Abmahnungen und Standorte

Mai 9, 2008

Warum werden Entscheidungen um Urheberrechts-, Persönlichkeitsrechts- und Markenrechtsverletzungen so oft vom Landgericht Hamburg getroffen? Auch im Presserecht (aktueller Fall) fallen die Urteile oft in Hamburg.

Wie ist es möglich, dass ein abmahnender Rechtsanwalt den Gerichtsstandort wählen darf? Ist das nicht eine massive Aushöhlung des Rechtsstaats, wenn ein Kläger seinen Richter wählen darf, dessen grundsätzliche Einstellung er bereits kennt?

Warum wird - wenn sich beide Parteien nicht auf einen Standort einigen können - nicht einfach gelost?


Ein paar Links:


Wer schrieb diese Melodie?

April 24, 2008

Ätsch

[Foto: herrner]

Wer schrieb diese Melodie?

Der Text geht so: Dädädädädäädäa

Die französische Version übrigens so: Tralalalalère

Wird bei jedem Trällern auf dem Schulhof ein Obulus fällig?


Frustrierende Erfahrungen eines Fragenden

April 6, 2008

Gesprächskultur

[Foto: lionscavern]

Ich habe am Donnerstag eine etwas seltsame Erfahrung gemacht. Ich bin auf einen Artikel eines mir bis dahin unbekannten Blogs gestossen, der den Blog-Vermarkter Adical mit harschen Worten (”Blutgeld”) dafür kritisierte, mit Cisco und Yahoo zwei Werbepartner gewonnen zu haben, die mit dem chinesischen Regime kooperiert und Regimegegner ans Messer geliefert haben sollen. Daraufhin stellte ich ein paar Fragen. Ich bekam zwar keine Antwort, wurde aber mit Vorwürfen bombardiert: hätte wohl noch nie in dem Blog gelesen, trüge eine Konsumhaltung mit mir herum, würde wohl schneller kommentieren als denken, habe eine Schwarz-Weiss-Sicht, rechtfertige unmenschlichen Pragmatismus. Schliesslich wurde mir noch mein persönliches Armutszeugnis ausgestellt, Oberflächlichkeit bescheinigt und Niveaulosigkeit in Bodennähe attestiert. Alle Vorwürfe passten in 2 Kommentare. Meine Replik wurde dann gar nicht mehr freigegeben. Eine äusserst frustrierende Erfahrung, schon präventiv für eine nicht geäusserte Meinung bestraft zu werden, die ich mir noch gar nicht gebildet hatte.

Habe ich etwas falsch gemacht, habe ich das Thema verfehlt? Konnte mein Kommentar als destruktive Provokation empfunden werden? Hätte ich mich vorher über mehr Einzelheiten dieser konkreten Affäre informieren müssen, bevor ich relativ abstrakte Fragen dazu stelle? Oder liegt es am Fragen selbst? Ist Fragen selbst vielleicht sogar viel provokativer als eine Gegenmeinung zu vertreten? Werden Fragen als Troll-Verhalten empfunden, weil sie Antworten und Rechtfertigungen fordern und in eine aufwendige Diskussion verwickeln können?

Oder wurde ich nur Zufallsopfer mangelnder Gesprächskultur, die sich in Arroganz, Rechthaberei, reflexgetriebener Gesinnungskultur und paranoidem Freund-Feind-Denken manifestiert? Zeit, das Frage-Konzept zu überdenken?


Nachdenkseiten?

April 4, 2008

Ich bin auf eine blogartige Web-Seite namens Nachdenkseiten gestossen. Der Titel hat mich angezogen. Ich erwartete Nachdenkliches. Ich erwartete, zum Nachdenken angeregt zu werden. Ich bin ein wenig enttäuscht. Kann es sein, dass die Autor der Seiten (einer ist ein ehemaliger Mitarbeiter der sozialliberalen Bundesregierung der 70er) nicht zum Nachdenken bringen will, sondern vielmehr, dass seine Leser das nach-denken sollen, was er ihnen bereits vor-gedacht hat?


Aprilscherze

April 1, 2008

Ob die Zahl der fehlerhaften Artikel oder von mir aus auch der Fehlinformationen pro 1000 Zeilen in den deutschen Medien am 1. April wohl signifikant höher ist als an anderen Tagen? Wie sieht es mit der Blogosphäre aus? Hat sich mal jemand die Mühe gemacht zu zählen?


Hirnforschung im Feuilleton

März 17, 2008
Können wir unser Denken im Alter verbessern? Können wir unsere Erinnerung schulen? Können Gedanken das Gehirn umbauen? Was geschieht bei der Meditation im Kopf? Kann Erziehung das Hirn konstruieren? Können wir Kindern bei der Entwicklung ihres Denkapparats neurodidaktisch helfen? Macht Denken glücklich, und wenn ja, wie müsste man denken, um es zu werden?

Diesen Fragen will die FAZ demnächst auf den Grund gehen. Aber nicht im Wissenschaftsteil, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern im Feuilleton. Hirnforscher begleiten mittlerweile in starkem Masse kulturelle Debatten, die vormals Künstlern, Philosophen oder Geisteswissenschaftlern vorbehalten waren. Das kann der Wahrheitsfindung nur gut tun, finde ich, wenn Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven auf die gleiche Sache schauen und sich über ihre jeweilige Sicht austauschen (musste sofort an die Parabel von den Blinden und dem Elefanten denken).

Und warum nicht noch einen Schritt weiterdenken: warum sind Wirtschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft, etc. überhaupt so säuberlich getrennt? Werden dadurch nicht eher Zusammenhänge zerschnitten als Übersicht geschaffen? Hat sich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, ob man eine Zeitung nicht auch völlig anders gliedern könnte?


Beamte nach Leistung bezahlen

März 16, 2008
[Foto: Leberwurstfotograf]

Frankreichs Präsident Sarkozy plant, Beamte nach Leistung zu bezahlen. Da auch in Frankreich Beamte dafür berüchtigt sind, nichts zu leisten, erfreut sich der Vorschlag durchaus einer gewissen Popularität. Ausser bei den Beamten. Die sprechen von Krieg und wollen streiken. Zufälligerweise kommt das Thema jetzt auch in Deutschland auf den Tisch. Zeit für ein paar Fragen:

  • Nach welchen Kriterien soll Leistung gemessen werden? Arbeitsstunden pro Woche? Kundenzufriedenheit? Rentabilität?
  • Wie soll ein Zugführer seine Leistung steigern? Reicht es nicht, wenn er jeden Tag pünktlich seinen Zug dahin fährt, wo man ihn erwartet?
  • Wie wird man beim Aufstellen der Kriterien den spezifischen Berufsgruppen gerecht: Lehrer, Zugführer, Sachbearbeiter, Museumswärter, Schalterbeamter, …?
  • Werden die gleichen Kriterien auf nationaler Ebene angewendet? Oder versucht man, lokalen Besonderheiten gerecht zu werden?
  • Wer setzt diese Kriterien pro Berufsgruppe fest? Und wer wertet sie aus? Wie kann dabei Missbrauch verhindert werden?
  • Soll jeder einzelne Beamte bewertet werden? Oder eine ganze Abteilung?
  • Wieviel kostet es, für jeden einzelnen Beamten Leistungsziele oder -bewertungen festzulegen?
  • Wie kann verhindert werden, dass die Produktivität auf der Strecke bleibt, weil nur noch für die Kriterien optimiert gearbeitet wird?
  • Da Leistung in grossem Masse von der Motivation abhängt und Motivation von einer interessanten Tätigkeit, Eigenverantwortlichkeit und einem guten Arbeitsklima: hat man schon mal daran gedacht, an diesen Stellschrauben zu drehen?
  • Wie will man die Probleme lösen, die viele Firmen beim Einsatz von Belohnungssystemen erleben?

Mehr Fragen zum Thema:


Frage an Richard Dawkins

März 3, 2008

Richard Dawkins bezeichnet religiöse Menschen in seinem Buch Der Gotteswahn als dumm und geisteskrank (ich habe das Buch nicht selbst gelesen, verlasse mich jetzt aber einfach mal auf die Rezension von Georg Keuschnig). Was ich nicht verstehe: ein Evolutionsforscher müsste doch eigentlich in ganz besonderer Weise Toleranz für die Vielfalt menschlicher Charakterausprägungen und Ideen haben. In seiner Logik müsste es ein religiöses Gen geben oder eine Gruppe von Genen, die in Kooperation und in gewissen gesellschaftlichen Kontexten religiöse Einstellungen bei ihren Überlebensmaschinen, also den Menschen, hervorbringen, die sich im Überlebenskampf mit ihren Allelen behaupten müssen. Wenn Religiosität Menschen dumm und geisteskrank macht - beides keine Sieger-Eigenschaften- , müsste sie ja eigentlich von der Evolution sehr klein gehalten werden. Warum also die Aufregung?


Flat = platt?

Februar 13, 2008

[Photo: Malingering]

Bedeuten Flat-Rates nicht Ineffizienz, Ressourcenverschwendung, falsche Anreize, Aushebeln des Marktes, Preisspiralen nach unten, Verdrängungskämpfe? Müsste nicht jeder Betriebswirtschaftler und sogar Volkswirtschaftler von Flat-Rates dringend abraten?

Wie konnte es dazu kommen, dass die Idee einer Flat-Rate sich auf breiter Basis durchsetzen konnte? Dass mittlerweile sogar Kneipen (”Flat-Rate-Saufen”) das Konzept aufgreifen?

Wird das denn so bleiben oder ist es denkbar, dass Flat-Rates eines Tages wieder durch nutzungsabhängige Preissysteme ersetzt werden?

Und: wieviele Internet-Nutzer gäbe es heute ohne Flat-Rates?


Lawrence Lessig über Urheberrecht und Kreativität

November 7, 2007

Ist das nicht einer dieser Vorträge, der einem so das Hirn einnebelt, das man sich wohlig in seine Überzeugungen kuschelt und gar nicht anders kann als vor dem Bildschirm aufzustehen und zu applaudieren? Sollte man sich nicht wenigstens die Mühe machen und der Form halber ein paar kritische Fragen stellen?

Zunächst zum Inhalt dieses Lehrstücks in Kommunikation von Lawrence Lessig über das geltendende Urheberrecht. Es beginnt mit 3 Geschichten:

1. Beim Aufkommen der Grammaphone fürchtete ein gewisser Herr Sousa, seines Zeichens Komponist von Marschmusik, dass die Kultur des Singens und Musizierens unter Kindern verloren gehen könnte.

2. In den USA existierte ein Gesetz, das Landbesitz auch die Lufthoheit über dieses Landes garantiert. Farmer klagten gegen Fluggesellschaften und verloren, weil das Gesetz nicht gesundem Menschenverstand entspricht.

3. In den 20er-Jahren begann das Radio die Einnahmen der amerikanischen Musikindustrie zu bedrohen, die daraufhin eine Verwertungsgesellschaft namens ASCAP gründete, die in kürzester Zeit den amerikanischen Musikmarkt kontrollierte und nicht nur die Preise, sondern auch die Musikgenres diktierte. Eine massive Preiserhöhung 1939 liess die Radiosender reagieren und Musik von der konkurrenziellen BMI lizensieren. Die ASCAP musste sich öffnen.

Wie bringt man also diese 3 Geschichten zusammen und baut dabei eine emotionelle Botschaft ein?

  • Die heutigen Technologien bringen uns das kindliche Singen und Musizieren von damals in der Form des Remixes zurück. (Kinder erwecken Emotionen! Die eingespielten Mashups sind Prachtexemplare ihrer Art!)
  • Aus den heutigen Gesetzen zum Urheberrecht spricht genauso viel Menschenverstand wie aus denen, die damals in den USA den Landbesitz regelte.
  • Die Kriminalisierung unserer Kinder korrumpiert und unterhöhlt die Gesellschaft.
  • Konkurrenz bricht Monopole.

Schlussfolgerung: wir brauchen eine Konkurrenz zum Monopol der Urheber. Wir brauchen Creative Commons!

Aber:

  • Ist denn die Kultur des Singens und Musizierens wirklich verloren gegangen?
  • Was hat Remixen überhaupt mit Singen und Musizieren zu tun - sind das nicht zwei völlig unterschiedliche Tätigkeiten, die schon immer parallel existiert haben?
  • Was, wenn es unseren Kindern nicht um das kreative Remixen, sondern nur um das kostenlose Hören geht?
  • Kann man die Interessen von ein paar amerikanischen Farmern, deren Hühner angeblich beim Vorbeifliegen eines Jets aufflattern, mit den Interessen einer millionenschweren Industrie vergleichen, die ihre Felle davonschwimmen sieht? War die Entscheidung gegen die Landbesitzer wirklich durch gesunden Menschenverstand motiviert - oder vielleicht doch eine Entscheidung zugunsten der Stärkeren?
  • Wie geht man mit Leuten um, die Creative-Commons-Lizenzen brechen, um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen? Darf man die auch Piraten nennen? Oder schlägt CC dafür ein anderes Wort vor?
  • Wenn man verhindern will, dass grosse Teile der Bevölkerung kriminalisiert werden, warum schafft man dann Urheberrechte nicht ganz ab (so wie dem Landbesitzer der Luftraum entzogen wurde)?

[via]