Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

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20 Jahre….

In An Alle on Oktober 21, 2009 at 9:30
Foto: verni22im

Foto: verni22im

Der Mauerfall jährt sich bald zum 20.Male. Unfassbar! Es lief alles so glatt damals. Die VoPo schaute nur zu. Das Zentralkomittee war durch Altersschwäche und Realitätsallergien gelähmt. Die Mauer hatte dem Willen der Menschen nichts entgegenzusetzen. Bald danach Kohl hier, Kohl da, Kohl mit Pollunder, Kohl mit Pullover, Kohl mit Strickjacke, Kohl mit Gorbi, Kohl mit Fronswa, Kohl mit Schorsch. Und plötzlich war die deutsche Einheit da. Kohl bekam zwar zwischendurch ein paar Eier ab oder wurde niedergepfiffen, aber das war wahrscheinlich nur persönlich gemeint.

Die Bilder der Menschen, die ihr Glück kaum fassen können, die Grenze überschreiten zu dürfen, die heulend in Berlin herumlaufen, die berühren mich auch heute noch sehr. Kann es sein, dass wir unglaubliches Glück hatten? Was, wenn sich die Wut auf das Regime in Aggressionen gebündelt hätte? Wenn Honecker 10 Jahre jünger und im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre? Was, wenn Gorbatschow durch einen Militärführer weggeputscht worden wäre und plötzlich sowjetische Panzer durch Leipzig, Dresden und Berlin rollen? Wie gross war das Risiko einer Eskalation, die zu einer Konfrontation der damaligen Machtblöcke oder sogar in einen 3.Weltkrieg hätte münden können?

Oder auch die Möglichkeit eines entschiedenen Neins der Sowjetunion, Frankreichs, Englands oder Amerika zu einem vereinten Deutschland? Wie wäre das dann weitergegangen, wenn die SED unter Hans Modrow ein Glasnost versucht hätte mit einem Volk, das viel mehr wollte als einen demokratischeren Sozialismus und auf gepackten Koffern sass? Oder wären viele sogar wieder zurückgekommen nach ein paar Jahren enttäuschter Erwartungen im Westen? Hätte es eine zweite Chance für die DDR geben können?

Wie wichtig waren die handelnden Personen damals? Was, wenn Kohl 1987 die Bundestagswahl gegen Johannes Rau verloren hätte oder Mitterand 1988 gegen Jacques Chirac? Wäre es trotzdem so gekommen? Musste es so kommen, so unausweichlich „wie der Rhein sich durch Deutschland schlängelt und in die Nordsee mündet“ (so soll Kohl es Gorbatschow gesagt haben). Oder hing alles am seidenen Faden?

Es gibt immer einen guten Grund zu wählen

In An Alle on September 10, 2009 at 1:42
Foto: Lobi

Foto: Lobi

Man solle sich auf seine Stärken konzentrieren, anstatt an seinen Schwächen herumzudoktern, sagen viele, die erfolgreich sind. Positiv denken, sagen andere. Also, dann mach ich doch jetzt einfach mal beides. Anstatt herumzunörgeln an unseren Parteien, ihnen ihre Schwächen unter die Nase zu halten und sie an gebrochene Versprechen zu erinnern, tue ich jetzt mal etwas ganz revolutionäres: ich spreche nur von den wichtigsten Gründen, die dafür sprechen, sie zu wählen. Eine einseitige Stärkenanalyse. Weiss ich dann auch besser, was ich wählen soll, als wenn ich eine Stärken-Schwächen-Analyse mache oder mir die Wahlprogramme durchzulesen oder mich von meiner Sympathie leiten lasse?

CDU/CSU

Das wichtigste Argument für die CDU/CSU ist für mich die Bundeskanzlerin selbst. Während ihre Vorgänger von Zeit zu Zeit auf den Tisch hauten, Basta riefen oder mächtige Machtwörter sprachen, um dem Volk ihre Führungsstärke zu demonstrieren, verweigert sich Angela Merkel diesen archaischen Ritualen ganz gelassen. Sie gleicht aus, löst Konflikte, wägt Interessen gegeneinander ab, deeskaliert und lässt die testosterongetränkten Stiere aus verschiedenen Richtungen ins Leere rennen. Und – wichtig für jeden Fragezeichner – sie vermittelt nicht den Eindruck, als einzige die Wahrheit zu kennen und Probleme mit fertige Lösungen erschlagen zu können, hört stattdessen zu und lässt Meinungen auf sich wirken. Das nenne ich modernen Führungsstil.

SPD

Die SPD hat eine lange und stolze Tradition, hat sich totalitären Ideologien stets unter eigenen Opfern verweigert und in den über 100 Jahren ihrer Existenz epochale und revolutionäre Errungenschaften wie das Rentensystem,  Unternehmensmitbestimmung, Ost-West-Annäherung oder Atomausstieg erfunden oder massgeblich mitgestaltet. Da Vergangenheit durchaus ein brauchbarer Indikator für die Zukunft sein kann, steht zu hoffen, dass sie auch ein weiteres Mal in der Lage sein wird, sich neu zu erfinden und den Deutschen weiterzuhelfen (z.B. als Partei, die das bedingungslose Grundeinkommen einführt).

Grüne

Die Grünen thematisieren die wichtigsten Probleme der nahen Zukunft und machen auch konkrete Vorschläge zu deren Lösung: Umweltschutz, alternative Energien, Bürgerrechte im digitalen Zeitalter, Zukunft der Arbeit. Sie diskutieren sehr engagiert, offen und vielfältig über Dinge, die andere ständig verdrängen, vor sich her oder zur Seite schieben – und sie machen den Eindruck zu wissen, wovon sie sprechen.

FDP

Die FDP ist am nächsten an einer Denkströmung, die ich persönlich sehr schätze, dem Liberalismus. Der wichtigste, der zentrale Begriff dieser Denkströmung ist die Freiheit. Wenn Vertreter des Liberalismus Lösungen von gesellschaftlichen Problemen suchen, dann orientieren sie sich daran, wie sehr die persönliche Freiheit jedes einzelnen Bürgers beeinträchtigt wird. Sie stellen sich zu jedem Moment die Frage: wie kann die Freiheit, die Entfaltungsmöglichkeiten und der Handlungsspielraum aller vergrössert werden? Und werden dort eingreifen, wo andere ihre Freiheit dazu nutzen, die Freiheit anderer zu beschränken.

Linke

Die Linke hat ihre Stimme gegen eine von einer Theorie zur Ideologie degenerierten ökonomischen Denkrichtung namens Neoliberalismus schon erhoben, als all die anderen noch vor sich hindämmerten und Sinn-Sprüche nachplapperten. Sie haben als einzige Partei die Glaubwürdigkeit, Massnahmen durchzusetzen, die eine Wiederholung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise verhindern würde. Und vertreten auch bei Sozial- und Rentenpolitik selbstbewusst Meinungen, die der Kaste von Lobbyisten und interessengeleiteten Politikberatern gar nicht schmecken.

Piraten

Die Piraten werden dafür sorgen, dass die Politik auf den neuesten Stand der Technik upgegraded wird. Möglicherweise haben sie sich in dem Moment, wo ihnen das gelingt, überflüssig gemacht. Aber das ist es wert.

Gibt es originäre Ideen?

In An Alle on August 20, 2009 at 6:11
Foto: Kugel

Foto: Kugel

Ich beispielsweise habe niemals originäre Ideen„, sagt Patrick in diesem Artikel hier über den Wert und das Klauen von Ideen. Wenn Patrick keine originären Ideen hat, habe ich denn wenigstens welche? Oder hat zumindest irgendjemand irgendwann mal eine gehabt? Gibt es überhaupt originäre Ideen, also Ideen, die nicht von der Natur abgeschaut sind und die nicht durch Verknüpfung, Kontextverschiebung oder Erweiterung von anderen Ideen entstanden sind?

Natürlich„, habe ich mir gedacht. Die menschliche Ideenwelt ist ja kein abstraktes Gebilde wie die Mathematik, deren Schönheit und Komplexität sich auf wenige Axiome zurückführen lässt. Wie sollte denn sonst Neues in der Welt entstehen? Wie sollten denn sonst Impulse für Veränderung entstehen – wenn nicht durch originäre Ideen?

Ein einziges Beispiel würde mir reichen. Ein einziges Beispiel wäre bereits der Beweis der Existenz, der Möglichkeit originärer Ideen – und von Menschen entwickelter Ideen. Aber ich habe bisher noch keines gefunden. Einfache geometrische Formen wie Linien oder Kreise (selbst Sechsecke) findet man in der Natur. Komplexere wie Dreiecke, Trapeze oder Pyramiden lassen sich aus den einfachen entwickeln. Und so scheint es mit allem: mit dem Rad, der Elektrizität, dem Flugzeug, der Bremse, dem Auto, der Relativitätstheorie, der Musik. Eine komplexe Erfindung wie der Computer ist nur möglich durch eine Vielzahl von Beobachtungen der Natur, den daraus gewonnenen Erkenntnissen und deren raffinierte Verknüpfung. Selbst die Idee von Gott stammt wahrscheinlich aus der Abstraktion der Bedeutung der Sonne für den Menschen. Ganze Wissenschaftszweige versuchen die genialen Überlebensstrategien von Pflanzen und Tieren für den Menschen nutzbar zu machen. Alles nur geklaut?

Erziehung in Zeiten der Gefahr

In An Alle on Juni 4, 2009 at 8:34

[Bild: jatop]

Die Generation meines Vaters und meines Grossvaters (und wohl auch die der diversen x-Ur-Grossväter) sind in Zeiten des Krieges, in Zeiten der ständigen Gefahr und Bedrohung aufgewachsen. Ist das möglicherweise auch der Grund, warum sie autoritär erzogen wurden? In Zeiten der Gefahr kann jeder Fehler, jedes Experiment, jeder unbedachte Schritt tödlich sein. Ständiges Hinterfragen von Entscheidungen, langwierige Diskussionen und trotzige Verweigerung konnten katastrophale Folgen haben. Instinktiver und blinder Gehorsam gegenüber den Eltern dagegen verringert dieses Risiko. Ich bemerke an mir selbst, dass ich mit meinem Söhnchen sehr streng, ja rabiat sein kann, wenn wir in der Stadt sind, im Verkehr, umgeben von Autos, umgeben von der Gefahr. Ist das Aufwachsen zwischen und während Kriegen nicht ein Leben in einer dauerhaften potentiellen Gefahren-Situation, in der man sich den Luxus des Abwägens, Ausgleichens, Überzeugens durch Worte nicht leisten kann?

Und was passierte heute bei einem Krieg – wenn wir in Bunker müssten mitten in der Nacht mit unseren Kindern, die sich nicht die Zähne putzen wollen und den ganzen Tag im Schlafanzug trödeln? Wenn wir zu Fuss mehrere Kilometer flüchten müssten mit unseren Kindern, die zu viele Pfunde haben und schnell schlapp machen und jammern? Wenn wir uns von Brot aus Getreideresten und Stroh ernähren müssten, während sonst bereits das Nörgeln losgeht, wenn es Gemüse statt Pommes zum Kotelett gibt? Können wir dann alle den Schalter umlegen und in den Krisenmodus schalten?

Tucholsky – Mutterns Hände

In An Alle, Lieder on Juni 2, 2009 at 8:25

[Foto: frozenminds]

Wieviel Zeit ihres Lebens hat unsere Mutter für uns gegeben? Und wieviel Zeit wir für sie?
Wieviel Angst hat unsere Mutter um uns gehabt? Und wieviel Angst wir um sie?
Wieviel Liebe hat unsere Mutter uns geschenkt? Und wieviel wir ihr?

Ist die Bilanz ausgeglichen? Oder wird die Ungerechtigkeit in der nächsten Generation gerächt?

[Download]

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten

un Kaffe jekocht

un de Töppe rübajeschohm –

un jewischt und jenäht

un jemacht und jedreht …

alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,

uns Bobongs zujesteckt

un Zeitungen ausjetragen –

hast die Hemden jezählt

und Kartoffeln jeschält …

alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal

bei jroßen Schkandal

auch ‘n Katzenkopp jejeben.

Hast uns hochjebracht.

Wir wahn Sticker acht,

sechse sind noch am Leben …

Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.

Nu sind se alt.

Nu bist du bald am Ende.

Da stehn wa nu hier,

und denn komm wir bei dir

und streicheln deine Hände.

(Kurt Tucholsky, 1929)

Tucholsky – Häuser

In An Alle, Lieder on Mai 20, 2009 at 11:24

[Foto: conceptworker]

Menschen beseelen ihre Häuser und Wohnungen. Sie hinterlassen Spuren, sichtbare und unsichtbare. Aber was passiert, wenn die Bewohner in eine andere Stadt oder in ein anderes Leben weiterziehen – lassen sie dann leere Räume zurück? Oder füllen sich die Räume im Laufe der Jahre nicht vielmehr mit den Geschichten all der Menschen, die sie beherbergten, erzählen sie diese Geschichten weiter und verweben so die Schicksale von Generationen?

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Häuser

Mittleres Haus in der Köpenicker Straße, in der Avenue des Ternes, am Harvestehuderweg – du bist vollgelebt.

Hinter deinen Tapeten hat sich Angelebtes versammelt,

nachts knistert es,

tagsüber dünsten dort hundert Leben aus,

mittleres Haus.

Kotdurchrieselt stehst du,

von Drähten durchzuckt,

ein lebendiger Leib;

oben fassen die Gabeln deiner Antennen in die Luft und ziehen die Musik heran, die Helferin der Gemeinheit;

mit Recht spannen sich die Radiotrapeze, auf denen die Ätherwellen turnen, auf dem Dach aus,

neben den Hypotheken –

denn wer könnte Hypotheken handeln,

ohne die abendliche Hilfe Beethovens!

Du bist nicht wie jene Hausgreise,

in denen das Mauerleben längst abgestorben ist;

tot ruht der Kalk,

die Wanzen weinen

und beißen, angefüllt mit Verzweiflung der Isoliertheit;

nichts mehr sagt die Treppe,

schweigsam ist die Tür wie ein gefalteter Greisenmund.

So alte Leute sagen nichts mehr –

sie haben zu viel gesehn.

Du bist ein mittleres Haus.

Du bist nicht wie die Neubauten, die Gefäße des Unglücks,

in deren weißgetünchte Schubschachteln der Mensch hineinfällt,

hier seine Scheidung, seine neugebornen Kinder, seine Malheurbriefe zu erwarten;

kindisch gluckert die Badewanne, das junge Ding,

albern blitzen die Klinken,

und tapsig stuckert der eben konfirmierte Fahrstuhl in die Höhe und macht sich mausig –

wie mühsam ist es, ein so funkelnagelneues Behältnis vollzuwohnen!

So junge Leute sagen nicht viel –

sie haben noch zu wenig gesehn.

In ihnen vergeben die Mieter ihre Kraft – seelische Trockenwohner.

Du bist ein mittleres Haus.

Du hast schon viel in dir gehabt, Mutter der Möbel,

aber noch nicht genug.

Empfang, schlürf ein, spei aus:

Jeder Umzug eine kleine Geburt.

Du bist grade dabei, zu leben.

Deine Rohre rauschen, es kocht in den Ausgüssen, es brodelt im Badeofen.

Durch deine Steine sickert Weinen,

deine Ziegel schwitzen Elend aus

und gerinnendes Stöhnen der Komödien der Nacht.

Kalkiger Querschnitt!

Durchbrüllt vom Lärm der Wirtschaften,

vom sinnlosen Klingeln

und vom Quäken näselnder Phonographen!

Mancher wohnt oben in dir,

mittleres Haus.

Und abends,

wenn der Film der Geschäftigkeiten ruht,

steckt ein Hund seinen Kopf zum Fenster heraus,

ernsthaft wie Gottvater die Straßenwürmer betrachtend,

seine Pfote hat er aufs Fensterbrett gestellt –

das ist für ihn eine zweite Erde.

Mittleres Haus.

(Kurt Tucholsky, 1927)

Ein Treppen-Rätsel

In An Alle on Mai 13, 2009 at 11:51
Foto: alles-schlumpfs

Foto: alles-schlumpf's

Eine Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine zweite Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine dritte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine vierte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, dann noch eine und noch eine, bis zur letzten, der 24. Stufe. Dann muss sie lachen und stirbt.

Frage: warum musste die vierte Frau lachen?

Ich lasse euch raten und braten. Die Auflösung und Geschichte hinter diesem Rätsel gibt es erst nach spätestens 25 erfolglosen Versuchen in den Kommentaren, nicht vorher – es sei denn, jemand findet des Rätsels Lösung.

Mein Haus, mein Auto, mein Blutdruck

In An Alle on Mai 7, 2009 at 8:11

(Foto: Guesus)

Wie fasst man 15 Jahre seines Lebens zusammen? Man könnte von seinen Reisen erzählen, von den interessanten Menschen, die man kennengelernt hat, von den Ideen und Gedanken, die durch den Kopf gegangen sind und sich auf unerklärliche Weise verändert oder aufgelöst haben. Man könnte von den Büchern sprechen, die einen geprägt haben, von den Zielen, die man sich gesetzt hatte, und was davon übrig geblieben ist, von den kuriosen Geschichten, die man erlebt hat, selbst von der Geschichte, wie man seine Frau kennengelernt hat und warum man dort lebt, wo man lebt.

Aber stattdessen reduzieren sich 15 Jahre auf den professionellen Curriculum Vitae  - Diplom im Fach <Grossartigkeit> an der Universität <TopRanking>, Posten als <SuperEinsteiger> bei <Weltunternehmen>, schneller Aufstieg zum <Obermacker> und schliesslich <FastDerCheffe> bei <WeiteWeltunternehmen> – gespickt mit stark belastenden Indizien wie Haus gebaut, SUV gefahren, Top-Kontakte geknüpft. Wer möchte sowas hören, den es nicht drängt, selbst ähnliches zu erzählen?

Ich finde, man sollte zur Abwechslung und systematischen Verwirrung mal andere unorthodoxe Erfolge heraushängen lassen wie zum Beispiel: die Zahl der Gutenachtgeschichten, die man seinen Kindern vorgelesen hat; die Zahl der Haare, die nicht grau geworden sind; die Zahl der selbstgemachten Linsensuppen, die man gekocht hat; die Zahl der Kilometer, die man mit dem Fahrrad zurückgelegt hat; die Zahl der Bücher, die man gelesen hat (gilt nur für Nicht-Germanisten, die müssen stattdessen ihre Computer-Kenntnisse nachweisen); den allgemeinen gesundheitlichen Zustand (Blutdruck und Übergewicht z.B. führen zu Minuspunkten); die Zahl der Stunden, die man meditiert hat; die Zahl der Sonnenuntergänge, die man beobachten durfte (oder als Bonus: der Sonnenuntergänge hinter den Bergen oder am Strand); die Momente, in denen man sich frei fühlte oder glücklich oder neugierig; die Zahl der Liebeserklärungen, die man jemandem gemacht hat; die Zahl der Fehler, die man eingesehen hat; …

Warum ist der Mensch im Blick so vieler nur so viel wert wie seine Stellenbezeichnung?

Charakter-Nischen besetzen

In An Alle on Mai 5, 2009 at 8:38

[Foto: robokow]

Weder Vererbung, noch Erziehung scheinen mir Konzepte, die den Charakter eines Menschen befriedigend erklären können. Ich bin jetzt auf eine neue interessante Theorie gestossen, die natürlich nur von einem erfolgreichen Unternehmer kommen kann, der selbst zwei Söhne hat, die (wie eigentlich fast alle Söhne mit Brüdern) so ganz und gar unterschiedliche Interessen und Charakterzüge haben, dass sich die Eltern vergeblich die Köpfe über die Gegensätze zerbrechen. Ich habe übrigens selbst auch einen Bruder, der ein in jeglicher Hinsicht von mir verschiedener Mensch und Typ ist. Bei Mädchen ist das meiner Erfahrung auch nicht anders, unsere Nachbarn haben zweieiige Zwillinge, die beide aus unterschiedlichen Welten zugereist zu sein scheinen.

Hier also die Theorie: ähnlich wie sich Unternehmen in der Wirtschaft ihre Nische suchen und besetzen, also das machen, was sie gut beziehungsweise relative am besten können, ohne sich einen möglicherweise ruinösen Wettbewerb mit starker Konkurrenz liefern zu müssen, entwickeln sich auch Charaktere im Spannungsfeld einer Familie. Heranwachsende spezialisieren sich mit Blick auf ihre Geschwister. Es geht um Anerkennung der Eltern, um persönliche Erfolgserlebnisse, um Investitionen in die eigenen Fähigkeiten im Hinblick auf die Konkurrenz. Wenn ein Junge in eine Familie geboren wird, in der sein Bruder bereits als begabter Sportler gilt, könnte er – obwohl er ähnlich begabt ist – lieber dem direkten Wettkampf aus dem Weg gehen und sich selbst aufgrund seines grösseren Spasses am Lesen als Intellektueller profilieren. Im Schatten eines sprachbegabten Egozentrikers ist Schüchternheit oft die beste Strategie. Natürlich könnte der Zweitgeborene auch die direkte Konfrontation mit dem älteren suchen und ihn verdrängen, ich nehme an, ein solcher Konflikt würde lebenslange Auswirkungen haben. Ich weiss nicht, ob es irgendwelche Belege für diese Theorie gibt, aber sie scheint mir wert, ein wenig über sie nachzudenken und zu hinterfragen.

Würde dies also bedeuten, dass der erstgeborene die grössten Freiheitsgrade bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit geniesst (wie ein Unternehmen, das ein konkurrenzloses Produkt in einem neuen Markt schafft)? Sind Einzelkinder also vergleichbar mit Monopolisten und damit viel weniger (die Familie selbst ist ja nicht das einzige soziale System, in dem es agiert) gezwungen, sich zu messen und zu beweisen? Wie ist das bei 10 Kindern in der Familie – bleibt da überhaupt noch Platz für das letzte – oder verkompliziert sich das Öko-System derart, dass zum Beispiel durch Partnerschaften ganz neue individuelle Entwicklungsmöglichkeiten entstehen? Warum verändert sich die Spezialisierung nicht, wenn sich die Erwartungen der Eltern, die Fähigkeiten der Geschwister oder der soziale Kontext verändert – oder tut sie das sogar?

Das absolute Gedächtnis

In An Alle on April 29, 2009 at 11:14

(Foto: loop_oh)

Ich habe mir früher mal die Frage gestellt, was es denn für mich bedeuten würde, mit einem absoluten Gedächtnis ausgerüstet zu sein, jede Wahrnehmung jeglicher Art zu jeder Zeit punktgenau zurückrufen zu können. Ein paar Jahre später habe ich von einem Forscher gehört, der mit einer Kamera um den Hals durch das Leben ging, die alles aufzeichnete und auf gigantischen Festplatten abspeicherte. Mittlerweile hat so gut wie jeder einen digitalen Fotoapparat und Videokamera und speichert seine Fotos und Filme samt Zeitstempel, Geodaten und Schlagworten auf seiner Festplatte und kann sein Leben mit wenigen Suchoperationen rekonstruieren. Digitale Tagebücher und soziale Netwerke tun ihr übriges, um dem absoluten -digitalen- Gedächtnis sehr nahe zu kommen.

Kinder, die in diesem Jahrzehnt aufwachsen, können sich dabei beobachten wie sie die ersten Schritte tun, wie sie lesen lernen, sie können in ihre eigenen überraschten Kinderaugen blicken während sie Weihnachtsgeschenke auspacken, sie hören sich nörgeln, ein Instrument lernen oder mit ihren Geschwistern streiten. Sie können ihre Persönlichkeitsentwicklung nachvollziehen, wobei ja auch das ständige Betrachten ihrerselbst ihre Persönlichkeitsentwicklung mitbeeinflusst. Mich würde es brennend interessieren wie ich denn als Kind war, wie sich mein Alltag gestaltet hat, ob sich bestimmte Züge meiner Persönlichkeit schon früh finden, ob mein Söhnchen ähnlich ist wie ich damals, ob sich der Zauber meiner Erinnerungen auch in den Filmen spiegelt.

Aber genau da sehe ich auch den Haken: ich halte es für möglich, dass ich, der sich als Kind und viele Jahre in das junge Erwachsenenleben hinein als etwas besonderes, berufenes, einzigartiges betrachtete, durch diese Filme auf meine eigene Mittelmässigkeit, Stromlinienförmigkeit und Banalität aufmerksam würde. Erinnerungen lassen sich schönen, schönen sich ganz von alleine – aber Videofilme zeigen das Leben in seiner kargen Belanglosigkeit. Wer einen unbearbeiteten Hochzeitsfilm betrachtet, der hört nur Tellerklappern und dröges Geplapper, sieht ungeschickte Gesten und Gabeln, die unerbittlich Essen in geöffnete Münder transportieren. Die Schönheit scheint erst später beim Schneiden, Auswählen und Hinterlegen von Musik hinzugefügt zu werden. Unsere Gehirne machen das schon direkt bei der Wahrnehmung und auch noch beim Abrufen.

Meine Grossmutter hat höchstens 5 Fotos von sich, auf denen sich jünger ist als 50. Viele andere alte Menschen haben nicht einmal das, haben nicht einmal ein Foto oder eine Zeichnung ihrer Eltern. Sie müssen alle Erinnerungen in sich tragen und können sie nicht teilen ausser in Geschichten. Wer wird wohl schönere Erinnerungen an seine Kindheit haben – meine Grossmutter, die ihre Vergangenheit in sich trägt, oder ihr Urgrossenkel mit dem absoluten digitalen Gedächtnis?

Vermarktung

In An Alle on April 23, 2009 at 9:49

[Foto: an untrained eye]

„Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor.“

Wieder so ein Faust-Zitat, das mich beim ersten Lesen vor mehr als 20 Jahren stark beeindruckt hat und das ich seitdem regelmässig mit dem Leben abgleiche. Und wenn ich mir genug Mühe gebe, dann finde ich auch immer wieder Anzeichen dafür, dass sich Qualität durchsetzt, dass Erfolg nicht ein Produkt des Zufalls ist, dass auch eine noch so aufwändige Werbekampagne kein hässliches Entlein in einen Schwan verwandeln kann.

Aber es gibt auch den Spruch „Je intelligenter man ist, desto intelligenter betrügt man sich selbst“ und ich frage mich, ob meine Wünsche nicht stärker sind als die Realität. Ist die Musik, die mich in den 80ern sozialisiert hat, nicht in etwa der Musikgeschmack einer kleinen Kaste von Musikmanagern der damaligen Zeit? Sind die Unternehmen, die mit einer Idee Erfolg haben, nicht meist die, die am meisten geklaut und am geschicktesten oder auch einfach am Brutalsten vermarktet haben? Sind die Romane, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, tatsächlich besser als die, die aus irgendwelchen Gründen nie veröffentlicht wurden und deren Autoren aus Gram starben? Wieviele Bachs, Mozarts oder Beethovens sind in der Anonymität verschwunden oder schafften es nie aus ihr heraus (dass wir heute Bach so verehren, verdanken wir zu einem Grossteil Felix Mendelssohn-Bartholdy)? Wieviele bedeutende Menschen landeten auf der Verliererseite, von der man nie etwas hört, weil die Gewinner sie nicht zu Wort kommen lassen?

Und wie sieht es denn heute aus? Die Rolle der Menschen, die den Daumen nach oben oder nach unten richten, wird immer unwichtiger. Transparenz und Vielfalt sollte es uns ermöglichen, bessere gerechtere Entscheidungen zu treffen, Willkür zu umgehen. Verstand und rechten Sinn sollten wir ungefiltert erleben können und uns von der Kunst des Vortrags emanzipieren können. Aber da ist immer noch unsere Aufmerksamkeit, diese enge Röhre, durch die nicht viel durchpasst. Und dann schaffen es möglicherweise wieder die, die mit viel Kunst unsere Aufmerksamkeit erringen, die anderen, die es wie ich mit Verstand und rechtem Sinn versuchen, in den Schatten zu stellen. Oder?

Der Mentor

In An Alle on April 14, 2009 at 8:03

[Foto: mayhem]

Im Zusammenhang mit Startup-Gründungen in den USA hört man immer wieder den guten Ratschlag „Suche dir einen Mentor“. Auch in der Generation meines Vaters wird der Begriff gebraucht, mir ist er weitgehend unbekannt. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals einer meiner Freunde von einem Mentor gesprochen hat.  Ich musste sogar erst mal nachschlagen, was genau damit gemeint ist – bin mir aber nicht sicher, die Idee wirklich durchdrungen zu haben. Wikipedias Definition ist jedenfalls sehr dünn.

Ist ein Mentor lediglich jemand, der einem mal einen Ratsschlag gegeben hat – oder jemand, der als ständiger Ratgeber über einen längeren Zeitraum fungierte? Die erste Definition ist bereits durch einen Onkel erfüllt, der einem einmal bei einem Besuch auf die Schulter geklopft und gesagt hat: „Halt die Ohren steif!“. Nach der zweiten Definition könnte das auch die eigene Mutter sein. Mir scheint, dass ein Mentor nur in einem ganz abgegrenzten Bereich agiert: Unternehmensgründung, Karriereplanung, Literatur. Aber das tut ja auch jeder Lehrer. Und nicht jeder Lehrer ist ein Mentor. Der individuelle Aspekt der Beratung ist doch unabdingbar, oder? Ist ein Doktorvater bereits ein Mentor? Kann ein Mentor Geld verlangen – oder wird er dann nur zum professionellen Berater? Und schwingt nicht auch ein Hauch von Lebensphilosophie, Werten und Grundsätzen mit, wenn von einem Mentor die Rede ist – fachliche Beratung als Katalysator der Persönlichkeitsentwicklung?

Ich würde die Fragen gerne weitergeben: was versteht ihr unter einem Mentor? Hattet oder habt ihr einen Mentor? Welche Geschichten über Mentoren kennt ihr – aus dem eigenen Leben oder aus der Literatur? Trügt meine Wahrnehmung, dass die Idee des Mentors bereits verblasst ist?

Kleine Fragen an die Grossen

In An Alle on März 17, 2009 at 9:10

[Foto: svenwerk]

Es gibt ein paar Leute auf der Welt, auch in Deutschland, mit denen ich mich gerne unterhalten möchte, denen ich unzählig viele Fragen stellen möchte; Leute, von denen ich mir sicher bin, dass sie mir neue Einsichten geben könnten; die etwas zu sagen haben, das sie bisher noch nicht gesagt haben, weil noch niemand die richtigen Fragen gestellt hat. Anstatt darauf zu warten, dass irgendein Journalist irgendwann mal die (für mich) richtigen Fragen stellt und ich das Interview irgendwo zu lesen bekomme, könnte ich doch einfach mal selbst versuchen, an die entsprechende Person heranzukommen, sie anzurufen, ein Interview zu vereinbaren und meine ganz persönlichen Fragen stellen.

Ist so etwas denkbar? Würde sich ein in der Öffentlichkeit stehender prominenter Kulturschaffender, Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer mit einem Privat-Blogger unterhalten wollen, der im Schnitt nur 50 Leser erreicht? Wie finde ich überhaupt seine Telefonnummer? Unter welchen Umständen würde er sich darauf einlassen? Wieviel Vertrauensarbeit wäre im Vorfeld nötig? Würde er es ohnehin nicht ohne Bezahlung tun? Würde er sich vielleicht darüber freuen, mal andere Fragen als üblich gestellt bekommen (aber wie soll er wissen, welche Fragen gestellt werden)?

Ein Hoch auf das Gedächtnis

In An Alle on März 12, 2009 at 9:22

[Foto: offshore]

Nichts schien mir stupider, als in der Schule irgendwelche Daten auswendig zu lernen und sie dann in einer Klassenarbeit wieder abrufen zu können. Ich bemitleidete all die Kommilitonen, die Medizin, Pharmazie oder Biologie studierten und die ganze Wälzer in ihren Kopf hineinprügeln mussten. Und das wenige, das auch ich als Wirtschaftsinformatik-Student auswendig lernen musste, empfand ich bereits als eine Beleidigung des menschlichen Geistes. Professoren, die ihre Studenten keine begleitenden Bücher und Taschenrechner in die Prüfung nehmen liessen, sprachen wir guten Gewissens jede pädogogische wie fachliche Kompetenz ab.

Damals war das Web noch in den Anfängen, heute ist praktisch jede Information online verfügbar. Es ist weit wichtiger, richtig suchen und recherchieren zu können als möglichst vieles im Kopf zu behalten. Die Menge der Daten ist so gross, das meiste passt doch ohnehin nicht in unsere kleinen Gehirne hinein und wird ja auch bei jedem Hinzufügen und Auslesen ein wenig deformiert oder unbewusst mit verfälschenden Emotionen angereichert.

Aber: jetzt stelle ich mir mal einen Vortragenden auf einer Konferenz vor, der seine Powerpoint-Folien an die Wand wirft und dazu irgendetwas von einem Zettel abliest. Ich stelle mir eine Diskussionsrunde vor, wo jemand seine Argumente mit „Ich weiss jetzt nicht mehr, wo ich das gelesen habe, doch ich bin ganz sicher, dass…“ einleitet. Ich stelle mir Bundestagsabgeordnete vor, die ihren Blick bei ihrer Rede stets nach unten aufs Pult gerichtet haben. Ich stelle mir Gäste beim Abendessen vor, die sich Diskussionsthemen und Anekdoten auf einem Spickzettel notiert haben. Und jemanden, der die Telefonnummer seiner Frau nicht mehr kennt, sobald die Batterie seines Mobiltelefons leer ist.

Und jetzt stelle ich mir einen Forscher vor, der all die vielfältigen und ungewöhnlichen Gespräche in der S-Bahn oder auch in der Kantine mit Kollegen aus anderen Fachbereichen aufsaugt, und all die Teile in seinem Kopf in einem Moment der Inspiration zu einer revolutionären Idee zusammenfügt. Ich stelle mir einen schlagfertigen Lehrer vor, der jeden Unsinn seiner Schüler mit einem Bibelzitat konterkarieren kann. Ich stelle mir einen Entertainer vor, der aus einer Vielzahl von Gags den richtigen aus dem Hut ziehen kann.

Ist nicht in Zeiten, in der Information überall verfügbar ist, ein gutes Gedächtnis, die Fähigkeit auswendig zu lernen, eine Möglichkeit sich abzuheben, sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal? Wird ein gutes Gedächtnis deshalb nicht eher noch wichtiger? Auch in der Informatik spielt das Konzept des „Caches“ schliesslich eine zentrale Rolle zur Optimierung und Beschleunigung von Informationszugriffsprozessen – warum sollte das bei Menschen anders sein?

Übrigens: jemand, der von seinem aussergewöhnlichen Namens- und Gesichter-Gedächtnis profitiert hat, ist George W. Bush, der in der Lage ist, Leute wiederzuerkennen und mit Namen zu begrüssen, die er Jahre zuvor nur ein einziges Mal kurz gesprochen hat. Ein Politiker, der sich das Gesicht und den Namen jedes Menschen merken kann, den er je getroffen hat, wird zwangsläufig jede Wahl gewinnen. Jeder Wähler – unabhängig von seinen politischen Überzeugunen – wird sich in einer solchen Situation ernst genommen und geschmeichelt fühlen.

Dicke Kontakte

In An Alle on März 5, 2009 at 10:14

[Foto: Schockwellenreiter]

Kann man mit jemandem befreundet sein, ohne ein Geheimnis zu teilen – ohne eine gemeinsame Intimsphäre, in der Gespräche stattfinden, die niemanden anderes, auch andere gemeinsame Freunde nichts angehen? Oder anders herum gefragt: kann Freundschaft öffentlich sein, darf jeder dem Gespräch der Freunde lauschen wenn er will? Ist Freundschaft möglich ohne Geheimnis? Müssen wir in Zeiten digitaler Kommunikation den Begriff Freundschaft neu definieren oder müssen wir für das, was Freundschaft einmal war, ein neues Wort finden, jetzt da jeder Kontakt in einem sozialen Netzwerk gleich ein Freund ist?

Warum weinen wir?

In An Alle on Februar 26, 2009 at 7:07

[Foto: rickydavid]

Ich gebe zu, diese Woche ist etwas düster geraten. Dann kommt es jetzt ja auch nicht mehr darauf an und wir können uns mit dem Weinen beschäftigen. Während ich Wut und Lachen einen evolutionsbedingten Sinn zusprechen kann, gelingt mir das mit dem Weinen überhaupt nicht. Klar, man weint, um die Augen zu reinigen, wenn das Staub oder Zwiebeldämpfe hineingeraten sind. Aber wo ist der Bezug zum Traurigsein? Traurigsein könnte man als Nebenprodukt unserer Geselligkeit und Empathie bewerten. Aber könnte das nicht auch ohne Tränen geschehen? Trauer braucht Tränen – warum? Und auch die Rührung treibt uns das Wasser in die Augen. Nein, mir fällt nicht mal eine kühne Hausmacher-Theorie dazu ein.

Und wer lange genug nachgedacht hat, der darf dann hier lesen und sieht vielleicht ein bisschen klarer. Mich überzeugt es nicht.

Bündnis für Vielfalt

In An Alle on Februar 12, 2009 at 9:58

[Foto: pokpok313]

Vielfalt ist in der Natur Voraussetzung für ein stabiles Ökosystem und Grundlage der Evolution. Vielfalt ist in der Wirtschaft unerlässlich, um den verschiedensten Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden und um durch Wettbewerb Innovation zu schaffen. Vielfalt ist in der Kultur Garant für Inspiration, neue Ideen und Kreativität. Vielfalt ist in der Medizin die grösste Hoffnung, ein Mittel gegen Krebs oder gefährliche Bakterien zu finden. Vielfalt ist in der Landwirtschaft eine Absicherung gegen Anfälligkeit von Monokulturen. Vielfalt in der Politik bedeutet, den vielfältigen Interessen einer Gesellschaft gerecht zu werden. Vielfalt im täglichen Leben bedeutet Abwechslung, Motivation, neue Einsichten. Und ein Mangel an Vielfalt mag auch einer der massgeblichen Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrise sein.

Eigentlich müsste es doch ganz einfach sein, ein Bündnis für Vielfalt zu schmieden. Denn darin könnte sich jeder wiederfinden. Warum gibt es dennoch so viele Streiter für eine einzige Lösung für alle (etwa gerade wegen der Vielfalt der Menschen)?

Zuspruch

In An Alle on Februar 10, 2009 at 10:08

[Foto: kurafire]

Kann es sein, dass wir nicht glücklich sind mit dem, was wir machen, bis wir es anderen zeigen können und dafür gelobt werden?

Kann man sich einen Musiker vorstellen, der sich damit zufrieden gibt, ohne Publikum alleine im Kämmerlein zu spielen, einen Sportler, der irgendetwas besser kann als alle anderen, der sich aber nicht mit ihnen misst, einen Schriftsteller, dessen Manuscripte nie sein Arbeitszimmer verlassen haben, ein Erfinder, der als einziger seine geniale Erfindung nutzt, der Angestellte, der auch  ohne Lob und Rückmeldung durch den Chef hochmotiviert ist?

Aber wie kommt das? Sind wir vielleicht nicht ganz sicher, dass es wirklich gut ist, was wir machen, dass wir unserem eigenen Urteil nicht wirklich trauen? Sind die anderen sozusagen eine Art Schutzschild für unsere Fehler – verschaffte uns diese Rückversicherung  evolutionäre Vorteile oder sind sie nur Nebenprodukt von banaler Geselligkeit? Hat das schon jemand bei Tieren beobachtet – zeigen kleine Kätzchen ihrer Mutter stolz die erste selbstgefangene Maus? Und wieviel Menschen mag es wohl geben, die keinen Zuspruch brauchen, die sich über das Bedürfnis des Lobes und des Zuspruchs erheben können?

Next Generation

In An Alle on Januar 20, 2009 at 10:04

Gibt es irgendein Produkt, das als Next Generation beworben wurde und (trotzdem) erfolgreich war?

[Foto: venana]

Fragen früher, Fragen heute

In An Alle on Januar 13, 2009 at 9:13

Wohin gehen wir heute abend? Welches Spülmaschinen-Modell kaufen wir?

Fragen von früher und Fragen von heute: welche sind tiefgründiger?

Habe ich bei der kleinen Brünetten eine Chance? Wie sieht der nächste Karriere-Schritt aus?

Fragen von früher und Fragen von heute: stehen sie in einer Kontinuität oder gab es irgendwann mal einen Bruch?

Ist Revolution der einzige gangbare Weg zur Veränderung? Zahle ich zuviel Steuern?

Fragen von früher und Fragen von heute: kommen sie von innen oder von aussen?

Und die Fragen von morgen?

Wo sind all die Tänzer, Sänger, Maler hin?

In An Alle on Dezember 11, 2008 at 9:59

Wenn man im Kindergarten fragt, wer tanzen, singen oder malen kann, gehen alle Finger hoch. Wenn man fragt, wer lesen kann, natürlich keine oder ganz wenige. 10 Jahre später ist es genau umgekehrt. Was ist mit all den Tänzern, Sängern und Malern passiert? Wo sind all die Tänzer, Sänger, Maler hin?

[aus The Back of the Napkin]

[Foto: Michael Heiss]

Raus aus den Silos

In An Alle on November 13, 2008 at 11:04

[Foto: Zoom Zoom]

Eine Beobachtung: Menschen suchen Bestätigung ihrer eigenen Auffassungen. Deshalb beziehen sie Informationen aus Quellen, die ihnen bereits Informationen geliefert haben, die ihre eigenen Auffassungen bestätigt haben. Sie abonnieren zum Beispiel Tageszeitungen, die ihrer politischen Richtung entsprechen. Das führt dazu, dass sie sich noch mehr in ihren Auffassungen bestätigt fühlen – weil Informationen, die ihre Auffassungen in Frage stellen, immer schwerer an sie herankommen. Im Internet ist das ähnlich: Foren und Blogs bilden Trauben von relativ homogenen Lesern, die sich gegenseitig offene Türen einrennen. Diejenigen, die andere Auffassungen vertreten, verirren sich selten auf diese Seiten und werden – sollten sie es wagen, sich zu äussern – oft durch rüde Gegenrede abgeschreckt.

Man könnte sich jetzt fragen, wozu man sich dann überhaupt informiert, wenn man das, was man erfährt, sowieso schon weiss. Aber so sind die Menschen nunmal. Ich frage viel lieber, wie man Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen ins Gespräch bringen kann, wie man die Vielfalt ihrer Perspektiven für alle nutzbar machen kann – im Wissen dass 1) Menschen Zeit brauchen, um andere Meinungen an sich herankommenzulassen 2) Menschen sich gerne im Ton vergreifen, wenn sie mit anderen Meinungen konfrontiert sind 3) Diskussionen scheinbar nicht über die Teilnehmerzahl 5 hinaus skalierbar sind (es gibt wahrscheinlich noch eine Reihe anderer weniger offensichtlicher Hindernisse).

Ist es nicht ein Jammer? Da ist dieses Internet, das es erlaubt, dass jeder mit jedem kommunizieren kann, das alle Grenzen jeglicher Art überwinden hilft – und wie wenig machen wir daraus?

Was kostet die Welt?

In An Alle on Oktober 21, 2008 at 8:16

…fragt sich mancher 20jährige und denkt sich wohl insgeheim: nichts! Aber hätte man ihn sich nicht schon viel früher mit der Frage auseinandersetzen lassen sollen: was kostet das Spielzeug? Was kostet das Brot? Was kostet die Fahrt zum Fussball-Platz? Der Begriff Kosten scheint nur angehenden Kaufleuten oder Volkswirten vermittelt zu werden (und zudem noch auf knochentrockene Weise) – dabei ist er doch ein elementarer Begriff unseres täglichen Lebens. Ist ein Kostenbewusstsein nicht gerade unabdinglich, um Kindern ein soziales und ökologisches Bewusstsein zu vermitteln, um ihnen die Arbeit, Mühen und Ressourcen zu verdeutlichen, die in jedem Gegenstand stecken, der ihm durch die Hand geht? Warum wird ein Kostenbewusstsein nicht schon spielerisch in frühen Jahren vermittelt? Hat man Angst, eine Generation von Buchhaltern heranzuziehen?

Kostenrechnung in der Grundschule – Meinungen?

Auf der Suche nach dem Guten

In An Alle on September 30, 2008 at 8:51

[Foto: Gertrud K.]

Der Organisationsforscher Fritz Simon hat mir in einem Video überzeugend dargelegt, dass Lernen wie auch Wissen ambivalente Begriffe sind. Denn: auch psychische Störungen sind erlernt („Hätte er das besser mal nicht gelernt!“). Und: Wissen kann man nicht nur das falsche, sondern es kann auch dazu verführen, Neues zu ignorieren und zusammen mit seinem toten Wissen zu verkrusten.

Ich frage mich, ob es denn überhaupt eine Tätigkeit geben mag, die von sich aus und in jedem denkbaren Kontext positiv ist.

  • Forschen ist durch die Erfindung der Atombombe diskreditiert
  • Musiziert wurde auch schon im Namen der Nazis (wie auch gedichtet und gemalt)
  • Helfen ? Kommt darauf an, wem!
  • Fragen ? Kommt darauf an, was!

Wenn jemand eine solche ausschliessliche gute Tätigkeit kennt, möge er sie bitte nennen. Ich würde darauf wetten, dass es keine gibt…Und das ergäbe dann Stoff für viele neue Fragen…

Wer nicht lesen will, muss sehen…

In An Alle on September 29, 2008 at 12:10

Massen-Kommunikation

In An Alle on September 2, 2008 at 9:06

[Foto: tochis]

Angenommen, du hättest die Möglichkeit eine Frage per E-Mail an eine Million Menschen zu stellen. Die Frage landet nicht im Spam-Filter, sondern wird garantiert gelesen und beantwortet. Du hättest also die Möglichkeit einer persönlichen, wahrscheinlich representativen persönliche Umfrage, ein einmaliger, einzigartiger Zugriff auf die Weisheit der Vielen. Wäre das nützlich, witzig, verführerisch? Gibt es eine Weisheit, die dir die Vielen vermitteln können? Und: welche Frage würdest du stellen?

Bürokratie

In An Alle on Juli 11, 2008 at 12:00

Draussen nur Kännchen

[Foto: germanium]

Bürokratie scheint mir etwas, auf das jeder gerne einprügelt.

Bei Wikipedia gibt es nur eine Rubrik Nachteile. Es muss doch auch Vorteile geben. Alles hat auch Vorteile, oder? Bürokratie wurde ja nicht erfunden, um Menschen zu schikanieren, oder? Millionen von Menschen würden noch nicht etwas über Jahrhunderte akzeptieren, das gegen ihre Auffassung von Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Organisation spricht?

Was sind die Vorteile? Und wie hat alles angefangen? Und wie konnte es dazu kommen:

Bla, bla, bla

[Foto: daoman]

Lässt sich das auch anders ausdrücken oder ist der Satz gar nicht zum lesen gedacht? Eine Art geheime Botschaft?

Wenn Siemens eine Fussball-Mannschaft wäre…

In An Alle on Juni 17, 2008 at 8:33

Der Ball ist gross

[Foto: Markus Merz]

Ist es nicht bemerkenswert, wie in diesen Tagen der Fussball-Europameisterschaft in Deutschland (und natürlich auch in Frankreich und überall in Europa) der Leistungsgedanke gelebt wird? Millionen von harmlosen und gutmütigen Menschen werden zu Scharfrichtern, beurteilen und verurteilen auf Grundlage einer einfachen Metrik – dem Erfolg -, sortieren diejenigen aus, die dem Erfolg im Wege stehen, verwünschen und beschimpfen Versager, fordern ihren sofortigen Rausschmiss, mitleidslos, ihrer Meinung sicher, ohne Rücksicht auf Verdienste in der Vergangenheit.

Wäre ein DAX-notiertes Unternehmen wie Siemens eine Fussball-Mannschaft, gäbe es wohl zwei rivalisierende Torhüter, die sich gegenseitig bekämpfen, sabotierten und die Fehler dem anderen in die Schuhe zu schieben versuchen. 5-6 Leute stünden tatenlos herum und versuchten die Zeit totzuschlagen. 2 Verteidiger spielten bewusst gegen die eigene Mannschaft (wahrscheinlich weil sie mit der eigenen Position unzufrieden sind oder vor langer Zeit vom Trainer gekränkt wurden). Und dann gäbe es wohl zwei Spieler, die versuchten, den Laden zu schmeissen, die sich alle Verantwortung aufladen, bis zum Umfallen rennen und keinen Aufwand scheuen (allerdings lediglich durch die Hoffnung befeuert, bald in einer besseren Mannschaft spielen zu dürfen).

Wie kommt das, dass in wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft das Leistungsprinzip völlig ausser Kraft gesetzt ist und Erfolg durch Geld und Herkunft bestimmt wird, während ein nebensächliches Spiel dieses Prinzip geradezu überdehnt? Falsche Prioritäten? Kompensation?

Lifecasting – Exhibitionismus als Ersatzgott

In An Alle on Juni 10, 2008 at 8:20

Augen

[Foto: Nokapixel]

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Zunehmen von Atheismus und einer Anwendung namens Lifecasting (oder sollte man sagen: eines Lebensmodells?), die es erlaubt, sein ganzes Leben in Echtzeit über das Internet zu zeigen? Ist das Bedürfnis das gleiche: beobachtet und beurteilt zu werden, Kraft aus äusserlicher Ermutigung zu ziehen, sein Gewissen von einer Gruppe moralischer Grenzwächter überprüfen zu lassen, die unsere Welt in richtig und falsch unterteilen? Wenn man keinen Gott findet, der sich diesen Aufgaben stellt, delegiert man dann diese dann an eine Community, eine Art Gott-Community? Ist Lifecasting also ein Konkurrent der Religion oder ein Symptom des Bedeutungsverlustes von Religion?

Eine Diskussion darüber habe ich in diesem Forum gefunden.

Aus dem Weg

In An Alle on Mai 29, 2008 at 8:27

Achtung! Hindernis!

[Foto: Guillaume Lemoine]

Wozu braucht ein Künstler denn die Musikindustrie?

Wozu braucht ein Gläubiger denn den Papst?

Wozu braucht ein Informationssucher denn eine Zeitung?

Wozu braucht <bitte ausfüllen> denn <bitte ausfüllen>?

Mit Software die Welt verbessern

In An Alle on Mai 8, 2008 at 9:06

Farbpunkte

[Foto: Creativity+ Timothy K Hamilton]

Wenn ich Zeit hätte, eine Software zu schreiben, um die Welt zu verbessern, die allen nützt, mich nicht reich macht, sondern ein gravierendes Problem unserer Gesellschaft löst oder zumindest vielen Menschen hilft – dann würde ich, dann könnte ich, dann weiss ich nichts, mir fällt nichts ein. Kann man überhaupt mit Software die Welt verbessern?

Zitat (J. Thurber)

In An Alle on April 27, 2008 at 4:06

„Es ist besser, ein paar Fragen zu stellen als alle Antworten zu kennen.“ (James Thurber)

Was ist Überzeugung?

In An Alle on April 9, 2008 at 8:16

Was ist von

„Ein Gedanke, der stehengeblieben ist!“ (Milan Kundera)

zu halten?

Vertrauen oder Skepsis

In An Alle on April 8, 2008 at 8:01

Ort der Skepsis. Wirklich?

[Foto: Kruemi]

Sollte man seinem Kind eher Vertrauen oder kritische Skepsis vermitteln?

Für das Vertrauen spräche, dass man im Leben oft in Situationen gerät, die man nicht beurteilen kann und sich deshalb auf das Urteil eines anderen verlassen muss. Chronisches Misstrauen ist auch äusserst kostspielig, denn der Misstrauende muss ständig prüfen. Zudem scheint mir Vertrauen in andere auch ein Vertrauen in sich selbst verauszusetzen.

Für die Skepsis spräche, dass wir in einer Welt voller Halbwahrheiten nur durch Skepsis und gesundes Misstrauen bestehen und uns vor Manipulationen schützen können. In einer Wissensgesellschaft sind falsche Informationen besonders schwerwiegend.

Gibt es noch bessere Gründe für das eine oder das andere?

Ich glaube, beides ist wichtig. Aber auch gleich wichtig? Und wie kann man beides gleichzeitig vermitteln – ist das nicht ein unauflösbarer Konflikt? Wann ist Vertrauen, wann Skepsis nötig? Jedes zu seiner Zeit – also abhängig vom Reifegrad und der persönlichen Entwicklung des Kindes? Welche Erfolgsgeschichten von Skeptikern gibt es? Welche Erfolgsgeschichten von Vertrauern, Vertrauenden, … (komisch: es gibt da gar kein wirkliches Wort für)?

Wissenshäppchen

In An Alle on März 18, 2008 at 8:22

Too much TV

[Foto: Snowlet]

…werden jetzt jeden Abend vor der Tagesschau serviert. Der SPON stellt einen Gegensatz zu Bublaths Sendungen her. Dieses neue Format scheint mir eine logische Anpassung an das Informationsverarbeitungsverhalten von Zuschauern, das durch kürzere Konzentrationszeiten und steigende Informationsmengen bei geringen Aufmerksamkeitsfenstern diktiert wird. Im Prinzip ist das so eine Art Blog-Format im Fernsehen nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“.

Helfen die vielen kleinen Häppchen Appetit zu machen? Oder verstopfen sie nur wie vieles andere das Gehirn mit sinnlosem Pseudo-Wissen?

Kann das Gehirn die vielen isolierten Informationen wieder zusammenbringen? Oder verlieren wir langsam die Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken?

Ist ein stetes und wiederholtes Aufnehmen von kleinen Informationspaketen wirkungsvoll, weil es die Information ständig wieder aktiviert und so am Leben hält? Oder hinterlässt eine einmalige 45-Minuten-Show mit mehr Hintergrund und Zusammenhang grössere Spuren?

Ist der Unterschied zwischen dem langen und dem kurzen überhaupt signifikant verglichen mit einem Ansatz, der nicht auf Wissensvermittlung, sondern auf Ausprobieren und Erleben beruht?

Gelebte vs. verbrachte Jahre

In An Alle on März 13, 2008 at 8:15

Zeitgenuss

[Foto: ein Augenblick]

Folgender Fall: einer ist 30, der andere 40. Der erste hat in seinem Leben genau halbsoviel erlebt wie der zweite. Beide werden mit 80 sterben.

Wer von beiden hat zum heutigen Zeitpunkt eine längere Lebenserwartung?

Einfalt des Glücks?

In An Alle on März 4, 2008 at 10:17

Tolstoi schrieb: Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Stimmt das?

Geht von der Vielfalt des Unglücks, der Tragik, des Scheiterns, des Schmerzes nicht eine Faszination aus, die eine geradezu unerschöpfliche Inspirationsquelle für Künstler geworden ist? Während Glück als langweilig, trivial, einfältig erlebt wird?

Kann man glücklich in dem Zusammenhang auch durch gut, unglücklich durch böse und Familien durch Menschen ersetzen?

Rote oder blaue Pille?

In An Alle on Februar 28, 2008 at 9:58

Warum nimmt Neo in Matrix die rote Pille? Warum will Truman in Truman Show nicht in seiner perfekten Scheinwelt bleiben? Warum tauscht David in Vanilla Sky seinen möglichen Glückszustand gegen die grausame Realität?

Warum sind Wahrheit und Freiheit wichtiger als subjektives Wohlbefinden?

Eine Frage, die Kinder nie stellen

In An Alle on Februar 26, 2008 at 9:18

Eine Frage, die Kinder nie stellen: was ist der Sinn des Lebens?

Braucht es eine gewisse Reife, bevor uns diese Frage beschäftigt? Oder ist es im Gegenteil so, dass Kinder unbewusst die Antwort in sich tragen und ihr Wissen erst im Laufe ihrer Sozialisierung und Erdung durch die Anforderungen des Alltagslebens verlieren?

Hermann Hesse

[Foto:  1340017. gl. kongevej 95 1]

Fragen an den Vater

In An Alle on Februar 13, 2008 at 10:25

Vater

[Foto: pizzodisevio]

Irgendwann ist der Vater weg und manchmal früher, als man das erwartete. Alle Fragen, die zu spät kommen, werden dann für immer offen bleiben. Oder man muss sie sich selbst beantworten. Seit einiger Zeit nehme ich mir vor, Fragen zu sammeln, die ich meinem Vater unbedingt stellen will. Da mein Vater gerne ausholt und sich auch gerne mal wiederholt, selbst wenn man ihm das signalisiert, laufen die wenigen Gespräche manchmal etwas aus dem Ruder und in die falsche Richtung. Konkrete Fragen sind ein Weg, Dialoge konstruktiv zu lenken. Ich möchte, dass ihr mir bei meiner Sammlung helft und habe deshalb oben eine Rubrik „Fragen an den Vater“ eingerichtet. Also: meine Frage an alle, die es interessiert:

Welche Fragen sollte man seinem Vater stellen?

Zeitformel

In An Alle on Februar 12, 2008 at 8:43

Zeitlos

[Foto: PrASamGaM]

Zeit verläuft nicht linear. Die Kindheit dauerte eine Ewigkeit. Das Studium ging relativ schnell herum. Aber die letzten 10 Jahre vergingen wie im Fluge. Und meine Omi sagte mir mal: „Die letzten 40 Jahre kommen wir vor wie ein Jahrzehnt!“

Kann es sein, dass die gefühlte Zeit sich beschleunigt? Ähnlich wie ein Stein, den man von einem Turm herunterwirft? Kann man das berechnen – also zum Beispiel: Gefühlte Zeit = gelebte Jahre hoch Zeitabnutzungskonstante? Ist das ein Naturgesetz oder gibt es eine Möglichkeit, die Zeit zu bremsen?

Wenn es einen geheimen Trick geben sollte, dann müssten die Kinder ihn kennen. Da wir alle mal Kinder waren, müssten wir ihn also auch mal gekannt haben, bevor wir ihn vergessen haben, oder? Kennt ihn jemand?

Bücher wieder lesen

In An Alle on Februar 7, 2008 at 9:52

Altered Book

[Foto: zephyrbunny]

Sollte man nicht regelmässig – zum Beispiel alle zehn Jahre – die liebsten Bücher seiner Bibliothek (oder die, die den stärksten Eindruck hinterliessen) neu lesen, um zu überprüfen, ob sie immer noch die liebsten sind (oder immer noch einen starken Eindruck hinterlassen)? Welch bessere Möglichkeit gibt es, festzustellen, ob man sich verändert hat?

Das Bild hing schief

In An Alle on Februar 6, 2008 at 10:14

Schief

[Foto: Herrner]

Was ist eigentlich so störend an schiefen Bildern? Ist in der Natur nicht auch vieles schief? Würden wir ein schiefes Bild eher akzeptieren, wenn alle anderen Linien auch schief sind? Hat das was mit dem Horizont zu tun – Urängste vor dem Weltuntergang angekündigt durch einen schiefen Horizont? Oder eher mit antrainiertem Ästhetik-Bewusstsein? Oder beginnen wir in unserem Kopf sofort ein Vexierspiel und eine Fehleranalyse, wenn wir ein Element sehen, das sich von seinem Kontext unterscheidet? Stören sich auch Tiere an schiefen Bildern – oder Ebenen?

Videospiele und ihr kultureller Einfluss

In An Alle on Februar 4, 2008 at 11:27

It's a Mario!

[Foto: Rakka]

Ich habe als Kind oft mit Playmobil gespielt. Ich spielte damit Alltagserfahrungen nach, das Erwachsenenleben (oder das, was ich mir darunter vorstellte) oder erfahrene und erfundene Geschichten. Auch heute ist Playmobil bei Kindern noch sehr beliebt. Vor ein paar Wochen spielte ein etwas älteres Kind den ganzen Tag mit meinem Söhnchen Playmobil. Abends rief mich mein Söhnchen, er wolle mir ein Spiel zeigen. Da waren fünf verschiedene Playmobil-Landschaften: ein Nordpol mit Pinguinen und Eisbären, ein Bauernhof mit Kühen und Schweinen, die Arche Noah, eine afrikanische Steppe voller Löwen und ein Urwald mit Schlangen, Papageien und Affen. Interessant, sagte ich, und wie geht das Spiel? Ein Hund muss einen Knochen finden und dabei die gefährlichen Tiere ablenken. Wenn er gewinnt, springt er drei Mal in die Höhe, bellt und darf es in der nächsten Landschaft versuchen. Wenn er verliert, macht er „möop“ und ist tot. Dann ist der andere dran.

Kann es sein, fragte ich meine Frau, dass der grosse Junge – nennen wir ihn einfach mal Nicolas – zufällig eine Videospielkonsole hat? Woher weisst du das, fragte sie zurück?
Frage: werden in der Generation 2000 Geschichten von Spielen abgelöst? Lernt man durch Spiele mehr als durch Geschichten? Machen Spiele mehr Spass als Geschichten? Malen Kinder heute Spielfiguren statt Märchenfiguren? Träumt man von Spielen wie man von Geschichten träumt? Sollte man als Elternteil seinem Kind vor dem Schlafengehen ein Gute-Nacht-Spiel kredenzen? Sammeln gerade irgendwo in unserem Land die Brüder Jacob und Wilhelm Flimm die schönsten deutschen Videospiele unserer Zeit?

Oder ist mein Ausflug als Trendforscher nichts als ein bemühtes Einfangen von Mitternachtssonnenstrahlen?

Das Leben der Anderen

In An Alle on Januar 21, 2008 at 8:44

Auch wenn die Geschichte im „Das Leben der Anderen“ erfunden ist und in der geschilderten Weise nie stattgefunden hat, ist es nicht geradezu wahrscheinlich, dass es eine Menge Abhörer gab, die mit den Angehörten sympathisierten und bestimmte kompromittierende Fakten wegliessen, schönten, herunterspielten?

Ist dies bereits eine Heldentat? Ein Akt der Sabotage, der den Niedergang des Systems mitbefördert hat? Oder hätte ein eindeutiges Nein nicht mehr geholfen? Ist die Verstrickung in die Machenschaften einer Diktatur bereits ein Verbrechen oder ein erster Schritt dahin? Kann man da überhaupt wieder raus, wenn man erst mal angefangen hat? Sinkt man nicht zwangsläufig ein in den Sumpf des Misstrauens, der Lüge, der Fehlinformation, der Erpressung, der Korrumpierung?

Warum sind wir wütend?

In An Alle on Januar 3, 2008 at 11:34

Wut

[Foto: Mr Magoo ICU]

Wenn wir wütend sind, schliessen sich die Augen zu Schlitzen, wir konzentrieren uns auf die Ursache unserer Wut und ignorieren die Welt um uns herum. Ich habe mal gelesen, dass Menschen, die wütend sind, nicht nur eine eingeschränkte Wahrnehmung haben und damit keine neue Informationen an sich heranlassen, sondern auch jegliche Zweifel verlieren, dass sie im Recht sind.

Wozu aber soll das gut sein? Welcher biologische Zweck verbirgt sich hinter Wut? Ich würde mal vermuten, dass ein Mensch in kritischen Konfliktsituationen konsequenter und entschiedener handeln kann (sprich: seinem Gegenüber ohne Skrupel den Kopf einhaut). Andererseits ist er nicht mehr in der Lage, andere Optionen zu erkennen, den Konflikt zu entschärfen oder auch lebenswichtige Informationen blitzschnell in seine Entscheidung einzubauen. Wenn die Natur durch Wut Zweifel aussschliesst, heisst das dann, sie hat kein rechtes Vertrauen in die Denkfähigkeit des Menschen? Oder ist Wut nur ein Relikt aus der Zeit, als Menschen noch nicht rational handeln konnten?

Die transparente Gesellschaft

In An Alle on November 13, 2007 at 7:53

Water in a Glass

[Foto: AUS-GANG-EIN]

Die Jugendlichen und Studenten, die so sorglos ihr Profil, ihre Vorlieben, ihre Fotos, ihre Geschichten, ihren Freundeskreis im Internet publik machen, die weder Datenmissbrauch noch Diffamierung zu fürchten scheinen, die nicht um ihren Ruf, noch um ihre Zukunft bangen – sind sie die Vorboten einer Zeit des Endes der Privatsphäre, die Totengräber von Intimität und Geheimnissen, die Avantgarde einer nie gekannten Offenheit und Transparenz? Oder durch Gruppenzwang oder Eitelkeit vernebelte Ignoranten?

Was bedeutet das für eine Gesellschaft, von jedem Menschen nicht nur die Telefonnummern, sondern auch seine Lieblingslieder, sexuellen Präferenzen, kriminelle Handlungen, ja, alle jemals gemachten politischen Äusserungen nachschlagen zu können? Werden dann die, die das nicht wollen, zu Aussenseitern, denen man Leichen im Keller unterstellen muss? Muss man in Zukunft für seine öffentlichen Missetaten auch öffentlich Busse tun oder stellt sich eine unermessliche Toleranz ein?

Oder eine unermessliche Gleichgültigkeit? Verliert das Private so an Wert, dass sich niemand mehr dafür interessiert? Oder entwickeln die Menschen Mechanismen, ihre wahren Absichten im Müll widersprüchlicher Informationen zu verschleiern?

Wird es nach Jahren des offenen Experimentierens eine massive Gegenbewegung hin zu Privatheit und Recht auf die Verwertung persönlicher Informationen geben?

Werden Menschen nur noch unter verschiedenen Identitäten ins Netz gehen oder im Gegenteil all ihre Aktionen, Informationen und Spuren, die sie hinterlassen, gebündelt, zentral, öffentlich zugänglich speichern, um Glaubwürdigkeit und „Karma“ anzuhäufen?

Warum lachen wir?

In An Alle on November 9, 2007 at 8:25
Mort de rire
[Foto: nziem]

Die Süddeutsche versucht der Frage auf den Grund zu gehen und nennt vier mögliche Gründe: 1) Lachen dient in der Tierwelt als „Nur Spass“-Signal, um Kämpfe spielerisch und unblutig zu erlernen 2) Lachen hilft, Konfliktsituationen zu entschärfen 3) Lachen hilft bei der Gruppenbildung 4) Lachen signalisiert Abgrenzung zu Dummheit und bestätigt den eigenen Status in einer Gruppe.

Keiner dieser Gründe kann mir wirklich erklären, warum mein Söhnchen wahre Lachkrämpfe bekommt, wenn ich ihm die Geschichte von Nulli und Priesemuth vorlese („Übung macht den Meister“), in der Nulli seinem Freund beim Möhrenziehen aus Versehen ins Gesicht pupst. Ich vermute mal, man würde versuchen, mich mit Grund 4) abzuspeisen.

Aber mir scheint, Lachen ist nicht notwendigerweise etwas kommunikatives, sondern oft etwas ausschliesslich persönliches – ein sinnloses Überdrehen des Intellekts, ein aufflackerndes Erkennen der Absurdität des Daseins, eine illusionäre und kurzfristige Befreiung von Sorgen und Zwängen.

Ist Lachen deshalb nur den Menschen vorbehalten? Oder kennt jemand einen Hund, der sich schon mal totgelacht hat? Ist Lachen also ein evolutionärer Luxus?

Fragen zu Cyborgs

In An Alle on Oktober 28, 2007 at 7:44

Cyborg

[Foto: mize2006]

Warum genau gruselt es manchen Menschen beim Gedanken, sich Sensoren, Speicher oder Computertechnik implantieren zu lassen?

Und was macht für andere die Faszination aus, sich zum Teil in eine Maschine zu verwandeln?

Was ist eigentlich der Unterschied zu einer Brille, einer Krücke oder einem Herzschrittmacher?

Welche Probleme können wir mit Cyborg-Technologien lösen, die wir heute nicht zu lösen in der Lage sind?

Was geben wir auf? Was gewinnen wir dazu?

Verlieren wir das Menschliche, wenn wir Teile von Maschinen in uns tragen? Was ist eigentlich das Menschliche?

Was unterscheidet den Menschen von einer Maschine?

Warum können Menschen Computer bauen? Warum können Computer keine Menschen bauen? Warum gibt es Menschen, die es erstrebenswert finden, Eigenschaften eines Computers zu besitzen?

Ist es aus system-architektonischer Sicht überhaupt intelligent zu implantieren, also ein integriertes System zu bauen anstatt ein modulares? Sind die möglichen Vorteile, die Technik im Körper zu tragen überhaupt offensichtlich? Sind die heutigen Schnittstellen nicht ausreichend?

Welche positive Vision verbindet sich mit einem integrierten Mensch-Maschine-System?

Und: reduzieren sich die meisten Fragen nicht auf eine einzige: was ist der Sinn des menschlichen Lebens?

[Inspiriert durch]

Linksbrainer oder Rechtsbrainer?

In An Alle on Oktober 23, 2007 at 8:40

Dancer

Benutzt du eher deine rechte oder deine linke Gehirnhälfte?

Dreht sich die Tänzerin im oder gegen den Uhrzeigersinn?

Bist du ein eher emotional oder rational handelnder Mensch?

Was diese Fragen und noch andere Fragen verbindet, liest sich hier.

Update: Was lehrt uns die Tänzerin wirklich?

Toleranz

In An Alle on September 17, 2007 at 6:45

Toleranz (auch: Duldsamkeit; Gegenteil: Intoleranz) kommt vom lateinischen Verb tolerare (von tolus „Last“), das „ertragen“, „durchstehen“, „aushalten“ oder „erdulden“, aber auch „zulassen“ bedeutet. (Quelle: Wikipedia)

Kann man also überhaupt tolerant sein, ohne sich im Besitz der alleinigen Wahrheit zu glauben?

Müssten nicht alle anderen (die mit ihrer eigenen Fehlbarkeit durchaus rechnen) das folgende Wort benutzen:

Akzeptanz ist eine Substantivierung des Verbes akzeptieren, welches verstanden wird als annehmen, anerkennen, einwilligen, hinnehmen, billigen, mit jemandem oder etwas einverstanden sein. [Wortherkunft: 'accipere' (lateinisch) für annehmen, übernehmen, billigen, gutheissen]. (Quelle: Wikipedia)

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