Menschen produzieren Informationen und deuten sie. Die einen (Wissenschafler z.B.) arbeiten mehr an der Beschaffung. Andere eher an der Deutung (Künstler z.B.). Wobei ja jede Deutung auch wieder eine Information sein kann und zusammen mit anderen Informationen in eine neue Deutung eingehen kann. In Zeiten der Informationsmangelgesellschaft blieben Informationen selten ungedeutet. Es gab relativ wenig öffentliche Informationen, also auch weniger Deutungsmöglichkeiten. Zudem gab es professionelle Deuter (Journalisten), die recht exklusiven Zugang zur Information hatten, und deren Deutungen die möglichen persönlichen Deutungen des Individuums dominierte. In der Informationsüberflussgesellschaft beginnt sich der Informationszugang, vor allen Dingen aber die Deutungshoheit des Einzelnen zu demokratisieren. Nicht nur gibt es mehr Informationen als professionelle Deuter verarbeiten können, es ergeben sich auch viel mehr Deutungsmöglichkeiten. Da jeder seine eigene Deutung in den öffentlichen Diskurs einschleusen kann, kompliziert sich der Zugang zu allgemein akzeptierten Deutungen weiter.
Was hat das für Folgen? Ich würde behaupten, Menschen ist die Deutung viel wichtiger als die Information. Sie wollen einen Sinn erkennen in den Informationen, die sie bekommen, Zusammenhänge finden, Konsequenzen für ihre persönliche Situation herausfinden. Stattdessen bekommen sie einerseits immer mehr nackte Informationen, die sie nicht durchdringen können, und gleichzeitig eine Vielzahl von widersprüchlichen Deutungen, die sie nicht weiterbringen. Sie werden immer weniger Zeit haben, ein Weltbild aufzubauen und zu stabilisieren, weil der ständige Informationsfluss das Fundament schon beim Aufbau erodiert. Die Generation meiner Eltern hat sich ein Weltbild errichtet, das unerschütterlich ist und an dem jede widersprüchliche Information abprallt – die Deutung der Welt ist definitiv, weil sie keine neuen Informationen heranlassen. Meine Generation ist zwar offen für neue Informationen, bewegt sich aber in recht statischen Deutungsrahmen, benutzt also “ererbte” Deutungsschablonen, um die Flut der Informationen zu kanalisieren und erzeugt auch vorsichtig ein paar neue Schablonen. Ich frage mich, wie die Generation meiner Söhnchens die Deutung von Informationen bewerkstelligen wird. Die Deutungsschablonen ihrer Eltern werden nicht mehr taugen. Werden sie sich neue schaffen können, während sie gleichzeitig immer mehr Informationen bewältigen müssen? Vergleichbar mit einem Töpfer, dem der Ton ständig unter den Händen wegschmilzt? Werden sie sich in einer fragmentierten Informationswelt verlieren und Zusammenhänge aus den Augen verlieren, resignieren und am Sinn zweifeln – oder werden die professionellen Deuter dann wieder wichtiger?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen als Information eine Mangelware war. Information fand sich in Büchern, Bibliotheken oder auch in den Köpfen von meist älteren Menschen. Manchmal stiess man zufällig – im Fernsehen oder im Radio oder in der Zeitung oder im persönlichen Gespräch – auf eine interessante Information. In der Regel aber war Informationgewinnung mit grossem Aufwand verbunden. Und sie war planwirtschaftlich organisiert. Informationen wurden zugeteilt, nach Alter gestaffelt und aufbereitet. Die Wissenden waren die Herrscher. Die Unwissenden mussten betteln und sich oft nur mit Krümelchen zufrieden geben. Auf manche Information musste man Jahre warten. Manch eine Frage, die ich mir als Kind gestellt habe, konnte ich mir erst vor wenigen Jahren beantworten. Und nicht nur das: viele Informationen, die ich mir damals mühselig angeeignet habe, stellten sich viele Jahre später als falsch heraus. Bücher, die Informationen enthielten, waren kostbare Schätze, die man von der ersten bis zur letzten Seite durchforstete, um kein Tröpfchen des edlen Informationsflusses zu verschütten. Wer nur wenig hat, der schätzt dieses Wenige ganz besonders, der wird geizig, der verschwendet nicht, der sitzt darauf wie auf einem goldenen Ei. Es war gewiss eine schwere Zeit, aber wir empfanden es nicht so. Und trotzdem sind Spuren geblieben, kleine Traumatismen, kleine kauzige Gesten – Mangelkinder haben nunmal Nachholbedarf.
Heute ist Information im Überfluss da – die gleiche Information doppelt, dreifach, von allen erdenklichen Winkel beleuchtet. Die meisten Informationen sind nutzlos, wertlos, ohne Bedeutung und Bezug zu uns. Aber wir, wir Mangelkinder, wir haben nicht gelernt, mit dem Überfluss umzugehen. Wir können Informationen nicht einfach so mit Missachtung begegnen, wir können nicht loslassen, wir können nicht wegwerfen. So wie unsere Eltern den Schimmel von der Marmelade abstreichen und auf das angetrocknete Brot mit ranziger Butter schmieren, weil sie es nicht über das Herz bringen, etwas Essbares in den Müll zu werfen, so schaffen wir es nicht, ein Buch nur zu durchblättern oder es halbgelesen zur Seite zu legen. Wir sind auf Vollständigkeit trainiert. Wir haben gelernt, unsere Bücher zu Ende zu lesen (wir fürchten gar, dass es Regenwetter gibt, wenn wir unsere Bücher nicht fertiglesen). Wir bleiben den Blogs treu, die wir einmal abonniert haben, und geben jedem Artikel von neuem eine Chance. Wir leiden unter der modernen, digitalen Variante des Compulsive-Hoarding-Symptoms. Wir glauben immer noch an den Wert der Information und beschweren uns mit unnötigem Ballast. Wir können eine Information auch kaum noch von ihrer hässlichen Schwester, der Neuigkeit, unterscheiden. Doch jetzt gibt es eine Therapie: sie heisst Twitter und sie fördert den Mut zur Lücke.
Heute habe ich einfach mal all meine RSS-Feeds ohne Rücksicht oder nähere Betrachtung als gelesen markiert. Ein erster Schritt zur Normalität?
Menschen beseelen ihre Häuser und Wohnungen. Sie hinterlassen Spuren, sichtbare und unsichtbare. Aber was passiert, wenn die Bewohner in eine andere Stadt oder in ein anderes Leben weiterziehen – lassen sie dann leere Räume zurück? Oder füllen sich die Räume im Laufe der Jahre nicht vielmehr mit den Geschichten all der Menschen, die sie beherbergten, erzählen sie diese Geschichten weiter und verweben so die Schicksale von Generationen?
Ich fuhr zur Arbeit, komischerweise nachts, extrem schlechte Sicht, Nebel, ich wurde müde, schlief ein, sagte mir, ich dürfe nicht am Steuer einschlafen, aber ich war ja gar nicht am Steuer, ich sass jetzt auf dem Beifahrersitz, das Auto fuhr weiter durch den Nebel, niemand sass hinter dem Steuer, ich wurde wieder müde, ich hätte abbiegen müssen, stattdessen fuhr ich viel zu weit, wurde gefahren, landete in einer Villa auf dem Land, ein verlassenes Hotel.
Das habe ich diese Tage geträumt. Sieht so ein Gleichnis für den Weg in die Selbständigkeit aus? Haben andere angehende Unternehmer ähnliche Träume? Oder träumen die lieber davon, was sie mit der ganzen Kohle anfangen werden, die sie verdienen, wenn Google sie in 2 Jahren kauft?
Eine Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine zweite Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine dritte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine vierte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, dann noch eine und noch eine, bis zur letzten, der 24. Stufe. Dann muss sie lachen und stirbt.
Frage: warum musste die vierte Frau lachen?
Ich lasse euch raten und braten. Die Auflösung und Geschichte hinter diesem Rätsel gibt es erst nach spätestens 25 erfolglosen Versuchen in den Kommentaren, nicht vorher – es sei denn, jemand findet des Rätsels Lösung.
Warum sind wir auf dieser Welt? Wie verwirklichen wir unsere Träume? Was macht uns Hoffnung? Was wollen wir im Leben erreichen? Was erwarten wir von uns? Wenn wir auf keine dieser Fragen mehr eine Antwort zu finden glauben, dann bleibt uns nur noch ein Ausweg: wir delegieren die Lösungsfindung an die nächste Generation und beschweren ihr Leben mit unseren Idealen, Träumen, Hoffnungen, Zielen und Erwartungen. Wir schreien ihnen zu: Du sollst es sein! Und vielleicht finden wir ja in unseren Kindern das, was wir nicht in uns und unseren Zeitgenossen gefunden haben. Vielleicht…
Wie fasst man 15 Jahre seines Lebens zusammen? Man könnte von seinen Reisen erzählen, von den interessanten Menschen, die man kennengelernt hat, von den Ideen und Gedanken, die durch den Kopf gegangen sind und sich auf unerklärliche Weise verändert oder aufgelöst haben. Man könnte von den Büchern sprechen, die einen geprägt haben, von den Zielen, die man sich gesetzt hatte, und was davon übrig geblieben ist, von den kuriosen Geschichten, die man erlebt hat, selbst von der Geschichte, wie man seine Frau kennengelernt hat und warum man dort lebt, wo man lebt.
Aber stattdessen reduzieren sich 15 Jahre auf den professionellen Curriculum Vitae - Diplom im Fach <Grossartigkeit> an der Universität <TopRanking>, Posten als <SuperEinsteiger> bei <Weltunternehmen>, schneller Aufstieg zum <Obermacker> und schliesslich <FastDerCheffe> bei <WeiteWeltunternehmen> – gespickt mit stark belastenden Indizien wie Haus gebaut, SUV gefahren, Top-Kontakte geknüpft. Wer möchte sowas hören, den es nicht drängt, selbst ähnliches zu erzählen?
Ich finde, man sollte zur Abwechslung und systematischen Verwirrung mal andere unorthodoxe Erfolge heraushängen lassen wie zum Beispiel: die Zahl der Gutenachtgeschichten, die man seinen Kindern vorgelesen hat; die Zahl der Haare, die nicht grau geworden sind; die Zahl der selbstgemachten Linsensuppen, die man gekocht hat; die Zahl der Kilometer, die man mit dem Fahrrad zurückgelegt hat; die Zahl der Bücher, die man gelesen hat (gilt nur für Nicht-Germanisten, die müssen stattdessen ihre Computer-Kenntnisse nachweisen); den allgemeinen gesundheitlichen Zustand (Blutdruck und Übergewicht z.B. führen zu Minuspunkten); die Zahl der Stunden, die man meditiert hat; die Zahl der Sonnenuntergänge, die man beobachten durfte (oder als Bonus: der Sonnenuntergänge hinter den Bergen oder am Strand); die Momente, in denen man sich frei fühlte oder glücklich oder neugierig; die Zahl der Liebeserklärungen, die man jemandem gemacht hat; die Zahl der Fehler, die man eingesehen hat; …
Warum ist der Mensch im Blick so vieler nur so viel wert wie seine Stellenbezeichnung?