Jens Jessen von der Zeit hat vor ein paar Wochen in einem Video-Podcast die Forderung aufgestellt, dass sich im Internet niemand mehr anonym bewegen dürfe, um Urheberrechtsverletzungen, kriminelle Aktivitäten, Beleidigungen und Diskriminierungen zu verhindern. Er verglich das Internet mit einer Stadt, das von marodierenden Banden durchzogen sei, die im Schutze der Anonymität ungestraft ihr Unwesen treiben dürften.
Ich frage mich, welche Folgen die konsequente Durchsetzung einer solchen Forderung hätte (insofern sie überhaupt technisch und verfassungsrechtlich durchsetzbar wäre). Würden Beleidigungen und Diskriminierungen wirklich dramatisch zurückgehen – oder würden sie vielleicht nur in einer Weise formuliert, dass sie rechtlich nicht angreifbar sind (so wie das die Bild-Zeitung immer mal wieder hinbekommt)? Würde Musik tatsächlich gekauft anstatt aus dem Internet geladen – oder würde sie halt wie früher einfach unter Freunden kopiert? Und sind denn diese Beleidigungen wirklich ein Problem, das sich nicht einfacher, zum Beispiel durch schlichtes Löschen lösen lässt (so wie es ja fast überall praktiziert wird)? Werden Fehlinformationen im Internet nicht automatisch durch die Vielzahl von Quellen und Korrekturen eliminiert?
Welchen Preis müssten wir für das Aufgeben der Anonymität zahlen? Wäre ein massiver Rückgang von Transparenz, Offenheit und Wahrheit die Folge, weil sich viele Menschen aus Gründen möglicher Abmahnungen oder Probleme mit ihrem Arbeitgeber gar nicht mehr bequemen würden, ihre Meinung im Internet kundzutun, Produkte zu bewerten, Probleme mit Unternehmen zu beschreiben oder vor illegalen Machenschaften zu warnen? Geht es Jessen in Wahrheit vielleicht nur darum, das bröckelnde Meinungsmonopol der grossen Medien zu verteidigen?
Und warum dann nicht konsequenterweise jeden Menschen mit einem Funkchip samt Mikrophon und Kamera ausstatten, der jede seiner Bewegungen in der wirklichen Welt mitprotokolliert und es möglich macht, jedes Fehlverhalten sofort zu ahnden. Delikte wie Beleidigungen und Taschendiebstahl sollten dann schnell der Vergangenheit angehören (und als angenehmer Nebeneffekt vielleicht auch Pinkeln in Mülleimer oder Fahrradfahren ohne Licht).
Vielleicht sollte sich Jessen mal die Frage stellen, warum Wahlen in Demokratien geheim sind, warum es im Journalismus Quellenschutz gibt und in Unternehmen Kummerkästen. Kleiner Tipp: der Grund ist in allen drei Fällen der gleiche.







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