sahneschicht …
Von wegen: Leibgericht.
Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger
aus seiner Nase – niemand haut ihm auf die Finger.
Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus.
Und ich lieg da und denk: »Ach, polk dich aus!«
Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter.
Nun faßt der Karlchen die Blondine unter,
die mir zuletzt noch dies und jenes lieh …
Sie findet: Trauer kleidet sie.
Der Zug ruckt an. Und alle Damen,
die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen:
vollzählig sind sie heut noch einmal da …
Und vorne rollt Papa.
Da fährt die erste, die ich damals ohne
die leiseste Erfahrung küßte – die Matrone
sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut.
Altmodisch war sie – aber sie war gut.
Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen!
Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen?
Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt:
mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.
Auf rotem samtnen Kissen, im Spaliere,
da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere
die Orden durch die ganze Stadt
die mir mein Kaiser einst verliehen hat.
Und hinterm Sarg mit seinen Silberputten,
da schreiten zwoundzwonzig Nutten –
sie schluchzen innig und mit viel System.
Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.
Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch!
Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysisch.
Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß!
Ich schweige tief.
Und bin mich endlich los.

An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben –

da soll es mittags Rote Grütze geben,

mit einer fetten, weißen Sahneschicht …

Von wegen: Leibgericht.

Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger

aus seiner Nase – niemand haut ihm auf die Finger.

Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus.

Und ich lieg da und denk: »Ach, polk dich aus!«

Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter.

Nun faßt der Karlchen die Blondine unter,

die mir zuletzt noch dies und jenes lieh …

Sie findet: Trauer kleidet sie.

Der Zug ruckt an. Und alle Damen,

die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen:

vollzählig sind sie heut noch einmal da …

Und vorne rollt Papa.

Da fährt die erste, die ich damals ohne

die leiseste Erfahrung küßte – die Matrone

sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut.

Altmodisch war sie – aber sie war gut.

Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen!

Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen?

Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt:

mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.

Auf rotem samtnen Kissen, im Spaliere,

da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere

die Orden durch die ganze Stadt

die mir mein Kaiser einst verliehen hat.

Und hinterm Sarg mit seinen Silberputten,

da schreiten zwoundzwonzig Nutten –

sie schluchzen innig und mit viel System.

Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.

Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch!

Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysisch.

Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß!

Ich schweige tief.

Und bin mich endlich los.

(Kurt Tucholsky, 1922)

10 Kleine Startups

In Lieder on September 21, 2009 at 11:34

Musikalischer Ratgeber für Startup-Gründer: Text auswendig lernen und jeden Morgen unter der Dusche singen – was soll dann noch schiefgehen?

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10 kleine Startups

10 kleine Startups, die wollten Googles sein
Das eine hat kein Geld gekriegt, das waren’s nur noch neun

9 kleinen Startups hat man viel Geld gebracht
Das eine hat’s gleich ausgegeb’n, da waren’s nur noch acht

8 kleine Startups hab’n sich am Markt gerieben
Eins verstand die Kunden nicht, da waren’s nur noch sieben

7 kleine Startups gingen Beta voller Hacks
Dem einen raucht der Server ab, da waren’s nur noch sechs

6 kleine Startups hat der Geldgeber geschimpft
Da liefen ein paar Gründer weg, da waren’s nur noch fünf

5 kleine Startups, die wurden schnell kopiert
Das eine hat’s nicht mitgekriegt, da waren’s nur noch vier

4 kleine Startups stellten Führungsleute ein
Eines hat ne Null erwischt, da waren’s nur noch drei

3 kleine Startups wollten profitabel sein
eins hat die Geduld verloren, da waren’s nur noch zwei

2 kleine Startups die hatten einen Streit
der Sieger war ein Rechtsanwalt, da waren’s nur noch eins

1 kleines Startup durfte an die Börse gehen
das löste eine Blase aus, da waren’s wieder zehn

(Text: M.Jung)

Das Lied steht unter der folgenden Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Das Musikalische Manifest des Fragezeichners

In Lieder on September 7, 2009 at 8:39

„Darauf noch ne Frage“ [Download]


Darauf noch ne Frage

Wenn man keine Antwort weiss – und das wissen schon die Kinder
bleibt man erstmal still und leis, redet keinen Scheiss’, das ist viel gesünder
Wahrheit springt uns schon genug aus jedem zweiten Buch
mitten in unsere Visage, darauf noch ne Frage

Wer sorgsam Inzest treibt mit seinen Meinungsverwandten
sich im Vorurteil verbeisst, in seinem Datensilo kreist wie ein Selbstverbannter
Den verwickeln wir im Nu in seinen eigenen Schmus
indem wir gar nichts sagen, darauf noch ne Frage

Wenn der Lagerkoller schmerzt, zwischen all den alten Büchsen
die wie ein Ei dem anderen gleichend, aussen hart und innen weich sind, und sich gegenseitig stützen
Dann rollt doch mal ne Kugel, das gibt einen Trubel
dass der Zweifel an uns nage, darauf noch ne Frage

Manch ein Blick ist eingeengt auf ein ganz bestimmtes Muster
das der Betrachter sehr gut kennt, das er stolz „mein Weltbild“ nennt, andere nennen es „illuster“
Drum den Kopf mal kurz verdrehen und was Ungeschautes sehen
wechselt mal die Lage, darauf noch ne Frage

Antwort ist ein Wort mit Ant, viel zu kurz für ‘nen Gedanken
was als Wahrheit uns erscheint, ist im Kleid der Einfachheit nur die Angst vor etwas anderem
Keine Dächer ohne Wände, kein Kratzen ohne Hände
kein Anfang ohne Ende, kein Fortschritt ohne Plage
keine Antwort ohne Frage, darauf noch ne Frage

(Text u. Musik: M.Jung)

Das Lied steht unter der folgenden Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Tucholsky – Mutterns Hände

In An Alle, Lieder on Juni 2, 2009 at 8:25

[Foto: frozenminds]

Wieviel Zeit ihres Lebens hat unsere Mutter für uns gegeben? Und wieviel Zeit wir für sie?
Wieviel Angst hat unsere Mutter um uns gehabt? Und wieviel Angst wir um sie?
Wieviel Liebe hat unsere Mutter uns geschenkt? Und wieviel wir ihr?

Ist die Bilanz ausgeglichen? Oder wird die Ungerechtigkeit in der nächsten Generation gerächt?

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten

un Kaffe jekocht

un de Töppe rübajeschohm –

un jewischt und jenäht

un jemacht und jedreht …

alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,

uns Bobongs zujesteckt

un Zeitungen ausjetragen –

hast die Hemden jezählt

und Kartoffeln jeschält …

alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal

bei jroßen Schkandal

auch ‘n Katzenkopp jejeben.

Hast uns hochjebracht.

Wir wahn Sticker acht,

sechse sind noch am Leben …

Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.

Nu sind se alt.

Nu bist du bald am Ende.

Da stehn wa nu hier,

und denn komm wir bei dir

und streicheln deine Hände.

(Kurt Tucholsky, 1929)

Tucholsky – Häuser

In An Alle, Lieder on Mai 20, 2009 at 11:24

[Foto: conceptworker]

Menschen beseelen ihre Häuser und Wohnungen. Sie hinterlassen Spuren, sichtbare und unsichtbare. Aber was passiert, wenn die Bewohner in eine andere Stadt oder in ein anderes Leben weiterziehen – lassen sie dann leere Räume zurück? Oder füllen sich die Räume im Laufe der Jahre nicht vielmehr mit den Geschichten all der Menschen, die sie beherbergten, erzählen sie diese Geschichten weiter und verweben so die Schicksale von Generationen?

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Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Häuser

Mittleres Haus in der Köpenicker Straße, in der Avenue des Ternes, am Harvestehuderweg – du bist vollgelebt.

Hinter deinen Tapeten hat sich Angelebtes versammelt,

nachts knistert es,

tagsüber dünsten dort hundert Leben aus,

mittleres Haus.

Kotdurchrieselt stehst du,

von Drähten durchzuckt,

ein lebendiger Leib;

oben fassen die Gabeln deiner Antennen in die Luft und ziehen die Musik heran, die Helferin der Gemeinheit;

mit Recht spannen sich die Radiotrapeze, auf denen die Ätherwellen turnen, auf dem Dach aus,

neben den Hypotheken –

denn wer könnte Hypotheken handeln,

ohne die abendliche Hilfe Beethovens!

Du bist nicht wie jene Hausgreise,

in denen das Mauerleben längst abgestorben ist;

tot ruht der Kalk,

die Wanzen weinen

und beißen, angefüllt mit Verzweiflung der Isoliertheit;

nichts mehr sagt die Treppe,

schweigsam ist die Tür wie ein gefalteter Greisenmund.

So alte Leute sagen nichts mehr –

sie haben zu viel gesehn.

Du bist ein mittleres Haus.

Du bist nicht wie die Neubauten, die Gefäße des Unglücks,

in deren weißgetünchte Schubschachteln der Mensch hineinfällt,

hier seine Scheidung, seine neugebornen Kinder, seine Malheurbriefe zu erwarten;

kindisch gluckert die Badewanne, das junge Ding,

albern blitzen die Klinken,

und tapsig stuckert der eben konfirmierte Fahrstuhl in die Höhe und macht sich mausig –

wie mühsam ist es, ein so funkelnagelneues Behältnis vollzuwohnen!

So junge Leute sagen nicht viel –

sie haben noch zu wenig gesehn.

In ihnen vergeben die Mieter ihre Kraft – seelische Trockenwohner.

Du bist ein mittleres Haus.

Du hast schon viel in dir gehabt, Mutter der Möbel,

aber noch nicht genug.

Empfang, schlürf ein, spei aus:

Jeder Umzug eine kleine Geburt.

Du bist grade dabei, zu leben.

Deine Rohre rauschen, es kocht in den Ausgüssen, es brodelt im Badeofen.

Durch deine Steine sickert Weinen,

deine Ziegel schwitzen Elend aus

und gerinnendes Stöhnen der Komödien der Nacht.

Kalkiger Querschnitt!

Durchbrüllt vom Lärm der Wirtschaften,

vom sinnlosen Klingeln

und vom Quäken näselnder Phonographen!

Mancher wohnt oben in dir,

mittleres Haus.

Und abends,

wenn der Film der Geschäftigkeiten ruht,

steckt ein Hund seinen Kopf zum Fenster heraus,

ernsthaft wie Gottvater die Straßenwürmer betrachtend,

seine Pfote hat er aufs Fensterbrett gestellt –

das ist für ihn eine zweite Erde.

Mittleres Haus.

(Kurt Tucholsky, 1927)

Tucholsky – Auf ein Kind

In An Manche, Lieder on Mai 11, 2009 at 9:41

[Foto: Chris Moncus]

Warum sind wir auf dieser Welt? Wie verwirklichen wir unsere Träume? Was macht uns Hoffnung? Was wollen wir im Leben erreichen? Was erwarten wir von uns? Wenn wir auf keine dieser Fragen mehr eine Antwort zu finden glauben, dann bleibt uns nur noch ein Ausweg: wir delegieren die Lösungsfindung an die nächste Generation und beschweren ihr Leben mit unseren Idealen, Träumen, Hoffnungen, Zielen und Erwartungen. Wir schreien ihnen zu: Du sollst es sein! Und vielleicht finden wir ja in unseren Kindern das, was wir nicht in uns und unseren Zeitgenossen gefunden haben. Vielleicht…

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Aus dem gleichen Zyklus: Kurt Tucholsky – Liebespaar am Fenster


Auf ein Kind

Du lebst noch nicht.

Ich seh dich so lebendig:

ein kleiner gelber Schopf, die Augen blau;

ich seh dich an und such beständig

die Züge einer lieben Frau.

Du kreischst und jauchzst schon laut in deinen Kissen;

du bist so frisch und klar und erdenhaft.

Du brauchst es nicht wie ich zu wissen,

was Zwiespalt ist, der Leiden schafft.

Der ist dahin. Schrei du aus voller Lunge

und schüttle deine runde, kleine Faust!

Sei froh! Sieh auf die Mutter, Junge –

sie ist so hell, auch wenn ein Sturmwind braust.

Hör ihre Stimme nur: gleich wehts gelinder.

Setz du sie fort. Was bin denn ich allein?

Wir Menschen sind doch stets die alten Kinder:

ich war es nicht – mein Sohn, der soll es sein.

Du sollst es sein!

Und kommst du einst zum Leben:

Du sollst es sein! Ich hab es nicht gekonnt.

Gib du, was deiner Mutter Arme geben:

Leucht uns voran!

Du bist so blond.

(Kurt Tucholsky, 1920)

Tucholsky – Liebespaar am Fenster

In Lieder on April 24, 2009 at 1:51

[Foto: changr]

Ich habe mir erlaubt, ein Gedicht Kurt Tucholskys zu vertonen und spontan aufzunehmen. Nachdem ich Monate daran gerätselt habe, wie ich denn sowas am besten mache, habe ich jetzt einfach mal am schnellsten gemacht – und zwar mit allem, was so in meinem Arbeitszimmer herumlag (glücklicherweise befindet sich immer zumindest ein Klavier darin). Zwar nicht in einem Schuss (weil ich nunmal nicht 10 Hände und 3 Gehirne habe), aber doch ohne Schnipseln und Bearbeiten, ohne technische Effekte, ohne Schönfärbereien. Eine Beta-Version, die nie in den Produktstatus übergehen wird…

Als Frage-Blogger sollte ich ja auch eigentlich eine Frage stellen, aber jeder Musiker weiss, dass die Frage „Wie war ich?“ ein ständiger stiller Begleiter ist. Also: wie steht denn nun dem Kurt das neue Hemd?

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Falls jemand irgendetwas mit dem Lied anfangen möchte, zum Beispiel ein Video dazu basteln oder einen schärferen Rhythmus drunterlegen oder eine Fotostrecke mit lauter Liebespaaren am Fenster, das darf er gerne, es steht unter der folgenden Creative Commons Lizenz.

Danke an Julia und Cara für die Hilfe beim Einbetten in WordPress!


Liebespaar am Fenster

Dies ist ein Sonntag vormittag;

wir lehnen so zum Spaße

leicht ermüdet zum Fenster hinaus

und sehen auf die Straße.

Die Sonne scheint. Das Leben rinnt.

Ein kleiner Hund, ein dickes Kind …

Wir haben uns gefunden

für Tage, Wochen, Monate

und für Stunden – für Stunden.

Ich, der Mann, denke mir nichts.

Heut kann ich zu Hause bleiben,

heute geh ich nicht ins Büro –

… an die Steuer muß ich noch schreiben … .

Wieviel Uhr? Ich weiß nicht genau.

Sie ist zu mir wie eine Frau,

ich fühl mich ihr verbunden

für Tage, Wochen, Monate

und für Stunden – für Stunden.

Ich, die Frau, bin gern bei ihm.

Von Heiraten wird nicht gesprochen.

Aber eines Tages will ich ihn mir

ganz und gar unterjochen.

Die Dicke, daneben auf ihrem Balkon,

gibt ihrem Kinde einen Bonbon

und spielt mit ihren Hunden …

So soll mein Leben auch einmal sein –

und nicht nur für Stunden – für Stunden.

Von Kopf zu Kopf umfließt uns ein Strom;

noch sind wir ein Abenteuer.

Eines Tages trennen wir uns,

eine andere kommt … ein neuer …

Oder wir bleiben für immer zusammen;

dann erlöschen die großen Flammen,

Gewohnheit wird, was Liebe war.

Und nur in seltenen Sekunden

blitzt Erinnerung auf an ein schönes Jahr,

und an Stunden – an glückliche Stunden.

(Kurt Tucholsky, 1928)