Wenn die eigene Liebe nicht erwidert wird, wenn der blosse Gedanke an das Lächeln der Angebeteten alle Sinneseindrücke überschattet, wenn der Mond da oben und die Welt so blue ist, wenn der blasse Nebenbuhler den Hauptgewinn nach Hause trägt, dann hat sich eine Geschichte zum Millardsten Male wiederholt. Das alte Lied. Die alte Platte. Zum x-sten Male. Ein Lied fürs Grammophon:
Wenn es unendlich viele Wege durch das Leben gibt, man aber nur einen einzigen nehmen kann, muss man dann nicht zwangsläufig das Gefühl haben, unendlich viel zu verpassen?
Kurt Tucholsky: Augen in der Gross-Stadt (1932/1994)
(Text: K.Tucholsky, Musik: M.Jung)
(Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung
ausdrücklich erwünscht! Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.)
Beim Suchen eines passenden Foto-Motivs auf flickr musste ich diesmal ungewöhnlich lange suchen. Ich fand einfach keine Augen in der Gross-Stadt. Das hat mich auf eine Idee gebracht: es gibt eine Reihe von Foto-Blogs, die gemeinsam themenbezogenen Projekte initiieren. Wie wäre es denn mal mit einem Thema „Augen in der Gross-Stadt“? Ich würde etwa 50-60 Fotos, Bilder oder Collagen zu einem Film zusammenschneiden und mit dem Chanson oben unterlegen. Wer hat Interesse? Ich klopfe mal an bei mondgras und paleica – meint ihr, da ist was zu machen?
Der Mauerfall jährt sich bald zum 20.Male. Unfassbar! Es lief alles so glatt damals. Die VoPo schaute nur zu. Das Zentralkomittee war durch Altersschwäche und Realitätsallergien gelähmt. Die Mauer hatte dem Willen der Menschen nichts entgegenzusetzen. Bald danach Kohl hier, Kohl da, Kohl mit Pollunder, Kohl mit Pullover, Kohl mit Strickjacke, Kohl mit Gorbi, Kohl mit Fronswa, Kohl mit Schorsch. Und plötzlich war die deutsche Einheit da. Kohl bekam zwar zwischendurch ein paar Eier ab oder wurde niedergepfiffen, aber das war wahrscheinlich nur persönlich gemeint.
Die Bilder der Menschen, die ihr Glück kaum fassen können, die Grenze überschreiten zu dürfen, die heulend in Berlin herumlaufen, die berühren mich auch heute noch sehr. Kann es sein, dass wir unglaubliches Glück hatten? Was, wenn sich die Wut auf das Regime in Aggressionen gebündelt hätte? Wenn Honecker 10 Jahre jünger und im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre? Was, wenn Gorbatschow durch einen Militärführer weggeputscht worden wäre und plötzlich sowjetische Panzer durch Leipzig, Dresden und Berlin rollen? Wie gross war das Risiko einer Eskalation, die zu einer Konfrontation der damaligen Machtblöcke oder sogar in einen 3.Weltkrieg hätte münden können?
Oder auch die Möglichkeit eines entschiedenen Neins der Sowjetunion, Frankreichs, Englands oder Amerika zu einem vereinten Deutschland? Wie wäre das dann weitergegangen, wenn die SED unter Hans Modrow ein Glasnost versucht hätte mit einem Volk, das viel mehr wollte als einen demokratischeren Sozialismus und auf gepackten Koffern sass? Oder wären viele sogar wieder zurückgekommen nach ein paar Jahren enttäuschter Erwartungen im Westen? Hätte es eine zweite Chance für die DDR geben können?
Wie wichtig waren die handelnden Personen damals? Was, wenn Kohl 1987 die Bundestagswahl gegen Johannes Rau verloren hätte oder Mitterand 1988 gegen Jacques Chirac? Wäre es trotzdem so gekommen? Musste es so kommen, so unausweichlich „wie der Rhein sich durch Deutschland schlängelt und in die Nordsee mündet“ (so soll Kohl es Gorbatschow gesagt haben). Oder hing alles am seidenen Faden?
Das Internet lehrt Demut. Demut vor der Vielzahl kreativer Ideen, Demut vor der Vielzahl faszinierender Persönlichkeiten, Demut vor der Vielzahl origineller Meinungen, Demut vor der Vielzahl von Erfolgsgeschichten. Demut vor der menschlichen Leistungsfähigkeit, deren Breite und Vielfalt man früher nicht erkunden konnte.
Das Internet erlaubt einen Blick in die Weite, in die Unendlichkeit der Möglichkeiten und der unzähligen Wege durch das Leben. Es zeigt uns das, was wir verpasst haben. Es zeigt uns das, was wir hätten werden können. Und es relativiert unsere eigene überzogene Meinung von uns selbst. Alle regionalen Champions (mit einer einzigen Ausnahme) finden ihren Meister, wenn sie sich auf höherer Ebene messen. Es gibt an allen 40000 Schulen in Deutschland einen Besten. Es gibt unzählige Bezirksmeister, Vorstadt-Casanovas und Seewiesen-Maradonas. Was vorher durch eine abstrakte statistische Hochrechnung hätte herausgefunden werden können, bietet sich nun in anschaulichen Geschichten dar: ich bin nirgendwo der beste. Nicht mal der Coolste unter den Besten oder der Beste unter den Coolsten.
Die Illusion, etwas Besonderes zu sein, kann eigentlich nur bewahrt werden, wenn wir unsere Welt klein halten, wenn wir den Tellerrand mit Sichtblenden umzäunen, wenn wir unseren Freundeskreis überschaubar halten, wenn wir eine Distanz zum Fernen behalten können, wenn wir unsere Königreiche einmauern.
Und die, die das nicht tun, die daran arbeiten, die Dunbar-Nummer nach oben zu schrauben, die sich der Ferne aussetzen und der Kälte der unfassbar grossen Zahlen – wie halten die sich warm?
David Golumbia (hier ein Interview mit ihm in der SZ) vertritt die These, dass die ohnehin schon mächtigen und grossen Organisationen in überproportionalem Masse von den neuen Kommunikationstechnologien profitieren. Online-Banking vereinfacht zwar das Leben eines Bankkunden, aber reduziert in dramatischer Weise den Verwaltungsaufwand und Personalbedarf der Banken. Soziale Netzwerke vereinfachen den Austausch und das Knüpfen von Kontakten, vor allem aber geben sie den Betreibern wertvolle Informationen in die Hand. Das Internet mag mehr Transparenz über Unternehmen schaffen können, zudem ermöglicht es weltweit agierenden Unternehmen wie Wallmart eine bisher nie dagewesene Kontrolle über Mitarbeiter bis in den kleinsten Winkel der Welt auszuüben. Unternehmen wie Google oder Apple gelingt es, Informationen über interne Prozesse weitgehend gemein zu halten, während ihre Kunden immer gläserner werden. Auch als Instrument gegen Diktaturen seien Tools wie Twitter oder Facebook völlig überschätzt. Welche Diktatur wurde durch das Internet gestürzt?
Er kritisiert den blinden Glauben an eine Verbesserung der Welt lediglich durch Technik und Algorithmen, der so weit geht, dass nicht nur das menschliche Gehirn fragwürdigerweise dauernd mit Computern verglichen wird, sondern gar das gesamte Universum.
Ich gebe zu, dass mich Golumbias Thesen auf dem falschen Fuss erwischen. Ist hier wieder mal ein gewöhnlicher Kulturpessimist am Werk oder haben seine Analysen ein solides Fundament? Was spricht dafür? Was spricht dagegen? Revolution von unten oder Verfestigung des Status quo? Internetus – Cui Bono?
Kümmern sich die Sterne darum, wenn man für sie Musik macht? (Astrid Lindgren: Mio mein Mio) 15 minutes ago
Wenn das Neue mit alten Argumenten abgelehnt wird, heisst das trotzdem noch nicht, dass es sich durchsetzen wird. Es heisst einfach nichts 37 minutes ago