Wenn Siemens eine Fussball-Mannschaft wäre…

Juni 17, 2008

Der Ball ist gross

[Foto: Markus Merz]

Ist es nicht bemerkenswert, wie in diesen Tagen der Fussball-Europameisterschaft in Deutschland (und natürlich auch in Frankreich und überall in Europa) der Leistungsgedanke gelebt wird? Millionen von harmlosen und gutmütigen Menschen werden zu Scharfrichtern, beurteilen und verurteilen auf Grundlage einer einfachen Metrik - dem Erfolg -, sortieren diejenigen aus, die dem Erfolg im Wege stehen, verwünschen und beschimpfen Versager, fordern ihren sofortigen Rausschmiss, mitleidslos, ihrer Meinung sicher, ohne Rücksicht auf Verdienste in der Vergangenheit.

Wäre ein DAX-notiertes Unternehmen wie Siemens eine Fussball-Mannschaft, gäbe es wohl zwei rivalisierende Torhüter, die sich gegenseitig bekämpfen, sabotierten und die Fehler dem anderen in die Schuhe zu schieben versuchen. 5-6 Leute stünden tatenlos herum und versuchten die Zeit totzuschlagen. 2 Verteidiger spielten bewusst gegen die eigene Mannschaft (wahrscheinlich weil sie mit der eigenen Position unzufrieden sind oder vor langer Zeit vom Trainer gekränkt wurden). Und dann gäbe es wohl zwei Spieler, die versuchten, den Laden zu schmeissen, die sich alle Verantwortung aufladen, bis zum Umfallen rennen und keinen Aufwand scheuen (allerdings lediglich durch die Hoffnung befeuert, bald in einer besseren Mannschaft spielen zu dürfen).

Wie kommt das, dass in wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft das Leistungsprinzip völlig ausser Kraft gesetzt ist und Erfolg durch Geld und Herkunft bestimmt wird, während ein nebensächliches Spiel dieses Prinzip geradezu überdehnt? Falsche Prioritäten? Kompensation?


Lifecasting - Exhibitionismus als Ersatzgott

Juni 10, 2008

Augen

[Foto: Nokapixel]

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Zunehmen von Atheismus und einer Anwendung namens Lifecasting (oder sollte man sagen: eines Lebensmodells?), die es erlaubt, sein ganzes Leben in Echtzeit über das Internet zu zeigen? Ist das Bedürfnis das gleiche: beobachtet und beurteilt zu werden, Kraft aus äusserlicher Ermutigung zu ziehen, sein Gewissen von einer Gruppe moralischer Grenzwächter überprüfen zu lassen, die unsere Welt in richtig und falsch unterteilen? Wenn man keinen Gott findet, der sich diesen Aufgaben stellt, delegiert man dann diese dann an eine Community, eine Art Gott-Community? Ist Lifecasting also ein Konkurrent der Religion oder ein Symptom des Bedeutungsverlustes von Religion?

Eine Diskussion darüber habe ich in diesem Forum gefunden.


Aus dem Weg

Mai 29, 2008

Achtung! Hindernis!

[Foto: Guillaume Lemoine]

Wozu braucht ein Künstler denn die Musikindustrie?

Wozu braucht ein Gläubiger denn den Papst?

Wozu braucht ein Informationssucher denn eine Zeitung?

Wozu braucht <bitte ausfüllen> denn <bitte ausfüllen>?


Mit Software die Welt verbessern

Mai 8, 2008

Farbpunkte

[Foto: Creativity+ Timothy K Hamilton]

Wenn ich Zeit hätte, eine Software zu schreiben, um die Welt zu verbessern, die allen nützt, mich nicht reich macht, sondern ein gravierendes Problem unserer Gesellschaft löst oder zumindest vielen Menschen hilft - dann würde ich, dann könnte ich, dann weiss ich nichts, mir fällt nichts ein. Kann man überhaupt mit Software die Welt verbessern?


Zitat (J. Thurber)

April 27, 2008

“Es ist besser, ein paar Fragen zu stellen als alle Antworten zu kennen.” (James Thurber)


Was ist Überzeugung?

April 9, 2008

Was ist von

“Ein Gedanke, der stehengeblieben ist!” (Milan Kundera)

zu halten?


Vertrauen oder Skepsis

April 8, 2008

Ort der Skepsis. Wirklich?

[Foto: Kruemi]

Sollte man seinem Kind eher Vertrauen oder kritische Skepsis vermitteln?

Für das Vertrauen spräche, dass man im Leben oft in Situationen gerät, die man nicht beurteilen kann und sich deshalb auf das Urteil eines anderen verlassen muss. Chronisches Misstrauen ist auch äusserst kostspielig, denn der Misstrauende muss ständig prüfen. Zudem scheint mir Vertrauen in andere auch ein Vertrauen in sich selbst verauszusetzen.

Für die Skepsis spräche, dass wir in einer Welt voller Halbwahrheiten nur durch Skepsis und gesundes Misstrauen bestehen und uns vor Manipulationen schützen können. In einer Wissensgesellschaft sind falsche Informationen besonders schwerwiegend.

Gibt es noch bessere Gründe für das eine oder das andere?

Ich glaube, beides ist wichtig. Aber auch gleich wichtig? Und wie kann man beides gleichzeitig vermitteln - ist das nicht ein unauflösbarer Konflikt? Wann ist Vertrauen, wann Skepsis nötig? Jedes zu seiner Zeit - also abhängig vom Reifegrad und der persönlichen Entwicklung des Kindes? Welche Erfolgsgeschichten von Skeptikern gibt es? Welche Erfolgsgeschichten von Vertrauern, Vertrauenden, … (komisch: es gibt da gar kein wirkliches Wort für)?


Wissenshäppchen

März 18, 2008

Too much TV

[Foto: Snowlet]

…werden jetzt jeden Abend vor der Tagesschau serviert. Der SPON stellt einen Gegensatz zu Bublaths Sendungen her. Dieses neue Format scheint mir eine logische Anpassung an das Informationsverarbeitungsverhalten von Zuschauern, das durch kürzere Konzentrationszeiten und steigende Informationsmengen bei geringen Aufmerksamkeitsfenstern diktiert wird. Im Prinzip ist das so eine Art Blog-Format im Fernsehen nach dem Motto “Steter Tropfen höhlt den Stein”.

Helfen die vielen kleinen Häppchen Appetit zu machen? Oder verstopfen sie nur wie vieles andere das Gehirn mit sinnlosem Pseudo-Wissen?

Kann das Gehirn die vielen isolierten Informationen wieder zusammenbringen? Oder verlieren wir langsam die Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken?

Ist ein stetes und wiederholtes Aufnehmen von kleinen Informationspaketen wirkungsvoll, weil es die Information ständig wieder aktiviert und so am Leben hält? Oder hinterlässt eine einmalige 45-Minuten-Show mit mehr Hintergrund und Zusammenhang grössere Spuren?

Ist der Unterschied zwischen dem langen und dem kurzen überhaupt signifikant verglichen mit einem Ansatz, der nicht auf Wissensvermittlung, sondern auf Ausprobieren und Erleben beruht?


Gelebte vs. verbrachte Jahre

März 13, 2008

Zeitgenuss

[Foto: ein Augenblick]

Folgender Fall: einer ist 30, der andere 40. Der erste hat in seinem Leben genau halbsoviel erlebt wie der zweite. Beide werden mit 80 sterben.

Wer von beiden hat zum heutigen Zeitpunkt eine längere Lebenserwartung?


Einfalt des Glücks?

März 4, 2008

Tolstoi schrieb: Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Stimmt das?

Geht von der Vielfalt des Unglücks, der Tragik, des Scheiterns, des Schmerzes nicht eine Faszination aus, die eine geradezu unerschöpfliche Inspirationsquelle für Künstler geworden ist? Während Glück als langweilig, trivial, einfältig erlebt wird?

Kann man glücklich in dem Zusammenhang auch durch gut, unglücklich durch böse und Familien durch Menschen ersetzen?