Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Archiv für Februar 2009

Warum weinen wir?

In An Alle on Februar 26, 2009 at 7:07

[Foto: rickydavid]

Ich gebe zu, diese Woche ist etwas düster geraten. Dann kommt es jetzt ja auch nicht mehr darauf an und wir können uns mit dem Weinen beschäftigen. Während ich Wut und Lachen einen evolutionsbedingten Sinn zusprechen kann, gelingt mir das mit dem Weinen überhaupt nicht. Klar, man weint, um die Augen zu reinigen, wenn das Staub oder Zwiebeldämpfe hineingeraten sind. Aber wo ist der Bezug zum Traurigsein? Traurigsein könnte man als Nebenprodukt unserer Geselligkeit und Empathie bewerten. Aber könnte das nicht auch ohne Tränen geschehen? Trauer braucht Tränen – warum? Und auch die Rührung treibt uns das Wasser in die Augen. Nein, mir fällt nicht mal eine kühne Hausmacher-Theorie dazu ein.

Und wer lange genug nachgedacht hat, der darf dann hier lesen und sieht vielleicht ein bisschen klarer. Mich überzeugt es nicht.

Um wen trauern wir?

In An Mich on Februar 24, 2009 at 8:08

[Foto: withoutfield]

Um wen trauern wir wirklich? Um den geliebten Menschen, der uns verlassen hat? Oder um unsere eigene Welt, die wieder ein Stückchen abgebröckelt ist, und deren Vergänglichkeit uns wieder einmal deutlich gemacht wurde?

Happy End?

In An Manche on Februar 23, 2009 at 10:00

[Foto: hamburgr]

Das Happy-End ist ein gängiges Muster im Filmhandwerk. Wir alle glauben, dass alles gut enden wird. Ende gut, alles gut. Aber: wievielen ist es wirklich vergönnt – ein echtes Happy-End? Betagt, im Kreise der Lieben, bei vollem Bewusstsein und klarem Verstand, ohne Schmerzen, in Frieden mit sich und seiner Umwelt. Ist ein Happy End nicht die echte Ausnahme? Ist es nicht grausam, dass selbst auf den letzten Metern noch so viel schief gehen kann, dass man sich todunglücklich von der Welt verabschieden muss? Dass die letzten Eindrücke, die man bekommt, den eigenen Verfall, die eigene Entmenschlichung, den Verlust der eigenen Würde und möglicherweise sogar des eigenen Charakters dokumentieren? Dass man irgendwann zu schwach ist, um sich dagegen wehren zu können, nur noch ein Spielball des Schicksals zu sein? Kann der letzte Eindruck, den man hinterlässt, einen Schatten auf ein Leben werfen? Ein Happy End könnte mit dem Leben versöhnen. Aber wievielen ist es wirklich vergönnt?

Offene Fragen der Woche (39)

In An Manche on Februar 20, 2009 at 1:54

Supermann

In An Manche on Februar 19, 2009 at 9:28

[Foto: towi-08]

Supermann hat die besten Ideen. Supermann hat den grössten Ehrgeiz. Supermann hat die meiste Energie. Supermann kann geschickt argumentieren. Supermann ist von seinen Ideen überzeugt. Supermann übernimmt Verantwortung. Supermann hält den Kopf hin. Supermann ist sich nicht zu schade, die Nacht durchzuarbeiten. Supermann weiss immer noch etwas zu verbessern. Supermann hat durchaus einen guten Draht zu den anderen. Supermann nimmt viel Redezeit in Anspruch. Supermann hat uns schon oft gerettet.

An Supermann geht kein Weg vorbei. Geht es deshalb oft nicht voran?

Supermann wirft lange Schatten. Ist er deshalb von so vielen Unterbelichteten umgeben?

Was täten wir ohne Supermann! Vielleicht anfangen, selbst zu denken?

Pausenhofgespräche

In An Mich on Februar 17, 2009 at 9:41

[Foto: Stefan Weiss]

Wie zwei ältere Herren, nur ohne Stock und Hut, schritten wir gemeinsam durch den Schulhof. Während die anderen fangen spielten oder mit Murmeln oder auf dem Rücken eines Kameraden die anderen Reiter vom Pferd zu stossen versuchten, steckten wir unsere Köpfe zusammen und führten unsere Gespräche. Wir waren das Alter Ego des Anderen. Vier Jahre lang, in jeder Pause und auch noch ein Stück auf dem Nachhauseweg, bis man uns nach irgendwelchen sicher gut begründeten Kriterien in andere Klassen steckte und so den Zauber brach.

Über was unterhalten sich so kleine Burschen mit einer Ernsthaftigkeit und Intensivität, die an Philosophen erinnert oder Thomas-Mann-Romane? Kein einziges dieser Gespräche ist mir mehr in Erinnerung. Wie kommt das, liegt das nur an mir? Und: was war das, das uns gegenseitig so stark anzog, dass wir die Welt um uns herum vergassen? Wo ist dieses etwas hin, was hat es zerstört? Warum habe ich das damals nicht bemerkt und beklagt?

Offene Fragen der Woche (38)

In An Manche on Februar 14, 2009 at 5:39

Bündnis für Vielfalt

In An Alle on Februar 12, 2009 at 9:58

[Foto: pokpok313]

Vielfalt ist in der Natur Voraussetzung für ein stabiles Ökosystem und Grundlage der Evolution. Vielfalt ist in der Wirtschaft unerlässlich, um den verschiedensten Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden und um durch Wettbewerb Innovation zu schaffen. Vielfalt ist in der Kultur Garant für Inspiration, neue Ideen und Kreativität. Vielfalt ist in der Medizin die grösste Hoffnung, ein Mittel gegen Krebs oder gefährliche Bakterien zu finden. Vielfalt ist in der Landwirtschaft eine Absicherung gegen Anfälligkeit von Monokulturen. Vielfalt in der Politik bedeutet, den vielfältigen Interessen einer Gesellschaft gerecht zu werden. Vielfalt im täglichen Leben bedeutet Abwechslung, Motivation, neue Einsichten. Und ein Mangel an Vielfalt mag auch einer der massgeblichen Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrise sein.

Eigentlich müsste es doch ganz einfach sein, ein Bündnis für Vielfalt zu schmieden. Denn darin könnte sich jeder wiederfinden. Warum gibt es dennoch so viele Streiter für eine einzige Lösung für alle (etwa gerade wegen der Vielfalt der Menschen)?

Zuspruch

In An Alle on Februar 10, 2009 at 10:08

[Foto: kurafire]

Kann es sein, dass wir nicht glücklich sind mit dem, was wir machen, bis wir es anderen zeigen können und dafür gelobt werden?

Kann man sich einen Musiker vorstellen, der sich damit zufrieden gibt, ohne Publikum alleine im Kämmerlein zu spielen, einen Sportler, der irgendetwas besser kann als alle anderen, der sich aber nicht mit ihnen misst, einen Schriftsteller, dessen Manuscripte nie sein Arbeitszimmer verlassen haben, ein Erfinder, der als einziger seine geniale Erfindung nutzt, der Angestellte, der auch  ohne Lob und Rückmeldung durch den Chef hochmotiviert ist?

Aber wie kommt das? Sind wir vielleicht nicht ganz sicher, dass es wirklich gut ist, was wir machen, dass wir unserem eigenen Urteil nicht wirklich trauen? Sind die anderen sozusagen eine Art Schutzschild für unsere Fehler – verschaffte uns diese Rückversicherung  evolutionäre Vorteile oder sind sie nur Nebenprodukt von banaler Geselligkeit? Hat das schon jemand bei Tieren beobachtet – zeigen kleine Kätzchen ihrer Mutter stolz die erste selbstgefangene Maus? Und wieviel Menschen mag es wohl geben, die keinen Zuspruch brauchen, die sich über das Bedürfnis des Lobes und des Zuspruchs erheben können?

Offene Fragen der Woche (37)

In An Manche on Februar 7, 2009 at 4:53

Geschmack

In An Mich on Februar 5, 2009 at 9:32

[Foto: insk0r]

Spinat, Sauerkraut, Kartoffelpürree, Linseneintopf – die Liste der Gerichte, die ich als Kind verabscheute, ist ziemlich lang. Heute ist diese Liste fast leer. Ich mag fast alles – und Linseneintopf gehört zu meinen Lieblingsgerichten. Ist das ein Indiz für die Verfeinerung meines Gaumens – oder vielmehr Folge eines unaufhörlichen Prozesses der Abstumpfung der Geschmacksnerven?

Das Leben ein Roman

In An Mich on Februar 3, 2009 at 9:29

Komponiere ich mein Leben dadurch, dass ich alle Zusammenhänge, die mir kunstvoll genug erscheinen, dankbar aufgreife und in mir leben lasse? Bin ich gierig auf der Suche nach Zufällen, die nicht als solche erscheinen, sondern mein Leben vermeintlich nach Gesetzen des Schicksals lenken? Sauge ich Situationen auf, die sich mir kompositorisch angeordnet darbieten, die sich eignen, Parallelen zu bilden, Zusammenhänge aufzuzeigen, Motive zu verknüpfen? Versuche ich nicht ständig, mein Leben in einen Film oder in einen Roman zu verwandeln, indem ich die Protagonisten, meine Mitmenschen, unter den Gesichtspunkten der ästhetischen und dramaturgischen Eignung für mein Stück betrachte? Ziehe ich vielleicht ständig falsche Schlüsse, überbiete mich in Fehlinterpretationen und Überbewertung? Strahle ich immer nur das an, was mir wichtig erscheint und lasse den Rest damit völlig in der Dunkelheit verschwinden? Verblasst dadurch die Wahrheit, verstelle ich mir selbst den Blick auf Dinge, die mir viel mehr verraten könnten, als die, die meinen sonderbaren artifiziellen Kriterien standgehalten und für würdig befunden wurden, in meinen Roman als tragendes Element aufgenommen zu werden? Oder ist nur das, was in meinen Roman hineinpasst, was mein Leithema unterstützt die Wahrheit, meine einzige Wahrheit?

[Foto: Logotip]