Loriot hat sich letztens über den Verlust der Langsamkeit in der heutigen Fernsehwelt beklagt.
Die Menschen haben keine Zeit zu verlieren. Das war vor dreissig Jahren wahrscheinlich auch schon so. Aber heute haben sie die Mittel, sich nicht mehr die Zeit stehlen zu lassen: Sie haben nicht nur mehr alternative Kanäle, sondern auch eine Fernbedienung, DVD-Spieler, das Internet oder intelligente Aufnahmegeräte.
Die Hemmschwelle, eine Sendung wegzudrücken oder abzuschalten, ist niedriger geworden. Die Zeit, die der Zuschauer einer Sendung gibt, um ihn zu interessieren, ist kürzer geworden. Muss darunter auch die Qualität leiden, weil komplexere und raffiniertere Geschichten eine längere Anlaufzeit brauchen, die ihnen nicht mehr zugestanden wird? Oder leidet gar die Vielfalt, weil sich Sendungen dem Zuschauerverhalten anpassen müssen?
Andererseits: ist es nicht auch eine Tugend, sich kurz zu halten? Steigt nicht auch der Druck, pointierter und schärfer zu werden, sinnvoller mit der wenigen Zeit umzugehen?
Würden man einem jungen Loriot heute noch einen Sendeplatz einräumen? Hätte er heute noch Erfolg mit seinen Sketchen? Ist diese Frage überhaupt sinnvoll - wie lässt sich Loriot aus seinem zeitlichen Kontext reissen?
Geschichten simulieren das Leben und helfen zu lernen, sich weiterzuentwickeln, neue Ideen zu verarbeiten, von Erfahrungen anderer zu profitieren. Sie sind die nächstbeste Sache neben dem Leben selbst und viel effektiver als jede Art von Instruktion oder Belehrung. Das steht in dem ungeheuer interessanten und durchaus inspirierendem Buch von den Heath-Brüdern namens “Made To Stick“.
Und warum gibt es Menschen, denen man nur ungern zuhört (will jetzt mal keine Namen nennen)? Weil man das Gefühl hat, nichts lernen zu können? Oder weil man einfach nur schlecht unterhalten wird?
“Indem die Technik mehr und mehr die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, welche sie schaffe, den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die klimatischen Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verlässigste Mittel, die Völker einander näher zu bringen, ihre gegenseitige Bekanntschaft zu fördern, menschlichen Ausgleich zwischen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören und endlich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen.” (Thomas Mann, Der Zauberberg - wenn ich mich nicht irre).
Verkehrsinfrastruktur und Kommunikationstechnologien haben die Welt kleiner gemacht. Haben sie auch Vorurteile kleiner gemacht?
Tun, was man liebt oder tun, was man kann? Steve Jobs plädiert in seiner fesselnden Rede vor Studenten für ersteres, ein Wissenschaftler auf Brandeins für letzteres. Im Idealfall fällt natürlich beides zusammen. Aber die Liebe ist ein flatterhaftes Wesen. Und was man kann, weiss man manchmal erst, wenn man es versucht hat.
Es gibt auch so pathologische Fälle wie mich, der damals glaubte, alles zu können, aber nichts zu mögen (ich hoffte damals ernsthaft, dass der Kelch des Arbeitslebens irgendwie an mir vorüberziehen würde).
Was würde ich heute jemandem raten, der mir die Frage stellt? Die Rede von Steve Jobs nahelegen? Vielleicht sollte ich ihm diese Frage stellen: womit könntest du dich den ganzen Tag beschäftigen, ohne dich zu langweilen? Oder noch besser: was würdest du den ganzen Tag tun, wenn du keinen Zwang hättest, Geld zu verdienen?
(Hätte mir damals übrigens auch nicht weitergeholfen: der optimale Tag bestand für mich in einem bisschen von allem )
In dem Manifest der Digitalen Bohème “Wir nennen es Arbeit” stehen ein paar Seiten über die zunehmende Bedeutung von Videospielen in der Alltagskultur. Mittlerweile gäbe es in Deutschland mehr WoW-Spieler als Handballer.
Trotzdem schaue ich mir im Fernsehen lieber ein Handball-Spiel an als dass ich anderen beim WoW-Spielen zuschaue. Und ich nehme an, ich bin da keine Ausnahme. Videospiele sind nichts zum Angucken, sondern zum Mitmachen. Auch bei Brettspielen ist das meist so (Ausnahme: Schach, aber da scheinen auch alle Zuschauer Schachexperten zu sein und ständig mitzudenken). Bei Sport ist das anders, da kann beides Spass machen: spielen und zugucken.
Und jetzt zurück zur Frage in der Überschrift: gilt das nicht auch sinngemäss für Blogs (schreiben macht mehr Spass als lesen)? Und natürlich auch für Free-Jazz (Krach machen ist lustiger als ihn sich anzuhören)?
Ein Experiment: über einen gewissen Zeitraum- einen Tag, eine Woche, ein Jahr - sein Leben bis ins kleinste Detail dokumentieren: die aufgerufenen Web-Seiten, die gehörte Musik, die gelesenen Bücher, die Mahlzeiten und die Treffen mit anderen Menschen, selbst die Gedanken und Ideen. Und dann nach einiger Zeit - einem Jahr, fünf Jahren, zehn Jahren - diese Tage, Wochen oder Monate nachleben, wiederleben, im Detail dem Protokoll der Vergangenheit folgen, die gleichen News-Seiten lesen, die gleiche Musik auf sich wirken lassen, mit den gleichen Menschen sprechen wie damals.
Was wird dann passieren, was wird man erleben, welche Erkenntnisse gewinnen? Werden Erinnerungen hochgeschwemmt, die sich schon lange im Unterbewusstsein abgesetzt hatten und von anderen Erinnerungen überwuchert waren? Wird man sich an seiner eigenen Vergangenheit langweilen? Wird man den Plan, den die Vergangenheit diktiert, als Einschränkung seiner Freiheit der Gegenwart empfinden? Wird man spüren, wie man sich oder wie die Welt sich verändert hat? Wird man den Geist einer Lebensphase wieder lebendig machen können oder nur ein Gespenst der Vergangenheit zum Spuken bringen?
Mein Freund Nestor sagte: stehe zu deiner Schüchternheit. Wenn du deine Schüchternheit zu bekämpfen versuchst, beraubst du dich deiner Stärke. Schlimmer, du entfernst dich von dir selbst. Und du wirst nicht die Freunde und Frauen finden, die zu dir passen, die sich durch deine Schüchternheit angezogen fühlen.
Das ist zwölf Jahre her. Und ich weiss immer noch nicht, was ich davon halten soll.
Ich habe mir mein Gehirn früher immer als eine Art Eimer vorgestellt. Es hat nur eine begrenzte Aufnahmekapazität. Wenn man mehr WasserWissen reintut als reinpasst, dann läuft es über.
Oft wird es auch mit einem Computer verglichen, der rechnet, speichert, Informationen verarbeitet, verschiebt und ständig vor sich hinrattert.
Beliebt ist es auch, das Gehrin als einen Muskel zu sehen, den man trainieren kann, um ihn leistungsfähiger zu machen.
Mit etwas Phantasie kann man sich auch neue Modelle ausdenken: ein Regal mit Schubladen, ein verschneites Feld, in das die Erfahrungen ihre Wege trampeln, ein dezentrales Netz aus unabhängigen Lebewesen oder auch der Fahrer eines LKWs (genannt Körper).
Jedes der Modelle mag in bestimmten Kontexten sinnvoll sein. Aber: täuschen sie nicht alle über die Tatsache hinweg, dass wir weit davon entfernt sind, ein Modell zu finden, dass dem Gehirn gerecht wird?
Gibt es etwas, dessen ich mir wirklich sicher bin? Ohne jede Einschränkung, ohne jeden Zweifel, ohne zeitliche Begrenzung? Ist das dann auch begründet - oder nur eine Form von Glauben?
Der Tod!
Der Tod? Könnte es nicht sein, dass auch der Tod eines Tages überwunden wird? Könnte es nicht sein, dass gerade Du der allererste sein wird, den der Tod vergessen wird?
Im Flugzeug, das 1977 nach Mogadischu entführt wurde, sass ein Ehepaar nebeneinander, das schon 20 Jahre verheiratet war. Zu ihrem Entsetzen musste die Frau feststellen, dass ihr Gatte, als sie auf der Toilette war, das wenige Wasser, das ihr zugeteilt war, rücksichtslos weggetrunken hatte. Zurück in Deutschland reichte die Frau sofort die Scheidung ein.
Ich frage mich, wer über diesen Ausbruch von Charakterlosigkeit in dieser Ausnahmesituation überraschter war - sie oder er?