Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Archiv für 2009

Foto-Projekt: Augen in der Gross-Stadt

In An Manche on November 6, 2009 at 10:18

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Vor ein paar Wochen hatte ich den Vorschlag gemacht und paleica hat ja freundlicherweise schon die Werbetrommel gerührt, nun wird es bald ernst: das Foto-Projekt „Augen in der Gross-Stadt“.

Idee: die Idee ist, das Gedicht „Augen in der Gross-Stadt„ von Kurt Tucholsky zu visualisieren. Jeder Teilnehmer möge sich vom Gedicht inspirieren lassen und ein Foto, ein Bild oder eine Collage beisteuern. Die Beiträge werden dann zu einem Video zusammengeschnitten und mit meiner Vertonung des Gedichts unterlegt.

Regeln:

  • Teilnahmezeitraum: 11.11.09 bis 12.12.09. Ich hoffe, das Video spätestens zu Weihnachten fertig zu haben
  • Wer mitmachen will, kann sein Bild entweder auf seinem Blog (oder Flickr oder Community-Stream) veröffentlichen und von dort diesen Beitrag hier verlinken, mir das Bild oder den Link direkt per Mail schicken (frageblog[at]gmail[dot]com) oder einfach einen Kommentar mit Link hinterlassen
  • Das Bild sollte das Format: 500×333 haben
  • Ich werde die Bilder auch als Thumbnails in diesen Beitrag hier einbinden, damit jeder eine Idee vom Fortgang des Projekts hat
  • Ich habe nichts gegen Mehrfach-Einsendungen. Wenn unerwarteterweise zu viele Bilder eingesendet werden, mache ich halt einen zweiten Film
  • Die Bilder werden von mir natürlich nur für dieses eine Projekt benutzt
  • Da mehrmals danach gefragt wurde, habe ich ein kleines Logo gebastelt, um dem Projekt ein Gesicht zu geben, es ist ganz oben in diesem Beitrag
  • Und nein: man muss nicht in einer Gross-Stadt leben, um mitzumachen. Aber man braucht wahrscheinlich ein Paar Augen ;-)

Wenn es noch Fragen oder Verbesserungsvorschläge gibt, nur her damit!

Hier die Vertonung:


Der aktuelle Stand:

Grenzt zunehmende Technologisierung ältere Menschen aus?

In An Manche on November 3, 2009 at 11:36

…fragte ich auf Twitter und war mitten in einer Diskussion mit Hannelore, die wir dann über E-Mail weiterführten. Hier ist der Wortlaut. Weitere Stimmen erwünscht!

FZ: Ist es für ältere Menschen einfacher, in einer technologisierten Welt zu leben, oder werden sie vielmehr ausgegrenzt? http://bit.ly/4daGih

HV: ältere Menschen grenzen sich wenn, dann selber aus #technologie an sich grenzt ja keinen aus

FZ: @hvonier wenn die neue Technik schwer zu verstehen oder zu lernen ist, dann besteht die Gefahr einer Ausgrenzung (nicht nur Älterer)

HV: Ist Technik schwerer zu verstehen/zu erlernen als irgendetwas anderes, das man lernen will?

FZ: Ja, ab einem gewissen Grad. Banküberweisung übers Internet – sollte das auch ein 80jähriger noch lernen müssen?

HV: Was unterscheidet den Schwierigkeitsgrad einer Online-Überweisung von Email oder Online-Shopping?

FZ: Man kann ohne Email leben. Aber man muss einkaufen und über sein Geld verfügen können. Wenn man *nur noch* über das Internet einkaufen könnte oder sein Bankkonto verfügen könnte, besteht die Gefahr der Ausgrenzung einer Generation bzw des Aufzwingens von Technik.

HV: In meiner Community haben alle Älteren Email, um Kontakt mit ihren Kindern, Enkeln oder Schulfreunden zu halten. Sie nutzen auch online-Services, um Fotos und Videos auszutauschen. Facebook ist für Senioren ideal, um nicht isoliert zu sein. Ist diese Technik nicht gerade für alte Menschen bereichernd und erleichternd? (Ich war übrigens seit 15 Jahren in keiner Bankfiliale mehr.)

FZ: Ohne Zögern: ja. Sie kann gerade alte Menschen aus der Isolation herausholen. Aber: nicht jeder ist in der Lage, dem Fortschritt zu folgen, der sich im letzten Jahrzehnt immer weiter beschleunigt hat. Muss man von den älteren Menschen erwarten, dass sie sich dem Fortschritt anpassen? Oder sollte man ihnen  (zumindest für eine Übergangszeit) die Wahl lassen? Ich meine, man sollte (und das hiesse dann zum Beispiel auch, einen Briefkasten in jedem Ort).

HV: Erstmal: wen meinst du hier mit „man“? Wenn niemand mehr Papier verwendet, um Infos zu verbreiten, dann ist die Post überflüssig, genauso wie einst die Poststationen zum Pferdewechseln. Es gibt Menschen, die meinen mit 25 Jahren „ausgelernt“ zu haben und glauben, das Leben wäre statisch. Andere lernen, was gerade Neues in der Gegenwart geschieht. Sie sind up-to-date, egal wie alt sie sind.

FZ: Es gibt nunmal viele Menschen, die können oder wollen (beides bedingt einander) ihr Leben ab einem gewissen Punkt nicht mehr ändern oder sich mit Dingen auseinandersetzen, die nicht in ihr Weltbild passen. Nach meiner Erfahrung sind das sogar die allermeisten. Irgendwann werden die Briefkästen verschwinden. Aber ich finde, wir sollten sie nicht abbauen, bevor nicht die letzte Oma verschwunden ist, die ihren Nichten Weihnachtskarten schickt ;-)

FZ: Es gibt aber noch einen anderen Aspekt des Themas, der in dem Artikel oben anklingt: die Erfahrungen, die Menschen in ihrem Berufsleben machen, werden schon nach wenigen Jahren nutzlos, weil immer neue Technologien die alten ablösen.

HV: Es findet momentan nicht nur ein technologischer, sondern auch ein großartiger sozialer Wandel statt. Die Menschen erschaffen sich neue Technologien, weil sie genug haben von Gewalt und Krieg. Sie wollen Harmonie, sich mit anderen wohl fühlen anstatt im Dauerwettstreit zu liegen. Der Druck, der Fremdbestimmtheit zu entkommen, und Selbstbestimmung zu erlangen ist enorm. Das Internet zeigt, wie nie etwas anderes zuvor: Es geht, soziales Handeln lässt sich in Realität umsetzen und niemand kann das stoppen. Auf den Beruf bezogen, oder besser Berufung, bedeutet das: Ich definiere meine Job-Description selbst. Leute im Ruhestand müssen das – und vieles andere – gar nicht mehr lernen. Aber beim nochmaligen Durchlesen des Artikels kommt mir der Gedanke: Können nicht gerade ältere  Menschen den Facettenreichtum des Web ausgiebiger nutzen, weil sie über Erfahrungen verfügen, die ihnen im virtuellen Raum des Net eine große Flexibilität erlaubt?

Die Diskussion begann – wie so oft – mit einer Frage. Das gefällt mir. Und sie endet – wie so oft – mit einer Frage. Das gefällt mir auch. Aber sie ist natürlich auch noch nicht zu Ende – und auch das gefällt mir.

Tucholsky – Lied fürs Grammophon

In Lieder on Oktober 29, 2009 at 9:33

Foto: bas:il

Wenn die eigene Liebe nicht erwidert wird, wenn der blosse Gedanke an das Lächeln der Angebeteten alle Sinneseindrücke überschattet, wenn der Mond da oben und die Welt so blue ist, wenn der blasse Nebenbuhler den Hauptgewinn nach Hause trägt, dann hat sich eine Geschichte zum Millardsten Male wiederholt. Das alte Lied. Die alte Platte. Zum x-sten Male. Ein Lied fürs Grammophon:

[Download]

(Text: K.Tucholsky, Musik: M.Jung)

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung  ausdrücklich erwünscht! Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Lied fürs Grammophon
Gib mir deine Hand,
Lucindy!
Du, im fernen Land –
Lucindy!
Wie die Ätherwellen flitzen
über Drähte, wo die Raben sitzen,
saust meine Liebe dir zu …
du –
tu – tu – tu – mmm –
Wenn du mich liebst, so singt dein Blut,
Lucindy!
Ach, wenn du nicht da bist, bin ich dir so gut,
Lucindy!
Dein, dein Lächeln läßt mir keine Ruh …
Man kann von oben lächeln,
man kann von unten lächeln,
man kann daneben lächeln –
wie lächelst du?
tu – tu – tu – mmm –
Meine, die will mich verlassen,
Lucindy!
Deiner, der will dich fassen,
Lucindy!
Kehr zu ihm zurück!
Vielleicht ist das das Glück …
Ich guck in den Mond immerzu –
oh, so blue – mmm –
Wie man auch setzt im Leben,
Lucindy!
man tippt doch immer daneben,
Lucindy!
Wir sitzen mit unsern Gefühlen
meistens zwischen zwei Stühlen –
und was bleibt, ist des Herzens Ironie …
Lucindy!
Lucindy!
Lucindy –!
(Kurt Tucholsky, 1929)

Tucholsky – Augen in der Gross-Stadt

In An Manche on Oktober 22, 2009 at 2:33

Foto: Bolligraf

Foto: Bolligraf

Wenn es unendlich viele Wege durch das Leben gibt, man aber nur einen einzigen nehmen kann, muss man dann nicht zwangsläufig das Gefühl haben, unendlich viel zu verpassen?

Kurt Tucholsky: Augen in der Gross-Stadt (1932/1994) 

[Download]

(Text: K.Tucholsky, Musik: M.Jung) 
(Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung 
ausdrücklich erwünscht! Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.)

Beim Suchen eines passenden Foto-Motivs auf flickr musste ich diesmal ungewöhnlich lange suchen. Ich fand einfach keine Augen in der Gross-Stadt. Das hat mich auf eine Idee gebracht: es gibt eine Reihe von Foto-Blogs, die gemeinsam themenbezogenen Projekte initiieren. Wie wäre es denn mal mit einem Thema „Augen in der Gross-Stadt“? Ich würde etwa 50-60 Fotos, Bilder oder Collagen zu einem Film zusammenschneiden und mit dem Chanson oben unterlegen. Wer hat Interesse? Ich klopfe mal an bei mondgras und paleica – meint ihr, da ist was zu machen?


Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst

am frühen Morgen,

wenn du am Bahnhof stehst

mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt

dir asphaltglatt

im Menschentrichter

Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider -

Was war das? vielleicht dein Lebensglück…

vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang

auf tausend Straßen;

du siehst auf deinem Gang, die

dich vergaßen.

Ein Auge winkt,

die Seele klingt;

du hast’s gefunden,

nur für Sekunden…

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider -

Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…

Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang

durch Städte wandern;

siehst einen Pulsschlag lang

den fremden Andern.

Es kann ein Feind sein,

es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein

Genosse sein.

Er sieht hinüber

und zieht vorüber …

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider -

Was war das?

Von der großen Menschheit ein Stück!

Vorbei, verweht, nie wieder.

(Kurt Tucholsky, 1932)

20 Jahre….

In An Alle on Oktober 21, 2009 at 9:30
Foto: verni22im

Foto: verni22im

Der Mauerfall jährt sich bald zum 20.Male. Unfassbar! Es lief alles so glatt damals. Die VoPo schaute nur zu. Das Zentralkomittee war durch Altersschwäche und Realitätsallergien gelähmt. Die Mauer hatte dem Willen der Menschen nichts entgegenzusetzen. Bald danach Kohl hier, Kohl da, Kohl mit Pollunder, Kohl mit Pullover, Kohl mit Strickjacke, Kohl mit Gorbi, Kohl mit Fronswa, Kohl mit Schorsch. Und plötzlich war die deutsche Einheit da. Kohl bekam zwar zwischendurch ein paar Eier ab oder wurde niedergepfiffen, aber das war wahrscheinlich nur persönlich gemeint.

Die Bilder der Menschen, die ihr Glück kaum fassen können, die Grenze überschreiten zu dürfen, die heulend in Berlin herumlaufen, die berühren mich auch heute noch sehr. Kann es sein, dass wir unglaubliches Glück hatten? Was, wenn sich die Wut auf das Regime in Aggressionen gebündelt hätte? Wenn Honecker 10 Jahre jünger und im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre? Was, wenn Gorbatschow durch einen Militärführer weggeputscht worden wäre und plötzlich sowjetische Panzer durch Leipzig, Dresden und Berlin rollen? Wie gross war das Risiko einer Eskalation, die zu einer Konfrontation der damaligen Machtblöcke oder sogar in einen 3.Weltkrieg hätte münden können?

Oder auch die Möglichkeit eines entschiedenen Neins der Sowjetunion, Frankreichs, Englands oder Amerika zu einem vereinten Deutschland? Wie wäre das dann weitergegangen, wenn die SED unter Hans Modrow ein Glasnost versucht hätte mit einem Volk, das viel mehr wollte als einen demokratischeren Sozialismus und auf gepackten Koffern sass? Oder wären viele sogar wieder zurückgekommen nach ein paar Jahren enttäuschter Erwartungen im Westen? Hätte es eine zweite Chance für die DDR geben können?

Wie wichtig waren die handelnden Personen damals? Was, wenn Kohl 1987 die Bundestagswahl gegen Johannes Rau verloren hätte oder Mitterand 1988 gegen Jacques Chirac? Wäre es trotzdem so gekommen? Musste es so kommen, so unausweichlich „wie der Rhein sich durch Deutschland schlängelt und in die Nordsee mündet“ (so soll Kohl es Gorbatschow gesagt haben). Oder hing alles am seidenen Faden?

Das Internet lehrt Demut

In An Mich on Oktober 15, 2009 at 10:53
Foto: alles-schlumpf

Foto: alles-schlumpf

Das Internet lehrt Demut. Demut vor der Vielzahl kreativer Ideen, Demut vor der Vielzahl faszinierender Persönlichkeiten, Demut vor der Vielzahl origineller Meinungen, Demut vor der Vielzahl von Erfolgsgeschichten. Demut vor der menschlichen Leistungsfähigkeit, deren Breite und Vielfalt man früher nicht erkunden konnte.

Das Internet erlaubt einen Blick in die Weite, in die Unendlichkeit der Möglichkeiten und der unzähligen Wege durch das Leben. Es zeigt uns das, was wir verpasst haben. Es zeigt uns das, was wir hätten werden können. Und es relativiert unsere eigene überzogene Meinung von uns selbst. Alle regionalen Champions (mit einer einzigen Ausnahme) finden ihren Meister, wenn sie sich auf höherer Ebene messen. Es gibt an allen 40000 Schulen in Deutschland einen Besten. Es gibt unzählige Bezirksmeister, Vorstadt-Casanovas und Seewiesen-Maradonas. Was vorher durch eine abstrakte statistische Hochrechnung hätte herausgefunden werden können, bietet sich nun in anschaulichen Geschichten dar: ich bin nirgendwo der beste. Nicht mal der Coolste unter den Besten oder der Beste unter den Coolsten.

Die Illusion, etwas Besonderes zu sein, kann eigentlich nur bewahrt werden, wenn wir unsere Welt klein halten, wenn wir den Tellerrand mit Sichtblenden umzäunen, wenn wir unseren Freundeskreis überschaubar halten, wenn wir eine Distanz zum Fernen behalten können, wenn wir unsere Königreiche einmauern.

Und die, die das nicht tun, die daran arbeiten, die Dunbar-Nummer nach oben zu schrauben, die sich der Ferne aussetzen und der Kälte der unfassbar grossen Zahlen – wie halten die sich warm?

Tucholsky – Letzte Fahrt

In An Manche, Lieder on Oktober 12, 2009 at 8:39
Foto: Martin

Foto: Martin

Jemand, der seinen frühen Tod ahnt und früh stirbt: schicksalhaft

Jemand, der glaubt, alt zu werden, und früh stirbt: tragisch

Jemand, der glaubt, alt zu werden, und es tatsächlich wird: weise

Jemand, der seinen frühen Tod ahnt und alt wird: wichtigtuerisch

[Download]

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Letzte Fahrt

An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben –
da soll es mittags Rote Grütze geben,
mit einer fetten, weißen Sahneschicht …
Von wegen: Leibgericht.
Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger
aus seiner Nase – niemand haut ihm auf die Finger.
Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus.
Und ich lieg da und denk: »Ach, polk dich aus!«
Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter.
Nun faßt der Karlchen die Blondine unter,
die mir zuletzt noch dies und jenes lieh …
Sie findet: Trauer kleidet sie.
Der Zug ruckt an. Und alle Damen,
die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen:
vollzählig sind sie heut noch einmal da …
Und vorne rollt Papa.
Da fährt die erste, die ich damals ohne
die leiseste Erfahrung küßte – die Matrone
sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut.
Altmodisch war sie – aber sie war gut.
Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen!
Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen?
Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt:
mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.
Auf rotem samtnen Kissen, im Spaliere,
da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere
die Orden durch die ganze Stadt
die mir mein Kaiser einst verliehen hat.
Und hinterm Sarg mit seinen Silberputten,
da schreiten zwoundzwonzig Nutten –
sie schluchzen innig und mit viel System.
Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.
Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch!
Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysisch.
Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß!
Ich schweige tief.
Und bin mich endlich los.

An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben –

da soll es mittags Rote Grütze geben,

mit einer fetten, weißen Sahneschicht …

Von wegen: Leibgericht.

Mein Kind, der Ludolf, bohrt sich kleine Dinger

aus seiner Nase – niemand haut ihm auf die Finger.

Er strahlt, als einziger, im Trauerhaus.

Und ich lieg da und denk: »Ach, polk dich aus!«

Dann tragen Männer mich vors Haus hinunter.

Nun faßt der Karlchen die Blondine unter,

die mir zuletzt noch dies und jenes lieh …

Sie findet: Trauer kleidet sie.

Der Zug ruckt an. Und alle Damen,

die jemals, wenn was fehlte, zu mir kamen:

vollzählig sind sie heut noch einmal da …

Und vorne rollt Papa.

Da fährt die erste, die ich damals ohne

die leiseste Erfahrung küßte – die Matrone

sitzt schlicht im Fond, mit kleinem Trauerhut.

Altmodisch war sie – aber sie war gut.

Und Lotte! Lottchen mit dem kleinen Jungen!

Briefträger jetzt! Wie ist mir der gelungen?

Ich sah ihn nie. Doch wo er immer schritt:

mein Postscheck ging durch sechzehn Jahre mit.

Auf rotem samtnen Kissen, im Spaliere,

da tragen feierlich zwei Reichswehroffiziere

die Orden durch die ganze Stadt

die mir mein Kaiser einst verliehen hat.

Und hinterm Sarg mit seinen Silberputten,

da schreiten zwoundzwonzig Nutten –

sie schluchzen innig und mit viel System.

Ich war zuletzt als Kunde sehr bequem.

Das Ganze halt! Jetzt wird es dionysisch!

Nun singt ein Chor: Ich lächle metaphysisch.

Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß!

Ich schweige tief.

Und bin mich endlich los.

(Kurt Tucholsky, 1922)

Internetus – Cui Bono?

In An Manche on Oktober 1, 2009 at 10:16
Foto: photokayaker

Foto: photokayaker

David Golumbia (hier ein Interview mit ihm in der SZ) vertritt die These, dass die ohnehin schon mächtigen und grossen Organisationen in überproportionalem Masse von den neuen Kommunikationstechnologien profitieren. Online-Banking vereinfacht zwar das Leben eines Bankkunden, aber reduziert in dramatischer Weise den Verwaltungsaufwand und Personalbedarf der Banken. Soziale Netzwerke vereinfachen den Austausch und das Knüpfen von Kontakten, vor allem aber geben sie den Betreibern wertvolle Informationen in die Hand. Das Internet mag mehr Transparenz über Unternehmen schaffen können, zudem ermöglicht es weltweit agierenden Unternehmen wie Wallmart eine bisher nie dagewesene Kontrolle über Mitarbeiter bis in den kleinsten Winkel der Welt auszuüben. Unternehmen wie Google oder Apple gelingt es, Informationen über interne Prozesse weitgehend gemein zu halten, während ihre Kunden immer gläserner werden. Auch als Instrument gegen Diktaturen seien Tools wie Twitter oder Facebook völlig überschätzt. Welche Diktatur wurde durch das Internet gestürzt?

Er kritisiert den blinden Glauben an eine Verbesserung der Welt lediglich durch Technik und Algorithmen, der so weit geht, dass nicht nur das menschliche Gehirn fragwürdigerweise dauernd mit Computern verglichen wird, sondern gar das gesamte Universum.

Ich gebe zu, dass mich Golumbias Thesen auf dem falschen Fuss erwischen. Ist hier wieder mal ein gewöhnlicher Kulturpessimist am Werk oder haben seine Analysen ein solides Fundament? Was spricht dafür? Was spricht dagegen? Revolution von unten oder Verfestigung des Status quo? Internetus – Cui Bono?

Entscheidend freier

In An Niemanden on September 24, 2009 at 8:33
Foto: Neubie

Foto: Neubie

Geht der Journalismus nicht gerade den Weg, den die Eheschliessung vor vielen Jahren gehen musste?

Aus der Vielzahl von Ehemännern hat der Papa früher den seiner Meinung nach besten ausgewählt. Heute nimmt das Töchterchen die Sache selbst in die Hand.

Aus der Vielzahl von Nachrichten wählen Redakteure die ihrer Meinung nach interessantesten aus. Einige Leser nehmen diese Sache bereits selbst in die Hand.

Das Ergebnis mag in beiden Fällen zwar nicht unbedingt besser sein, aber es ist immerhin das Ergebnis einer freien Entscheidung. Warum ist uns das so wichtig?

10 Kleine Startups

In Lieder on September 21, 2009 at 11:34

Musikalischer Ratgeber für Startup-Gründer: Text auswendig lernen und jeden Morgen unter der Dusche singen – was soll dann noch schiefgehen?

[Download]


10 kleine Startups

10 kleine Startups, die wollten Googles sein
Das eine hat kein Geld gekriegt, das waren’s nur noch neun

9 kleinen Startups hat man viel Geld gebracht
Das eine hat’s gleich ausgegeb’n, da waren’s nur noch acht

8 kleine Startups hab’n sich am Markt gerieben
Eins verstand die Kunden nicht, da waren’s nur noch sieben

7 kleine Startups gingen Beta voller Hacks
Dem einen raucht der Server ab, da waren’s nur noch sechs

6 kleine Startups hat der Geldgeber geschimpft
Da liefen ein paar Gründer weg, da waren’s nur noch fünf

5 kleine Startups, die wurden schnell kopiert
Das eine hat’s nicht mitgekriegt, da waren’s nur noch vier

4 kleine Startups stellten Führungsleute ein
Eines hat ne Null erwischt, da waren’s nur noch drei

3 kleine Startups wollten profitabel sein
eins hat die Geduld verloren, da waren’s nur noch zwei

2 kleine Startups die hatten einen Streit
der Sieger war ein Rechtsanwalt, da waren’s nur noch eins

1 kleines Startup durfte an die Börse gehen
das löste eine Blase aus, da waren’s wieder zehn

(Text: M.Jung)

Das Lied steht unter der folgenden Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

„Die Wahrheit ist das beste Bild“

In An Mich on September 16, 2009 at 9:34

…sagte Robert Capa. Sein Bild vom fallenden Soldaten aus dem spanischen Bürgerkriegs wurde zur Ikone der Kriegsfotografie und begründete Capas Karriere als Fotograf. Nun hat ein spanischer Wissenschaftler herausgefunden, dass das berühmte Bild höchstwahrscheinlich inszeniert wurde – weit weg vom Kriegsgeschehen mit einem auch nach dem Schuss (mit der Kamera) quicklebendigen Soldatendarsteller. Zu Francos Zeiten wäre die Entlarvung ein Sprengsatz gewesen – und kontraproduktiv für die republikanische Sache. Und heute? Was soll man damit jetzt anfangen? Ändert sich was an unserem Blick auf den Krieg – oder auf den Fotografen? Wenn die Wahrheit zu spät kommt, wird sie mit Irrelevanz bestraft (wie auch der Mord an Benno Ohnesorg durch einen Stasi-Mann). Vielleicht sollte man sich durch solche Beispiele auch einfach nur bewusst werden, dass die Geschichtsschreibung ein dynamischer, niemals endender Prozess ist, der sich der Wahrheit bestenfalls kreisend nähern kann und oft genug auf Umwege gerät?

Es gibt immer einen guten Grund zu wählen

In An Alle on September 10, 2009 at 1:42
Foto: Lobi

Foto: Lobi

Man solle sich auf seine Stärken konzentrieren, anstatt an seinen Schwächen herumzudoktern, sagen viele, die erfolgreich sind. Positiv denken, sagen andere. Also, dann mach ich doch jetzt einfach mal beides. Anstatt herumzunörgeln an unseren Parteien, ihnen ihre Schwächen unter die Nase zu halten und sie an gebrochene Versprechen zu erinnern, tue ich jetzt mal etwas ganz revolutionäres: ich spreche nur von den wichtigsten Gründen, die dafür sprechen, sie zu wählen. Eine einseitige Stärkenanalyse. Weiss ich dann auch besser, was ich wählen soll, als wenn ich eine Stärken-Schwächen-Analyse mache oder mir die Wahlprogramme durchzulesen oder mich von meiner Sympathie leiten lasse?

CDU/CSU

Das wichtigste Argument für die CDU/CSU ist für mich die Bundeskanzlerin selbst. Während ihre Vorgänger von Zeit zu Zeit auf den Tisch hauten, Basta riefen oder mächtige Machtwörter sprachen, um dem Volk ihre Führungsstärke zu demonstrieren, verweigert sich Angela Merkel diesen archaischen Ritualen ganz gelassen. Sie gleicht aus, löst Konflikte, wägt Interessen gegeneinander ab, deeskaliert und lässt die testosterongetränkten Stiere aus verschiedenen Richtungen ins Leere rennen. Und – wichtig für jeden Fragezeichner – sie vermittelt nicht den Eindruck, als einzige die Wahrheit zu kennen und Probleme mit fertige Lösungen erschlagen zu können, hört stattdessen zu und lässt Meinungen auf sich wirken. Das nenne ich modernen Führungsstil.

SPD

Die SPD hat eine lange und stolze Tradition, hat sich totalitären Ideologien stets unter eigenen Opfern verweigert und in den über 100 Jahren ihrer Existenz epochale und revolutionäre Errungenschaften wie das Rentensystem,  Unternehmensmitbestimmung, Ost-West-Annäherung oder Atomausstieg erfunden oder massgeblich mitgestaltet. Da Vergangenheit durchaus ein brauchbarer Indikator für die Zukunft sein kann, steht zu hoffen, dass sie auch ein weiteres Mal in der Lage sein wird, sich neu zu erfinden und den Deutschen weiterzuhelfen (z.B. als Partei, die das bedingungslose Grundeinkommen einführt).

Grüne

Die Grünen thematisieren die wichtigsten Probleme der nahen Zukunft und machen auch konkrete Vorschläge zu deren Lösung: Umweltschutz, alternative Energien, Bürgerrechte im digitalen Zeitalter, Zukunft der Arbeit. Sie diskutieren sehr engagiert, offen und vielfältig über Dinge, die andere ständig verdrängen, vor sich her oder zur Seite schieben – und sie machen den Eindruck zu wissen, wovon sie sprechen.

FDP

Die FDP ist am nächsten an einer Denkströmung, die ich persönlich sehr schätze, dem Liberalismus. Der wichtigste, der zentrale Begriff dieser Denkströmung ist die Freiheit. Wenn Vertreter des Liberalismus Lösungen von gesellschaftlichen Problemen suchen, dann orientieren sie sich daran, wie sehr die persönliche Freiheit jedes einzelnen Bürgers beeinträchtigt wird. Sie stellen sich zu jedem Moment die Frage: wie kann die Freiheit, die Entfaltungsmöglichkeiten und der Handlungsspielraum aller vergrössert werden? Und werden dort eingreifen, wo andere ihre Freiheit dazu nutzen, die Freiheit anderer zu beschränken.

Linke

Die Linke hat ihre Stimme gegen eine von einer Theorie zur Ideologie degenerierten ökonomischen Denkrichtung namens Neoliberalismus schon erhoben, als all die anderen noch vor sich hindämmerten und Sinn-Sprüche nachplapperten. Sie haben als einzige Partei die Glaubwürdigkeit, Massnahmen durchzusetzen, die eine Wiederholung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise verhindern würde. Und vertreten auch bei Sozial- und Rentenpolitik selbstbewusst Meinungen, die der Kaste von Lobbyisten und interessengeleiteten Politikberatern gar nicht schmecken.

Piraten

Die Piraten werden dafür sorgen, dass die Politik auf den neuesten Stand der Technik upgegraded wird. Möglicherweise haben sie sich in dem Moment, wo ihnen das gelingt, überflüssig gemacht. Aber das ist es wert.

Das Musikalische Manifest des Fragezeichners

In Lieder on September 7, 2009 at 8:39

„Darauf noch ne Frage“ [Download]


Darauf noch ne Frage

Wenn man keine Antwort weiss – und das wissen schon die Kinder
bleibt man erstmal still und leis, redet keinen Scheiss’, das ist viel gesünder
Wahrheit springt uns schon genug aus jedem zweiten Buch
mitten in unsere Visage, darauf noch ne Frage

Wer sorgsam Inzest treibt mit seinen Meinungsverwandten
sich im Vorurteil verbeisst, in seinem Datensilo kreist wie ein Selbstverbannter
Den verwickeln wir im Nu in seinen eigenen Schmus
indem wir gar nichts sagen, darauf noch ne Frage

Wenn der Lagerkoller schmerzt, zwischen all den alten Büchsen
die wie ein Ei dem anderen gleichend, aussen hart und innen weich sind, und sich gegenseitig stützen
Dann rollt doch mal ne Kugel, das gibt einen Trubel
dass der Zweifel an uns nage, darauf noch ne Frage

Manch ein Blick ist eingeengt auf ein ganz bestimmtes Muster
das der Betrachter sehr gut kennt, das er stolz „mein Weltbild“ nennt, andere nennen es „illuster“
Drum den Kopf mal kurz verdrehen und was Ungeschautes sehen
wechselt mal die Lage, darauf noch ne Frage

Antwort ist ein Wort mit Ant, viel zu kurz für ‘nen Gedanken
was als Wahrheit uns erscheint, ist im Kleid der Einfachheit nur die Angst vor etwas anderem
Keine Dächer ohne Wände, kein Kratzen ohne Hände
kein Anfang ohne Ende, kein Fortschritt ohne Plage
keine Antwort ohne Frage, darauf noch ne Frage

(Text u. Musik: M.Jung)

Das Lied steht unter der folgenden Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Rechtsschutz bei Abmahnungen?

In An Manche on September 1, 2009 at 1:26

Als ich heute diesen Artikel las, kam mir die Frage in den Sinn, warum es eigentlich keine Rechtsschutzversicherungen für Blogger gegen Abmahnungen gibt. Eigentlich müsste das doch eine lukrative Geschäftsidee sein: Blogger akzeptieren die meisten Abmahnungen, obwohl diese vor Gericht wahrscheinlich gar nicht stand halten würde, aus dem einfachen Grund, dass sie das Risiko von Gerichtskosten und die damit verbundene psychische Belastung nicht tragen wollen. Das wissen auch Rechtsanwälte, die sich auf Abmahnungen spezialisiert haben, und durch solch defensives Verhalten ermutigt werden. Eine Rechtsschutzversicherung, die dafür sorgt, dass der Blogger vor Gericht zieht, hätte also eine enorme Abschreckungswirkung. Warum also gibt es das nicht?

Ein Blogger hat vor zwei Jahren eine Reihe von Versicherungen angeschrieben, um ein Angebot für eine solche Rechtsschutzversicherung einzuholen. Es gibt keine Angebote, das wird schlicht und einfach nicht versichert (Begründungen sind manchmal etwas seltsam und bewegen sich im Bereich von „lässt sich nicht versichern“ bis „rechtlich nicht möglich“).

Ich habe einen mit mir befreundeten Rechtsanwalt dazu befragt und er meinte, prinzipiell wäre das möglich, es gibt keine rechtlichen Beschränkungen, die das verbieten (die rechtlichen Beschränkungen bestehen lediglich darin, dass die Versicherung nicht ihre eigenen Rechtsanwälte auf den Fall ansetzen dürfen). Höchstwahrscheinlich führten die mitunter willkürlich ermittelten  und extrem variierenden Streitwerte zu Kostenrisiken für die Versicherungen, die sich nicht mehr seriös kalkulieren lassen. Lässt sich also nicht eine Obergrenze von Streitwerten bei Abmahnungen festlegen? Dann würden die Kostenrisiken kalkulierbar und eine Rechtsschutzversicherung hätte ein neues Geschäftsmodell…

Das Ende des Genies?

In An Manche on August 25, 2009 at 10:24

Bild: Zendragon

Das Genie schafft Neues, nie Dagewesenes, Unvergleichliches aus dem Nichts. Das Genie lässt sich nicht auf eine Stufe mit gewöhnlichen Handwerkern stellen. Das Genie hat originäre Ideen, die kein Mensch vorher erdacht hat noch erdenken konnte. Das Genie hat eine Mission, die ihm vom Schicksal übertragen wurde. Das Genie ist ein Geschenk des Himmels.

Transparenz ist der grosse Feind des Genies. Denn sie entlarvt das Genie als eine Projektion, als Idealisierung und als Selbststilisierung. Denn was, wenn jeder die Ursprünge des Genies nachvollziehen kann? Wenn das Neue als Variation, Verknüpfung oder Kopie von Vergessenem entlarvt wird? Wenn die Ideen gar nicht originär sind (sein können)? Wenn nicht das Schicksal, sondern der Zufall den Erfolg gebracht hat? Wenn nicht der Himmel, sondern die Wahrscheinlichkeitsrechnung die Geschenke verteilt?

Was ist dann? Fehlt uns dann was? Würde das Genie aus unserem Wortschatz verschwinden? Oder würden wir weiter so tun als ob es Genies gäbe? Wie stünde es um das Selbstverständnis des Genies, das aus der Illusion seiner Einzigartigkeit gerissen wird?

Und: hat das Genie als Vehikel von Ideen Nutzen gebracht? Hat es das Grosse ins reche Licht gerückt? Oder hat es vor allem Schatten auf andere geworfen?

Gibt es originäre Ideen?

In An Alle on August 20, 2009 at 6:11
Foto: Kugel

Foto: Kugel

Ich beispielsweise habe niemals originäre Ideen„, sagt Patrick in diesem Artikel hier über den Wert und das Klauen von Ideen. Wenn Patrick keine originären Ideen hat, habe ich denn wenigstens welche? Oder hat zumindest irgendjemand irgendwann mal eine gehabt? Gibt es überhaupt originäre Ideen, also Ideen, die nicht von der Natur abgeschaut sind und die nicht durch Verknüpfung, Kontextverschiebung oder Erweiterung von anderen Ideen entstanden sind?

Natürlich„, habe ich mir gedacht. Die menschliche Ideenwelt ist ja kein abstraktes Gebilde wie die Mathematik, deren Schönheit und Komplexität sich auf wenige Axiome zurückführen lässt. Wie sollte denn sonst Neues in der Welt entstehen? Wie sollten denn sonst Impulse für Veränderung entstehen – wenn nicht durch originäre Ideen?

Ein einziges Beispiel würde mir reichen. Ein einziges Beispiel wäre bereits der Beweis der Existenz, der Möglichkeit originärer Ideen – und von Menschen entwickelter Ideen. Aber ich habe bisher noch keines gefunden. Einfache geometrische Formen wie Linien oder Kreise (selbst Sechsecke) findet man in der Natur. Komplexere wie Dreiecke, Trapeze oder Pyramiden lassen sich aus den einfachen entwickeln. Und so scheint es mit allem: mit dem Rad, der Elektrizität, dem Flugzeug, der Bremse, dem Auto, der Relativitätstheorie, der Musik. Eine komplexe Erfindung wie der Computer ist nur möglich durch eine Vielzahl von Beobachtungen der Natur, den daraus gewonnenen Erkenntnissen und deren raffinierte Verknüpfung. Selbst die Idee von Gott stammt wahrscheinlich aus der Abstraktion der Bedeutung der Sonne für den Menschen. Ganze Wissenschaftszweige versuchen die genialen Überlebensstrategien von Pflanzen und Tieren für den Menschen nutzbar zu machen. Alles nur geklaut?

Das Internet und die Musiker: Fluch oder Segen?

In An Manche on August 18, 2009 at 10:22

Ich hatte die Frage schon mal hier gestellt, da war die Diskussion aber bereits erschöpft:

Stimmt das denn wirklich, dass es für Musiker heute schwieriger ist, von ihrer Musik zu leben als früher? Und ich spreche dabei nicht von denen, die auch heute noch vom alten System der Selektion und Markenbildung profitieren…
Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit für einen jungen, unbekannten Musiker heute, von Musik leben zu können, verglichen mit der Wahrscheinlichkeit vor 20 Jahren?

Wie kann man sich einer Antwort fern jeder Meinungsmache nähern? Gibt es Studien, Anekdotensammlungen, schlüssige Argumentationsketten, Schätzungen?

Musik aus der Hölle?

In An Manche on August 12, 2009 at 9:12
Foto: Helico

Foto: Helico

Noch was zu Charles Manson: der Mann war auch Musiker, einer seiner Songs wurde sogar von den Beachboys gecovert (hier die Version der Beachboys, hier die Version von Manson). Klingt so die Musik des Teufels? Wird dieser Song ab und zu in der Hölle aufgelegt?

In Frankreich wurde vor sechs Jahren Betrand Cantat, der Leadsänger der einflussreichen französischen Rock-Formation Noir Désir wegen Totschlags an seiner Freundin Marie Tritignant zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Einige Stimmen in der französischen Öffentlichkeit forderten, das Abspielen im Radio sowie den Verkauf von Liedern von Noir Désir zu verbieten – als zusätzliche Strafe oder auch als Respekt vor den Hinterbliebenden der Opfer (hier mein Lieblingslied von Noir Désir). Andere suchten und fanden natürlich auch Spuren des Bösen im Werk des Totschlägers. Also wieder ein paar mehr Titel für die MP3-Sammlung des Teufels?

Aber wer sagt dann, dass sich ausgerechnet die dunkle Seite eines Menschen in seiner Musik findet? Könnte es nicht auch sein, dass all seine positiven Seiten in seine Musik fliessen, dass die Musik gerade das Heilmittel ist, dass die bösen Seiten lindert, hindert, nicht ausbrechen lässt?

Erwiderung an den freundlichen Herrn (mit und ohne Messer)

In An Mich on August 7, 2009 at 5:37

Wenn dir dieser freundliche, leicht verwirrt wirkende Herr aus dem Video gegenübersitzt, der ein paar seiner Freundinnen mit Messern und Pistolen in eine Villa geschickt hat, um dort alle Anwesenden zu töten und zu schänden (darunter eine Schwangere), und er dir auf die Frage, ob er Schuldgefühle oder Gewissensbisse habe, antwortet „Ich? Nach allem, was mir diese Gesellschaft angetan hat, soll ich Gewissensbisse haben? Habe ich nicht das gleiche Recht, euch anzutun, was ich für richtig halte? Was erwartet ihr wohl, was ich machen werde, wenn ich hier rauskomme, nachdem man mir mein ganzes Leben lang ins Gesicht gespuckt habt? Wenn ich überhaupt etwas bedaure, dann nicht das, was ich getan habe, sondern was ich nicht getan habe. Ja, wenn ich 300 Menschen getötet hätte, dann würde ich mich besser fühlen! Dann hätte ich das Gefühl, dieser Gesellschaft, etwas gegeben zu haben. Weisst du, wenn ich dich jetzt hier totschlagen könnte, ich würde mich nicht anders fühlen als beim Einkaufen.“, gibt es dann irgendeine Form der Erwiderung, die ihn überraschen könnte oder nachdenklich stimmen? 

Übrigens: würde die Erwiderung anders ausfallen, wenn der freundliche Herr ein Messer in der Hand hätte und keine sonstigen Personen, insbesondere Polizisten in dem Raum anwesend wären? Und woher kommt dieser Eindruck, dass er aus seiner Sicht vielleicht tatsächlich Recht hat mit seiner Auge-um-Auge-Theorie?

Und: wenn selbst ein Massenmörder glaubt, Gutes getan zu haben, wie kann man davon ausgehen, dass ein beliebiger, harmloser Mensch sich im Unrecht glauben könnte und Kritik an sich herankommen lässt?

Ungewissheit als Wahlversprechen

In An Manche on August 5, 2009 at 9:48
Foto: cliff1066

Foto: cliff1066

Als Kind hat mich eine Donald-Duck-Geschichte beeindruckt. Donald wird in irgendeiner Stadt im wilden Westen aus welchen Gründen auch immer gegen seinen Willen als Kandidat für den Posten des Sheriffs vorgeschlagen. Um auf Nummer Sicher zu gehen und seine Wahl auf jeden Fall zu verhindern, hält er eine öffentliche Rede vor den Bürgern und sagt sinngemäss:  „Ich habe so etwas noch nie gemacht, ich habe keine Ahnung, keinen Schimmer von der Aufgabe – ich bin unfähig, wählt den anderen!“

Die Reaktion der Bürger war überraschend. Endlich jemand, der zugibt, dass er keine Ahnung hat. Endlich jemand, der uns nicht mit durchsichtigen Lügen und falschen Versprechungen um den Finger wickeln will. Endlich ein normaler Mensch. Den wählen wir! Und Donald wurde mit überwältigender Mehrheit zum Sheriff gewählt (ich weiss allerdings nicht mehr, wie die Geschichte endete – wenn jemand sie ebenfalls kennt oder sie im Web zugänglich ist, bitte sagen!)

Ich frage mich, ob die Reaktion der Deutschen auf einen Kanzlerkandidaten, der zugibt, nicht mehr zu wissen, als die, die auch nicht viel mehr wissen, weil nunmal niemand in die Zukunft schauen kann, vielleicht ebenso positiv wäre. Ehrlichkeit als Wahlprogramm – kann das funktionieren? Hat es schonmal jemand mit Ehrlichkeit probiert? Und ist schon mal jemand für Ungewissheit als Wahlversprechen gewählt worden?

Sorgen durch Mitsorgen entsorgen?

In An Manche on Juli 9, 2009 at 7:59
Foto: Nenyaki

Foto: Nenyaki

Kann es sein, dass meine Versuche, sie zu beschwichtigen, kontraproduktiv sind, weil sie glaubt, dass ich ihre Sorgen unterschätze? Wäre sie also beruhigter, wenn ich ihren Sorgen mit gesteigerter Besorgnis begegnete?

Über Anonymität im Internet

In An Jemanden on Juli 7, 2009 at 8:08
Foto: Florian Kuhlmann

Foto: Florian Kuhlmann

Jens Jessen von der Zeit hat vor ein paar Wochen in einem Video-Podcast die Forderung aufgestellt, dass sich im Internet niemand mehr anonym bewegen dürfe, um Urheberrechtsverletzungen, kriminelle Aktivitäten, Beleidigungen und Diskriminierungen zu verhindern. Er verglich das Internet mit einer Stadt, das von marodierenden Banden durchzogen sei, die im Schutze der Anonymität ungestraft ihr Unwesen treiben dürften.

Ich frage mich, welche Folgen die konsequente Durchsetzung einer solchen Forderung hätte (insofern sie überhaupt technisch und verfassungsrechtlich durchsetzbar wäre). Würden Beleidigungen und Diskriminierungen wirklich dramatisch zurückgehen – oder würden sie vielleicht nur in einer Weise formuliert, dass sie rechtlich nicht angreifbar sind (so wie das die Bild-Zeitung immer mal wieder hinbekommt)? Würde Musik tatsächlich gekauft anstatt aus dem Internet geladen – oder würde sie halt wie früher einfach unter Freunden kopiert? Und sind denn diese Beleidigungen wirklich ein Problem, das sich nicht einfacher, zum Beispiel durch schlichtes Löschen lösen lässt (so wie es ja fast überall praktiziert wird)? Werden Fehlinformationen im Internet nicht automatisch durch die Vielzahl von Quellen und Korrekturen eliminiert?

Welchen Preis müssten wir für das Aufgeben der Anonymität zahlen? Wäre ein massiver Rückgang von Transparenz, Offenheit und Wahrheit die Folge, weil sich viele Menschen aus Gründen möglicher Abmahnungen oder Probleme mit ihrem Arbeitgeber gar nicht mehr bequemen würden, ihre Meinung im Internet kundzutun, Produkte zu bewerten, Probleme mit Unternehmen zu beschreiben oder vor illegalen Machenschaften zu warnen? Geht es Jessen in Wahrheit vielleicht nur darum, das bröckelnde Meinungsmonopol der grossen Medien zu verteidigen?

Und warum dann nicht konsequenterweise jeden Menschen mit einem Funkchip samt Mikrophon und Kamera ausstatten, der jede seiner Bewegungen in der wirklichen Welt mitprotokolliert und es möglich macht, jedes Fehlverhalten sofort zu ahnden. Delikte wie Beleidigungen und Taschendiebstahl sollten dann schnell der Vergangenheit angehören (und als angenehmer Nebeneffekt vielleicht auch Pinkeln in Mülleimer oder Fahrradfahren ohne Licht).

Vielleicht sollte sich Jessen mal die Frage stellen, warum Wahlen in Demokratien geheim sind, warum es im Journalismus Quellenschutz gibt und in Unternehmen Kummerkästen. Kleiner Tipp: der Grund ist in allen drei Fällen der gleiche.

Dahingetwagt (10)

In An Manche on Juli 4, 2009 at 11:17

Die letzten 3 Wochen auf Twitter:

  • Woher kommen eigentlich neue, originäre Ideen?
  • Wäre die Wirtschaft stabiler, wenn es keinen Aktien- oder Derivatehandel geben würde – also Spekulation im grossen Massstab nicht möglich?
  • Werden wir mit dem Alter materialistischer?
  • Gleichgewicht – wer kümmert sich drum? Oder kann es nur entstehen, wenn niemand sich drum kümmert?
  • Schade, dass man aus Blogs kein Pappmaché machen kann. Wie geht das heute eigentlich, wenn man keine Tageszeitung mehr abonniert hat?
  • These: Die Entsprechung des Gottesbegriffs in der Logik ist Rekursion
  • Logischer Schluss: Menschen können nur dann für ihre Taten verantwortlich gemacht werden, wenn sie sich selbst geschaffen haben. Einwände?
  • Ihr wollt keine Mitläufer? Sollen also alle vorneweglaufen? Oder hinterher?
  • Wenn wir alle einzigartig sind, sind wir denn dann noch was besonderes?
  • Gibt es eigentlich irgendeine Tätigkeit, die nicht irgendjemand anderem das Wasser abgräbt?
  • Ist die Zeit der Genies endgültig vorbei?
  • Würden sie einem ihrer Twitter-Kontake eine Niere spenden?
  • Wie lässt sich verhindern, dass der Lebensweg sich von einem Dschungelpfad in eine Autobahn verwandelt?

Kindern Sportbegeisterung vermitteln

In An Manche on Juli 3, 2009 at 10:49
Foto: vramak 

 

Foto: vramak

Mein Vater war Leistungssportler und hat mich sehr früh für den Sport interessiert. Als 7jähriger schaute ich bereits den 100m-Endlauf der olympischen Spiele und das Endspiel der Fussball-Europameisterschaft. Als 8jähriger sass ich morgens um 4 Uhr auf dem Schoss meines Vaters, um Muhammed Ali kämpfen zu sehen. Als 9jähriger erlebte ich heulend die Schmach von Cordoba. Als 10jähriger schwärmte ich für Björn Borg und Dietrich Thurau und kannte alle Ergebnisse der gesamten Fussball-Bundesligasaison. Anfang der Achziger verbrachte ich Samstagnachmittage vor dem Radio, um die Radio-Reportagen aus den Bundesliga-Stadien zu verfolgen, oder Sommertage vor dem Fernseher, um Laurent Fignon in seinem gelben Trikot die Alpenpässe nach oben fliegen zu sehen. Später dann hat mich Boris Becker im Daviscup oder den US Open Nächte fiebern lassen. Alles – wie ich glaube – inspiriert durch die Sportbegeisterung meines Vaters.

Mein Sohn beginnt jetzt, sich für Fussball zu interessieren. Und natürlich stellt er sich auf die Seite der Sieger: weniger als Barcelona und Lionel Messi geht gar nicht. Und ich frage mich jetzt, inwiefern ich sein Interesse fördern oder Begeisterung in ihm wecken soll. Denn ich selbst bin eher ernüchtert durch Kommerz und Dopingwahnsinn, die zwar beide sehr alte Begleiter des Sports sind, aber von mir nach Absetzen meiner rosa Brille erst in den letzten Jahren wahrgenommen wurden. Das Doping-Geständnis von Laurent Fignon, der jetzt schwer an Krebs erkrankt ist, hat mich persönlich sehr getroffen, es war in gewisser Weise das Eingeständnis des Verrats an dem Kind, das ihn damals angehimmelt hat.

Ist Sportbegeisterung trotz allem sinnvoll – weil es zur eigenen körperlichen Bewegung anspornt, weil es hilft, mit Niederlagen leben und im Triumph Demut zu lernen, weil es die Muster des Lebens mit seinen Dramen und seiner Vergänglichheit als Mikrokosmos widerspiegelt, weil es in gewisser Weise auch zur allgemeinen Bildung gehört?

Balance

In An Niemanden on Juni 30, 2009 at 7:01
Foto: wooody

Foto: wooody

Ein Tischtennisball auf einem Tischtennisschläger in einer menschlichen Hand. Der Ball rollt ein wenig nach links, die Hand kippt den Schläger leicht nach rechts, der Ball rollt ein wenig nach oben, die Hand kippt den Schläger nach hinten, der Boll rollt ein wenig nach rechts, die Hand bewegt den Schläger leicht nach links. Ziel des Spiels: eine Balance zu erreichen und zu verhindern, dass der Ball auf den Boden fällt. Ein Betrachter, der dem Spiel nur wenige Sekunden zuschaut, der beobachtet, wie das Kippen nach Links den Ball vor dem Herunterfallen rettet, der könnte den falschen Schluss ziehen, dass Linkskippen ein probates Mittel gegen das Herunterfallen ist. Ein anderer Beobachter, der zu einem anderen Zeitpunkt schaut, könnte den gegenteiligen Schluss ziehen, nämlich dass Rechtskippen die Lösung aller Probleme ist.

Ob in der Erziehung, in der Politik, in der Wirtschaft oder im Lösen von Konflikten – sind wir nicht alle versucht, Probleme durch eine Patent-Lösung aus der Welt schaffen zu wollen, ohne zu merken, dass die eigentliche Lösung darin besteht, eine perfekte Balance zu finden? Dass minimale aber permanente Anpassungen abhängig von der jeweiligen Situation nötig sind? Woher kommt unsere Vorliebe für starre Lösungen, was verleitet uns zu der trügerischen Sicherheit, dass es eine richtige und eine falsche Seite gibt? Und wie entsteht bei so vielen Patentlösern und Lagerdenkern trotzdem manchmal die perfekte Balance?

Wir singen uns die Welt schön

In An Mich on Juni 25, 2009 at 9:08
Foto: wortmeer

Foto: wortmeer

Erich Kästner bezeichnete Kurt Tucholsky als „kleinen dicken Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte„. Kann die Musik das, was Tucholsky nicht geschafft hat – kann Musik die Welt verändern? Ich meine dabei nicht die Welt der Musik, sondern Veränderungen, die auf auf Politik und Gesellschaft wirken. Oder kann sie im besten Fall lediglich die Veränderungen begleiten, beschreiben, musikalisch verewigen? Oder Veränderungen eine Stimme verleihen?

Gibt es wenigstens ein einziges Lied oder Stück, das die Welt mal verändert hat? Hat Biermanns „Lass dich nicht verhärten“ zum Zusammenbruch der DDR beigetragen? Hat Bob Dylans Version von „Blowing in the Wind“ den Vietnam-Krieg zu verkürzen geholfen? Haben Bachs Kantaten, Mozarts Opern oder Beethovens Symphonien die Menschen in einer Weise sensibilisiert, inspiriert, befriedet, dass die Gesellschaft davon besser wurde? Haben Hanns Eislers Protestlieder die Arbeiterbewegung gestärkt? Lässt sich das überhaupt irgendwie beurteilen? Haben die Zuschauer des Westernhagen-Konzerts, die aus vollen Kehlen „Freiheit“ sangen, auf dem Rückweg zum Parkplatz noch den Schimmer der Bedeutung des Freiheitsbegriffes?

Aber warum nicht mal bei mir anfangen: gibt es ein Lied, das mich verändert hat? Gibt es eine Akkordfolge oder musikalische Struktur, die mich zum umdenken gebracht hat? Gibt es eine Melodie, die mir die Augen geöffnet hat? Hat sich ein Text dadurch bei mir eingebrannt, dass er gesungen wurde? Hat ein Musikstück jemals eine neue Lebensphase eingeläutet? Die Musik, die die stärksten Erinnerungen hinterlassen hat, war Tröster, Aufputscher, Spiegel oder auch zufälliger Zeuge von emotionalen Ausnahmezuständen – aber nie Mitwirkende im harmlosen Drama meines Lebens. Die Musik, die mir ans Herz gewachsen ist in den Jahren, ist dies aus den verschiedensten meist unergründeten Gründen, aber zu einem anderen Menschen hat sie mich sicher nicht gemacht. Bin ich da eine Ausnahme?

Oder gehört Selbstüberschätzung nunmal zum Rüstzeug der Liedermacher, Grössenwahn zu jeder Rockband, träumerische Illusion zu jedem Poeten und die Legende, dass die Welt durch einfach und schöne Dinge verändert werden kann, zum Mythenschatz der Menschheit? Und zur Beruhigung kann man sich immer noch diese CD kaufen…

Tödliche Konsequenz

In An Manche on Juni 23, 2009 at 9:38

Der ostdeutsche Musiker Gerhard Gundermann arbeitete als Baggerfahrer im Kohlebau, später dann als Tischler, obwohl er es nicht musste, um seine Existenz zu sichern. Wikipedia schreibt: „Seine Maxime, nicht von der Kunst, sondern von „echter Arbeit“ zu leben, um eine kommerzielle Vermarktung seiner Lieder zu verhindern, führte zu einem übermäßig anstrengenden Lebenswandel mit extrem wenig Schlaf. Oftmals fuhr er von einem seiner dreistündigen Konzerte direkt zur Schicht oder umgekehrt, ohne sich eine Pause zu gönnen. Diese Umstände trugen wahrscheinlich maßgebend zu seinem frühen, plötzlichen Tod bei.

Ich glaube, Gundermann hatte recht, dass ein Leben für die Musik die Gefahr birgt, vom kommerziellen Erfolg korrumpiert zu werden, den Erwartungen der Produzenten und der zahlenden Kundschaft entsprechen zu müssen, aber auch den Kontakt zum Leben zu verlieren, in seine persönliche Umlaufbahn zu geraten, die sich um die eigene Grossartigkeit dreht und dann Lieder zu schreiben, die davon handeln, wie es sich so schwebt in dieser Umlaufbahn. Gute Lieder sind gute Geschichten – und die erlebt man nicht, wenn man nicht mit normalen Menschen zu tun hat. Auch gesellschaftliche Missstände gerinnen leicht zu blutleeren Klischees und ritualisierter Klage, wenn man sie nicht mehr am eigenen Leib spüren muss. Viele kommerziell erfolgreiche Musiker scheinen mir (Ferndiagnose) an chronischem Mangel von neuen Impulsen oder akkutem Verlust des Erdbodens zu leiden. Aber musste es so weit kommen, dass Gundermann für diese bewundernswerte Konsequenz sein Leben opfert? Gibt es keinen besseren Weg aus dem Dilemma als zwei Leben auf einmal zu führen?

Auf dünnem Eis

In An Manche on Juni 18, 2009 at 4:44
Foto: feverblue

Foto: feverblue

Man geht unbeschwert durchs Leben, vertraut seiner Intuition, hat eine gewisse Orientierung, Stützpfeiler, die das Gedankengebäude zumindest eine zeitlang tragen, man geht auf festem Boden, bildet sich ein Urteil und noch eines, eine Menschenkenntnis, formt Ziele, die ja nichts anderes sind als Projektionen in die Zukunft, man erobert sich den Platz, den man uns gelassen hat, findet möglicherweise sogar ein Leitmotiv in seinem Leben, nickt zufrieden, wenn man recht gehabt hat, vertieft mit jeder Ausnahme den Glauben an die Regeln, man bastelt sich eine Welt, in der man zuhause ist, und wenn alles gut geht, hat man nicht einmal gemerkt, dass das ganze Leben auf einer Reihe von teils durchaus kühnen Annahmen aufgebaut ist, die teils richtig, teils aus den falschen Gründen richtig, teils durch puren Zufall richtig waren.

Als angehender Unternehmer habe ich mir letztens mal eine Liste von Annahmen gemacht, die eintreffen müssen, damit die Unternehmung erfolgreich ist. Die einzelnen Punkte betreffen eigene Fähigkeiten, die ich bei mir selbst noch nicht abrufen musste, die Entwicklung des Marktes, also der Verhaltensweisen von Kunden, die ich noch gar nicht genauer kenne, die Reaktion und Kompetenz von Wettbewerbern, deren Zahl ich sehr wahrscheinlich noch gar nicht vollständig erfasst habe, den Erfolg von sozialen Medien als Marketing-Instrument und noch viele andere Dinge, die eines gemeinsam haben: ein grosses Fragezeichen. Wahrscheinlich ist die Liste nicht mal komplett. Aber sie hilft mir, mir bewusst zu werden, worauf ich vertrauen muss und sie könnte mir als Warnsystem dienen. Und ich vertraue auch darauf, dass mir das Glück zur Seite steht.

Und dann dachte ich: vielleicht sollte ich auch mal eine solche Liste für mein privates Leben aufstellen? Ich habe es nicht gemacht. Wer weiss, ob ich mir dabei nicht bewusst würde, wie dünn das Eis ist, auf dem ich durchs Leben stampfe. Reicht ja, es zu merken, wenn man erstmal im kalten Wasser zappelt. Oder?

Netzwerke: Materialtest

In An Manche on Juni 16, 2009 at 9:16
Foto: Lautergold

Foto: Lautergold

„Wer heute nicht mit Social Media anfängt, hat morgen nicht das Netzwerk, das er braucht!“ Diesen Satz hat mir Hannelore zugetwittert, er ist wohl auf dem Deutschen Multimedia-Kongress in ähnlicher Form gesagt worden. Wie das nun mal so ist mit prägnanten, schön formulierten Sätzen, sie betören schon mal allein durch ihre Form und Stringenz, kristallisieren ein vages formloses Gebräu von Gedanken und lösen den Reflex aus zu denken: genau! Und wenn man dann mit den Gedanken wieder weiterwandert, dann verwandelt sich der schöne Satz zum Filter im vorderen Hirnlappen und macht Werbung in eigener Sache (im Volksmund auch Vorurteil genannt).

Deswegen möchte ich den Satz nicht widerstandslos in den Frontallappen einziehen lassen und ihn stattdessen ein wenig hinterfragen. Netzwerke gibt es schon, seit es Menschen gibt. Dazu braucht man keine neuen Medien. Man braucht dazu nur seine Augen und Ohren, seinen Mund und eine gewisse Neugier beim Gang durch das Leben. Der Gründer von Facebook, Marc Zuckerberg, hat mal auf die Frage geantwortet, wie man Netzwerke oder Communities im Internet erzeugt: „Gar nicht, man kann nur bereits existierende abbilden“. Wieder so ein prägnanter Satz. Natürlich entstehen neue Netzwerke – denn was anderes sind meine Kontakte mit meinen Blog-Lesern und den Bloggern, bei denen ich kommentiere, oder die Twitterer, mit denen ich Gedanken austausche?

Doch wie stabil sind diese Netze eigentlich? Enden sie mit dem Blog oder mit dem Löschen des Facebook- oder Twitter-Accounts? Migrieren sie mit mir auf die nächste populäre Platform? Werden sie die Zeit überdauern bis zu dem Tag, an dem sie nützlich werden könnten?

Und was vermögen diese neuen Netze zu leisten? Was weiss ich wirklich von diesen virtuellen Freunden? Würde ich ihnen Geld leihen? Mich für sie bei meinem Chef einsetzen, um ihnen einen Job zu besorgen? Würde ich ihnen meine Kinder anvertrauen? Sicher nicht, ohne sie persönlich getroffen zu haben. Aber würde ich ihnen wenigstens – wenn ich denn könnte – einen Platz in einem Panel besorgen oder die Möglichkeit einen Vortrag zu halten? Ja, wenn die Referenzen stimmen und fachliche Kompetenz erkennbar ist – aber das würde ich auch bei jedem anderen, der mich danach fragt.

Wie effizient ist also dieses Netzwerken verglichen mit den traditionellen Netzwerken? Lassen sie sich überhaupt so einfach voneinander trennen? Könnte es sogar sein, dass die im Web besonders gut Vernetzten vielleicht ihre persönlichen Netzwerke mit ins Web gebracht haben – dass die eigentliche Vernetzungsarbeit ganz klassisch durch den beruflichen Werdegang und den Freundeskreis entstanden ist? Sind vielleicht die verborgenen Bande, die keiner im Internet gespiegelt sieht, die mächtigeren?

Wie oft habe ich schon gedacht, dass ich mit meiner Musik mehr Menschen durch einen einzigen Auftritt in der Fussgängerzone erreichen kann als durch monatelanges Bloggen und Twittern. Ist es vielleicht genauso mit den Netzwerken? Investiert man seine Zeit nicht besser durch das Entwickeln persönlicher als durch das Entwickeln virtueller Kontakte in sozialen Medien? Gesetzt – es geht einem wirklich darum, ein Netzwerk zu schaffen, „das man später braucht“ – denn für mich bleibt Bloggen und Twittern einfach ein kreatives Vergnügen.

Dahingetwagt (9)

In An Manche on Juni 13, 2009 at 11:05

Diese Woche auf Twitter:

  • Wer erlebt den eigenen physischen Verfall näher und stärker als Menschen, die regelmässig Sport treiben?
  • Scheitern aufgrund vom Schicksal erzwungener Entscheidungen ist leichter zu ertragen als aufgrund eigener Entscheidungen. ??
  • Seit wann geben denn die Äusserungen von Politikern deren persönliche Meinung wieder?
  • Was wird da eigentlich so gelagert, im bürgerlichen oder im linken Lager? Alte Vorurteile mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum?
  • Gibt es etwas tragischeres als als „Urgestein“ zu enden, bevor man zur „Legende“ werden konnte?
  • Halte ich mir im Leben mehr Optionen offen, wenn ich eine beliebige nutze oder wenn ich sie besser verpasse?

Wie sag ich’s meinem Kinde?

In An Mich on Juni 11, 2009 at 5:55
Foto: Photos8.com

Foto: Photos8.com

Ok. Schau deinem Kind in die Augen und sag ihm ins Gesicht, dass du nicht stolz auf es bist, nicht sein kannst, weil du Stolz negativ assoziierst, weil Stolz eine unangenehme Eigenschaft ist, die abgrenzt und überhöht, die dem Egoismus des Menschen huldigt und sogar zu den sogenannten sieben Todsünden gehört, und zudem noch vollkommen unsinnig ist, weil ja es, das Kind, selbst für seine Leistungen verantwortlich ist (wenn in dieser deterministischen Welt überhaupt jemand für irgendetwas verantwortlich ist) und du, das Elternteil, ja nur in geringem Masse, im Rahmen deiner beschränkten Möglichkeiten, als ein Faktor unter vielen zu seiner Entwicklung beigetragen hast. Oder sagst du dann doch lieber: „Ja, natürlich bin ich stolz auf dich!“?

Und wenn es dich fragt, warum der Grossvater tot ist, warum Menschen sterben können, und was mit ihnen passiert, wenn sie sterben, und ob du auch bald sterben könntest oder es selbst, und wie traurig es ist, dass der Grossvater jetzt in der Erde von den Würmern zerfressen wird, dann nimmst du deinen Mut zusammen und erinnerst dich daran, dass du der Wahrheit verpflichtet bist, und erzählst von der Evolution und von egoistischen Genen und dem Nichts, in dem alles verschwinden wird. Und du sagst NICHT im Brustton der Überzeugung (wo soll die auch herkommen?), dass wir uns alle im Himmel wiedersehen werden, dass Grossvater jetzt ein Engel ist, der seine schützende Hand über uns hält, und dass unsere Seelen weiterleben. Oder etwa doch?

Inspiriert durch das Gedicht „Wie sag ich’s meinem Kinde?“ der wunderbaren und doch leider immer mehr in Vergessenheit geratenden Mascha Kaléko.

Es war nicht pädagogisch,
Vom Fortbestand der Seelen,
Und viel zu theologisch,
Vom Himmel zu erzählen.

Doch mangels akkuraten
Berichts aus jenen Sphären,
Erschien es mir geraten,
Zu trösten statt zu lehren.



Charismatiker unentbehrlich?

In An Manche on Juni 9, 2009 at 9:09

[Foto: salimfadhley]

Apple hat seinen. Oracle hat einen. Microsoft hat seit ein paar Jahren auch einen. Googles Largei-Serry ist zwar öffentlichkeitsscheu, aber anscheinend durchaus beeindruckend im direkten Kontakt. Und der FC Bayern hatte bekanntlich Oliver Kahn.

Ich hatte letztens die Möglichkeit, mit dieser Gründerin hier zu sprechen und war beeindruckt von ihrer Energie, ihrem Ehrgeiz, ihrer Eloquenz, aber auch ihrer Kompromisslosigkeit, ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Art, Gespräche an sich zu reissen und zu lenken, von ihrem – ja, jetzt ist es raus – von ihrem Charisma. Da ich in ein paar Monaten selbst ein Startup gründen möchte, mein Partner ein eher ruhiger, ernsthafter Vertreter ist, und ich selbst schon häufiger als mundfaul beschrieben wurde, stellt sich die Frage, ob in unserer Mannschaft nicht eine Lücke klafft, die uns zum Verhängnis werden kann und die geschlossen werden sollte.

Braucht ein erfolgreiches Startup-Unternehmen einen charismatischen Gründer? Oder wenigstens jemanden, der keine Probleme damit hat, als Arschloch wahrgenommen zu werden und keine Skrupel besitzt, auf einer Konferenz die Leute so lange mit seiner Idee zu belästigen, bis sie ihm ihre Visitenkarte geben? Der vorne schon wieder zu Tür hereinschaut, während sein Hintern noch vom Fusstritt des Rauswurfs schmerzt? Der einem Unternehmen ein einzigartiges und sofort erkennbares Gesicht gibt? Braucht es so jemanden – oder ist das nur ein medialer Mythos und geht es auch ohne? Oder wächst man vielleicht sogar ganz automatisch in eine solche Rolle hinein? Welche Unternehmen wurden mit lauter freundlichen, zurückhaltenden, höflichen Menschen erfolgreich?

Dahingetwagt (8)

In An Manche on Juni 6, 2009 at 3:04

Diese Woche auf Twitter:

  • Wenn Entscheidungen im Laufe des Lebens immer weniger wichtig sind, sollte man sie dann zwecks Risikominimierung nicht auf ewig verschieben?
  • Können wir nicht einfach ein Foto von dem Ding machen zur Erinnerung und es dann wegschmeissen (das Ding)?
  • Apropos Generation #C64: wie geht es eigentlich Ernst Eiswürfel?
  • Zeigt sich in unseren kleinen Gesten auch der Geist unserer grossen Taten (wenn wir die Möglichkeit hätten, welche zu schaffen)? #fraktal
  • These: Menschen, die sich selbst als blöd bezeichnen, sind zwangsläufig lernunwillig
  • Kann ein Buch die Welt verändern? Oder zumindest ein Leben?
  • Sind Leute, die sich nichts vorzuwerfen haben, nicht automatisch verdächtig?
  • Warum scheint die grösste Befriedigung von Politikern darin, Pakete zu schnüren? Um diskret irgendwelchen Gesetzesschrott zu beseitigen?
  • Gibt’s auf der Erde mehr Menschen, die ich hätte sein wollen als die ich nicht hätte sein wollen?

Erziehung in Zeiten der Gefahr

In An Alle on Juni 4, 2009 at 8:34

[Bild: jatop]

Die Generation meines Vaters und meines Grossvaters (und wohl auch die der diversen x-Ur-Grossväter) sind in Zeiten des Krieges, in Zeiten der ständigen Gefahr und Bedrohung aufgewachsen. Ist das möglicherweise auch der Grund, warum sie autoritär erzogen wurden? In Zeiten der Gefahr kann jeder Fehler, jedes Experiment, jeder unbedachte Schritt tödlich sein. Ständiges Hinterfragen von Entscheidungen, langwierige Diskussionen und trotzige Verweigerung konnten katastrophale Folgen haben. Instinktiver und blinder Gehorsam gegenüber den Eltern dagegen verringert dieses Risiko. Ich bemerke an mir selbst, dass ich mit meinem Söhnchen sehr streng, ja rabiat sein kann, wenn wir in der Stadt sind, im Verkehr, umgeben von Autos, umgeben von der Gefahr. Ist das Aufwachsen zwischen und während Kriegen nicht ein Leben in einer dauerhaften potentiellen Gefahren-Situation, in der man sich den Luxus des Abwägens, Ausgleichens, Überzeugens durch Worte nicht leisten kann?

Und was passierte heute bei einem Krieg – wenn wir in Bunker müssten mitten in der Nacht mit unseren Kindern, die sich nicht die Zähne putzen wollen und den ganzen Tag im Schlafanzug trödeln? Wenn wir zu Fuss mehrere Kilometer flüchten müssten mit unseren Kindern, die zu viele Pfunde haben und schnell schlapp machen und jammern? Wenn wir uns von Brot aus Getreideresten und Stroh ernähren müssten, während sonst bereits das Nörgeln losgeht, wenn es Gemüse statt Pommes zum Kotelett gibt? Können wir dann alle den Schalter umlegen und in den Krisenmodus schalten?

Tucholsky – Mutterns Hände

In An Alle, Lieder on Juni 2, 2009 at 8:25

[Foto: frozenminds]

Wieviel Zeit ihres Lebens hat unsere Mutter für uns gegeben? Und wieviel Zeit wir für sie?
Wieviel Angst hat unsere Mutter um uns gehabt? Und wieviel Angst wir um sie?
Wieviel Liebe hat unsere Mutter uns geschenkt? Und wieviel wir ihr?

Ist die Bilanz ausgeglichen? Oder wird die Ungerechtigkeit in der nächsten Generation gerächt?

[Download]

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten

un Kaffe jekocht

un de Töppe rübajeschohm –

un jewischt und jenäht

un jemacht und jedreht …

alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,

uns Bobongs zujesteckt

un Zeitungen ausjetragen –

hast die Hemden jezählt

und Kartoffeln jeschält …

alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal

bei jroßen Schkandal

auch ‘n Katzenkopp jejeben.

Hast uns hochjebracht.

Wir wahn Sticker acht,

sechse sind noch am Leben …

Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.

Nu sind se alt.

Nu bist du bald am Ende.

Da stehn wa nu hier,

und denn komm wir bei dir

und streicheln deine Hände.

(Kurt Tucholsky, 1929)

Dahingetwagt (7)

In An Manche on Mai 31, 2009 at 6:01

Die letzten zwei Wochen auf Twitter

  • Ob man wohl einen Sinn in seinem Leben gefunden haben muss, um anderen Leben einen Sinn zugestehen zu können?
  • „Du hast dich gar nicht verändert!“ – steht es so schlimm um mich oder will man mich nur aufziehen?
  • Sind die 5% in jeder Umfrage, die den Bundespräsidenten nicht kennen, Shakespeare für ne Getränkesorte halten usw – immer die gleichen?
  • Täusche ich mich oder trägst du dein Gehirn heute anders?
  • Ist „Fragen“ wirklich das gleiche wie „Wissen wollen“?
  • Wie hat sich eigentlich die maximale Lebenserwartung (nicht die durchschnittliche) in den letzten 500 Jahren verändert? Hat sie überhaupt?
  • Gerade mal nach „buddhistischer Terrorist“ gegoogelt. Nichts gefunden. Ist das überraschend?
  • Sind Sensible schüchterner? Sind Schüchterne sensibler?
  • Haben wir ein Recht auf Unglück und Leid? (aus Huxleys „Schöne Neue Welt“)
  • Warum gibt es eigentlich keinen Twitter-Account @liedermacher – gibt es keine Liedermacher mehr oder haben die alle keinen DSL-Anschluss?
  • Wenn Entscheidungen im Laufe des Lebens immer weniger wichtig sind, sollte man sie dann zwecks Risikominimierung nicht auf ewig verschieben?

Information und Deutung

In An Niemanden on Mai 28, 2009 at 9:05

[Foto: Eldersign]

Menschen produzieren Informationen und deuten sie. Die einen (Wissenschafler z.B.) arbeiten mehr an der Beschaffung. Andere eher an der Deutung (Künstler z.B.). Wobei ja jede Deutung auch wieder eine Information sein kann und zusammen mit anderen Informationen in eine neue Deutung eingehen kann. In Zeiten der Informationsmangelgesellschaft blieben Informationen selten ungedeutet. Es gab relativ wenig öffentliche Informationen, also auch weniger Deutungsmöglichkeiten. Zudem gab es professionelle Deuter (Journalisten), die recht exklusiven Zugang zur Information hatten, und deren Deutungen die möglichen persönlichen Deutungen des Individuums dominierte. In der Informationsüberflussgesellschaft beginnt sich der Informationszugang, vor allen Dingen aber die Deutungshoheit des Einzelnen zu demokratisieren. Nicht nur gibt es mehr Informationen als professionelle Deuter verarbeiten können, es ergeben sich auch viel mehr Deutungsmöglichkeiten. Da jeder seine eigene Deutung in den öffentlichen Diskurs einschleusen kann, kompliziert sich der Zugang zu allgemein akzeptierten Deutungen weiter.

Was hat das für Folgen? Ich würde behaupten, Menschen ist die Deutung viel wichtiger als die Information. Sie wollen einen Sinn erkennen in den Informationen, die sie bekommen, Zusammenhänge finden, Konsequenzen für ihre persönliche Situation herausfinden. Stattdessen bekommen sie einerseits immer mehr nackte Informationen, die sie nicht durchdringen können, und gleichzeitig eine Vielzahl von widersprüchlichen Deutungen, die sie nicht weiterbringen. Sie werden immer weniger Zeit haben, ein Weltbild aufzubauen und zu stabilisieren, weil der ständige Informationsfluss das Fundament schon beim Aufbau erodiert. Die Generation meiner Eltern hat sich ein Weltbild errichtet, das unerschütterlich ist und an dem jede widersprüchliche Information abprallt – die Deutung der Welt ist definitiv, weil sie keine neuen Informationen heranlassen. Meine Generation ist zwar offen für neue Informationen, bewegt sich aber in recht statischen Deutungsrahmen, benutzt also „ererbte“ Deutungsschablonen, um die Flut der Informationen zu kanalisieren und erzeugt auch vorsichtig ein paar neue Schablonen. Ich frage mich, wie die Generation meiner Söhnchens die Deutung von Informationen bewerkstelligen wird. Die Deutungsschablonen ihrer Eltern werden nicht mehr taugen. Werden sie sich neue schaffen können, während sie gleichzeitig immer mehr Informationen bewältigen müssen? Vergleichbar mit einem Töpfer, dem der Ton ständig unter den Händen wegschmilzt? Werden sie sich in einer fragmentierten Informationswelt verlieren und Zusammenhänge aus den Augen verlieren, resignieren und am Sinn zweifeln – oder werden die professionellen Deuter dann wieder wichtiger?

Den Teller täglich leer essen

In An Manche on Mai 26, 2009 at 8:11

[Foto: hifix]

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen als Information eine Mangelware war. Information fand sich in Büchern, Bibliotheken oder auch in den Köpfen von meist älteren Menschen. Manchmal stiess man zufällig – im Fernsehen oder im Radio oder in der Zeitung oder im persönlichen Gespräch – auf eine interessante Information. In der Regel aber war Informationgewinnung mit grossem Aufwand verbunden. Und sie war planwirtschaftlich organisiert. Informationen wurden zugeteilt, nach Alter gestaffelt und aufbereitet. Die Wissenden waren die Herrscher. Die Unwissenden mussten betteln und sich oft nur mit Krümelchen zufrieden geben. Auf manche Information musste man Jahre warten. Manch eine Frage, die ich mir als Kind gestellt habe, konnte ich mir erst vor wenigen Jahren beantworten. Und nicht nur das: viele Informationen, die ich mir damals mühselig angeeignet habe, stellten sich viele Jahre später als falsch heraus. Bücher, die Informationen enthielten, waren kostbare Schätze, die man von der ersten bis zur letzten Seite durchforstete, um kein Tröpfchen des edlen Informationsflusses zu verschütten. Wer nur wenig hat, der schätzt dieses Wenige ganz besonders, der wird geizig, der verschwendet nicht, der sitzt darauf wie auf einem goldenen Ei. Es war gewiss eine schwere Zeit, aber wir empfanden es nicht so. Und trotzdem sind Spuren geblieben, kleine Traumatismen, kleine kauzige Gesten – Mangelkinder haben nunmal Nachholbedarf.

Heute ist Information im Überfluss da – die gleiche Information doppelt, dreifach, von allen erdenklichen Winkel beleuchtet. Die meisten Informationen sind nutzlos, wertlos, ohne Bedeutung und Bezug zu uns. Aber wir, wir Mangelkinder, wir haben nicht gelernt, mit dem Überfluss umzugehen. Wir können Informationen nicht einfach so mit Missachtung begegnen, wir können nicht loslassen, wir können nicht wegwerfen. So wie unsere Eltern den Schimmel von der Marmelade abstreichen und auf das angetrocknete Brot  mit ranziger Butter schmieren, weil sie es nicht über das Herz bringen, etwas Essbares in den Müll zu werfen, so schaffen wir es nicht, ein Buch nur zu durchblättern oder es halbgelesen zur Seite zu legen. Wir sind auf Vollständigkeit trainiert. Wir haben gelernt, unsere Bücher zu Ende zu lesen (wir fürchten gar, dass es Regenwetter gibt, wenn wir unsere Bücher nicht fertiglesen). Wir bleiben den Blogs treu, die wir einmal abonniert haben, und geben jedem Artikel von neuem eine Chance. Wir leiden unter der modernen, digitalen Variante des Compulsive-Hoarding-Symptoms. Wir glauben immer noch an den Wert der Information und beschweren uns mit unnötigem Ballast. Wir können eine Information auch kaum noch von ihrer hässlichen Schwester, der Neuigkeit, unterscheiden. Doch jetzt gibt es eine Therapie: sie heisst Twitter und sie fördert den Mut zur Lücke.

Heute habe ich einfach mal all meine RSS-Feeds ohne Rücksicht oder nähere Betrachtung als gelesen markiert. Ein erster Schritt zur Normalität?

Tucholsky – Häuser

In An Alle, Lieder on Mai 20, 2009 at 11:24

[Foto: conceptworker]

Menschen beseelen ihre Häuser und Wohnungen. Sie hinterlassen Spuren, sichtbare und unsichtbare. Aber was passiert, wenn die Bewohner in eine andere Stadt oder in ein anderes Leben weiterziehen – lassen sie dann leere Räume zurück? Oder füllen sich die Räume im Laufe der Jahre nicht vielmehr mit den Geschichten all der Menschen, die sie beherbergten, erzählen sie diese Geschichten weiter und verweben so die Schicksale von Generationen?

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Häuser

Mittleres Haus in der Köpenicker Straße, in der Avenue des Ternes, am Harvestehuderweg – du bist vollgelebt.

Hinter deinen Tapeten hat sich Angelebtes versammelt,

nachts knistert es,

tagsüber dünsten dort hundert Leben aus,

mittleres Haus.

Kotdurchrieselt stehst du,

von Drähten durchzuckt,

ein lebendiger Leib;

oben fassen die Gabeln deiner Antennen in die Luft und ziehen die Musik heran, die Helferin der Gemeinheit;

mit Recht spannen sich die Radiotrapeze, auf denen die Ätherwellen turnen, auf dem Dach aus,

neben den Hypotheken –

denn wer könnte Hypotheken handeln,

ohne die abendliche Hilfe Beethovens!

Du bist nicht wie jene Hausgreise,

in denen das Mauerleben längst abgestorben ist;

tot ruht der Kalk,

die Wanzen weinen

und beißen, angefüllt mit Verzweiflung der Isoliertheit;

nichts mehr sagt die Treppe,

schweigsam ist die Tür wie ein gefalteter Greisenmund.

So alte Leute sagen nichts mehr –

sie haben zu viel gesehn.

Du bist ein mittleres Haus.

Du bist nicht wie die Neubauten, die Gefäße des Unglücks,

in deren weißgetünchte Schubschachteln der Mensch hineinfällt,

hier seine Scheidung, seine neugebornen Kinder, seine Malheurbriefe zu erwarten;

kindisch gluckert die Badewanne, das junge Ding,

albern blitzen die Klinken,

und tapsig stuckert der eben konfirmierte Fahrstuhl in die Höhe und macht sich mausig –

wie mühsam ist es, ein so funkelnagelneues Behältnis vollzuwohnen!

So junge Leute sagen nicht viel –

sie haben noch zu wenig gesehn.

In ihnen vergeben die Mieter ihre Kraft – seelische Trockenwohner.

Du bist ein mittleres Haus.

Du hast schon viel in dir gehabt, Mutter der Möbel,

aber noch nicht genug.

Empfang, schlürf ein, spei aus:

Jeder Umzug eine kleine Geburt.

Du bist grade dabei, zu leben.

Deine Rohre rauschen, es kocht in den Ausgüssen, es brodelt im Badeofen.

Durch deine Steine sickert Weinen,

deine Ziegel schwitzen Elend aus

und gerinnendes Stöhnen der Komödien der Nacht.

Kalkiger Querschnitt!

Durchbrüllt vom Lärm der Wirtschaften,

vom sinnlosen Klingeln

und vom Quäken näselnder Phonographen!

Mancher wohnt oben in dir,

mittleres Haus.

Und abends,

wenn der Film der Geschäftigkeiten ruht,

steckt ein Hund seinen Kopf zum Fenster heraus,

ernsthaft wie Gottvater die Straßenwürmer betrachtend,

seine Pfote hat er aufs Fensterbrett gestellt –

das ist für ihn eine zweite Erde.

Mittleres Haus.

(Kurt Tucholsky, 1927)

Unternehmerträume

In An Mich on Mai 19, 2009 at 12:11

[Foto: CmdrFire]

Ich fuhr zur Arbeit, komischerweise nachts, extrem schlechte Sicht, Nebel, ich wurde müde, schlief ein, sagte mir, ich dürfe nicht am Steuer einschlafen, aber ich war ja gar nicht am Steuer, ich sass jetzt auf dem Beifahrersitz, das Auto fuhr weiter durch den Nebel, niemand sass hinter dem Steuer, ich wurde wieder müde, ich hätte abbiegen müssen, stattdessen fuhr ich viel zu weit, wurde gefahren, landete in einer Villa auf dem Land, ein verlassenes Hotel.

Das habe ich diese Tage geträumt. Sieht so ein Gleichnis für den Weg in die Selbständigkeit aus? Haben andere angehende Unternehmer ähnliche Träume? Oder träumen die lieber davon, was sie mit der ganzen Kohle anfangen werden, die sie verdienen, wenn Google sie in 2 Jahren kauft?

Dahingetwagt (6)

In An Manche on Mai 17, 2009 at 3:00
  • Ist zeitlose Kunst nicht eine, in der sich die gegenwärtige Vorstellung von Zeitlosigkeit spiegelt?
  • Gibt es heute überhaupt noch einen Unterschied in der Vermarktung von Musik, Software, Nachrichten oder auch der eigenen Persönlichkeit?
  • Lässt es sich verhindern, dass mein Blog sich ändert, jetzt wo meine Mutter es kennt? Oder beginnt jetzt die unbewusste Selbstzensur?
  • Wenn Teilen die Grundlage von Innovation ist, warum ist es dann in vielen Fällen illegal?
  • Reichen denn nicht ein paar Sport- und Filmstars? Müssen jetzt selbst Programmierer, Manager, Köche oder Friseure ihre Superstars haben?
  • Braucht ein erfolgreiches Startup ein Arschloch?


Ein Treppen-Rätsel

In An Alle on Mai 13, 2009 at 11:51
Foto: alles-schlumpfs

Foto: alles-schlumpf's

Eine Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine zweite Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine dritte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine vierte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, dann noch eine und noch eine, bis zur letzten, der 24. Stufe. Dann muss sie lachen und stirbt.

Frage: warum musste die vierte Frau lachen?

Ich lasse euch raten und braten. Die Auflösung und Geschichte hinter diesem Rätsel gibt es erst nach spätestens 25 erfolglosen Versuchen in den Kommentaren, nicht vorher – es sei denn, jemand findet des Rätsels Lösung.

Tucholsky – Auf ein Kind

In An Manche, Lieder on Mai 11, 2009 at 9:41

[Foto: Chris Moncus]

Warum sind wir auf dieser Welt? Wie verwirklichen wir unsere Träume? Was macht uns Hoffnung? Was wollen wir im Leben erreichen? Was erwarten wir von uns? Wenn wir auf keine dieser Fragen mehr eine Antwort zu finden glauben, dann bleibt uns nur noch ein Ausweg: wir delegieren die Lösungsfindung an die nächste Generation und beschweren ihr Leben mit unseren Idealen, Träumen, Hoffnungen, Zielen und Erwartungen. Wir schreien ihnen zu: Du sollst es sein! Und vielleicht finden wir ja in unseren Kindern das, was wir nicht in uns und unseren Zeitgenossen gefunden haben. Vielleicht…

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Aus dem gleichen Zyklus: Kurt Tucholsky – Liebespaar am Fenster


Auf ein Kind

Du lebst noch nicht.

Ich seh dich so lebendig:

ein kleiner gelber Schopf, die Augen blau;

ich seh dich an und such beständig

die Züge einer lieben Frau.

Du kreischst und jauchzst schon laut in deinen Kissen;

du bist so frisch und klar und erdenhaft.

Du brauchst es nicht wie ich zu wissen,

was Zwiespalt ist, der Leiden schafft.

Der ist dahin. Schrei du aus voller Lunge

und schüttle deine runde, kleine Faust!

Sei froh! Sieh auf die Mutter, Junge –

sie ist so hell, auch wenn ein Sturmwind braust.

Hör ihre Stimme nur: gleich wehts gelinder.

Setz du sie fort. Was bin denn ich allein?

Wir Menschen sind doch stets die alten Kinder:

ich war es nicht – mein Sohn, der soll es sein.

Du sollst es sein!

Und kommst du einst zum Leben:

Du sollst es sein! Ich hab es nicht gekonnt.

Gib du, was deiner Mutter Arme geben:

Leucht uns voran!

Du bist so blond.

(Kurt Tucholsky, 1920)

Dahingetwagt (5)

In An Manche on Mai 8, 2009 at 9:09

Fragen, die mir in den letzten Wochen in den Sinn gekommen und dann bei Twitter gelandet sind:

  • Gibt es jemanden, der sich als 20jähriger vorstellen konnte, seinen Rasen zu mähen, weil seine Kollegen zum Grillfest kommen?
  • Bin ich der, der ich heute bin, weil ich es wollte?
  • Ob wohl mal jemand im Jahre 2051 das Leben von Dieter Bohlen verfilmt?
  • Lebt es sich nicht leichter, nichts zu besitzen? Was lässt sich nicht mieten?
  • Anonymität im Internet: wie sieht die Nutzen- und Schadensbilanz aus?
  • Wenn die Kindheit zu schön ist und damit falsche Erwartungen weckt, sollte man sie seinem Kind vielleicht besser nicht zumuten?
  • Wenn du schon nicht aus deinem Schatten heraus kannst, kannst du dann wenigstens über deine eigene Haut springen?
  • Jeder VW lässt sich besser individualisieren als medizinische Behandlungen…Sind Menschen Massenware?
  • Woher wissen wir, dass sich naturwissenschaftliche Gesetze nicht mehr ändern? Müssen wir das einfach glauben?
  • Je besser die Argumente, desto mehr verhärtet sich die Gegenseite. Wie ist Überzeugung überhaupt möglich?
  • Reicht ein Leben aus, um jemanden zu kennen? Oder tut es manchmal auch ein Augenblick?
  • Sollten Kinder noch Schreibschrift lernen?
  • Ob das Wort Mama wohl ursprünglich von Mach’ma’ kommt?
  • Handeln wir aufgrund von Wissen? Oder wissen wir aufgrund von Handeln?
  • Einen ganzen Tag immer Ja antworten. Ob sich wohl dadurch neue Optionen ergeben?
  • Einen ganzen Tag immer Nein antworten. Ob sich dadurch wohl neue Optionen ergeben?
  • Wie lässt sich etwas beurteilen, das sich jedem Vergleich entzieht? Wie lässt sich überhaupt etwas neues beurteilen?
  • Und was, wenn mein ganzes Leben bisher eine Ausnahme war? Und nun der Normalfall eintritt?
  • Carpe diem: der Feind allen langfristigen und nachhaltigen Denkens und Handelns?
  • Gibt es Grenzen, die aus Linien bestehen – oder sind Grenzen nicht vielmehr graue Flächen?
  • „Gesundheit ist am wichtigsten!“ – Sicher. Wer würde das bestreiten? Hm. Wirklich? Für jeden und immer?
  • Gibt es ein besseres Zeugnis der Ohmacht als das Machtwort?

Mein Haus, mein Auto, mein Blutdruck

In An Alle on Mai 7, 2009 at 8:11

(Foto: Guesus)

Wie fasst man 15 Jahre seines Lebens zusammen? Man könnte von seinen Reisen erzählen, von den interessanten Menschen, die man kennengelernt hat, von den Ideen und Gedanken, die durch den Kopf gegangen sind und sich auf unerklärliche Weise verändert oder aufgelöst haben. Man könnte von den Büchern sprechen, die einen geprägt haben, von den Zielen, die man sich gesetzt hatte, und was davon übrig geblieben ist, von den kuriosen Geschichten, die man erlebt hat, selbst von der Geschichte, wie man seine Frau kennengelernt hat und warum man dort lebt, wo man lebt.

Aber stattdessen reduzieren sich 15 Jahre auf den professionellen Curriculum Vitae  - Diplom im Fach <Grossartigkeit> an der Universität <TopRanking>, Posten als <SuperEinsteiger> bei <Weltunternehmen>, schneller Aufstieg zum <Obermacker> und schliesslich <FastDerCheffe> bei <WeiteWeltunternehmen> – gespickt mit stark belastenden Indizien wie Haus gebaut, SUV gefahren, Top-Kontakte geknüpft. Wer möchte sowas hören, den es nicht drängt, selbst ähnliches zu erzählen?

Ich finde, man sollte zur Abwechslung und systematischen Verwirrung mal andere unorthodoxe Erfolge heraushängen lassen wie zum Beispiel: die Zahl der Gutenachtgeschichten, die man seinen Kindern vorgelesen hat; die Zahl der Haare, die nicht grau geworden sind; die Zahl der selbstgemachten Linsensuppen, die man gekocht hat; die Zahl der Kilometer, die man mit dem Fahrrad zurückgelegt hat; die Zahl der Bücher, die man gelesen hat (gilt nur für Nicht-Germanisten, die müssen stattdessen ihre Computer-Kenntnisse nachweisen); den allgemeinen gesundheitlichen Zustand (Blutdruck und Übergewicht z.B. führen zu Minuspunkten); die Zahl der Stunden, die man meditiert hat; die Zahl der Sonnenuntergänge, die man beobachten durfte (oder als Bonus: der Sonnenuntergänge hinter den Bergen oder am Strand); die Momente, in denen man sich frei fühlte oder glücklich oder neugierig; die Zahl der Liebeserklärungen, die man jemandem gemacht hat; die Zahl der Fehler, die man eingesehen hat; …

Warum ist der Mensch im Blick so vieler nur so viel wert wie seine Stellenbezeichnung?

Charakter-Nischen besetzen

In An Alle on Mai 5, 2009 at 8:38

[Foto: robokow]

Weder Vererbung, noch Erziehung scheinen mir Konzepte, die den Charakter eines Menschen befriedigend erklären können. Ich bin jetzt auf eine neue interessante Theorie gestossen, die natürlich nur von einem erfolgreichen Unternehmer kommen kann, der selbst zwei Söhne hat, die (wie eigentlich fast alle Söhne mit Brüdern) so ganz und gar unterschiedliche Interessen und Charakterzüge haben, dass sich die Eltern vergeblich die Köpfe über die Gegensätze zerbrechen. Ich habe übrigens selbst auch einen Bruder, der ein in jeglicher Hinsicht von mir verschiedener Mensch und Typ ist. Bei Mädchen ist das meiner Erfahrung auch nicht anders, unsere Nachbarn haben zweieiige Zwillinge, die beide aus unterschiedlichen Welten zugereist zu sein scheinen.

Hier also die Theorie: ähnlich wie sich Unternehmen in der Wirtschaft ihre Nische suchen und besetzen, also das machen, was sie gut beziehungsweise relative am besten können, ohne sich einen möglicherweise ruinösen Wettbewerb mit starker Konkurrenz liefern zu müssen, entwickeln sich auch Charaktere im Spannungsfeld einer Familie. Heranwachsende spezialisieren sich mit Blick auf ihre Geschwister. Es geht um Anerkennung der Eltern, um persönliche Erfolgserlebnisse, um Investitionen in die eigenen Fähigkeiten im Hinblick auf die Konkurrenz. Wenn ein Junge in eine Familie geboren wird, in der sein Bruder bereits als begabter Sportler gilt, könnte er – obwohl er ähnlich begabt ist – lieber dem direkten Wettkampf aus dem Weg gehen und sich selbst aufgrund seines grösseren Spasses am Lesen als Intellektueller profilieren. Im Schatten eines sprachbegabten Egozentrikers ist Schüchternheit oft die beste Strategie. Natürlich könnte der Zweitgeborene auch die direkte Konfrontation mit dem älteren suchen und ihn verdrängen, ich nehme an, ein solcher Konflikt würde lebenslange Auswirkungen haben. Ich weiss nicht, ob es irgendwelche Belege für diese Theorie gibt, aber sie scheint mir wert, ein wenig über sie nachzudenken und zu hinterfragen.

Würde dies also bedeuten, dass der erstgeborene die grössten Freiheitsgrade bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit geniesst (wie ein Unternehmen, das ein konkurrenzloses Produkt in einem neuen Markt schafft)? Sind Einzelkinder also vergleichbar mit Monopolisten und damit viel weniger (die Familie selbst ist ja nicht das einzige soziale System, in dem es agiert) gezwungen, sich zu messen und zu beweisen? Wie ist das bei 10 Kindern in der Familie – bleibt da überhaupt noch Platz für das letzte – oder verkompliziert sich das Öko-System derart, dass zum Beispiel durch Partnerschaften ganz neue individuelle Entwicklungsmöglichkeiten entstehen? Warum verändert sich die Spezialisierung nicht, wenn sich die Erwartungen der Eltern, die Fähigkeiten der Geschwister oder der soziale Kontext verändert – oder tut sie das sogar?

Wer sagt es am schönsten?

In An Niemanden on Mai 2, 2009 at 6:56

(Foto: shinnfean)

  • 14600 Tage?
  • 350400 Stunden? 
  • 40 Frühling, 39 Sommer? 
  • Knapp über 50%?
  • Im Zenit?
  • 28 Hex?
  • 34 im Land der 12fingrigen?
  • Dreieinhalb Dutzend Kerzen?
  • 12.73π ?
  • Acht handvoll?
  • Zum zweiten Mal Zwanzig?
  • Zum zehnten Mal die 30 feiern?

Das absolute Gedächtnis

In An Alle on April 29, 2009 at 11:14

(Foto: loop_oh)

Ich habe mir früher mal die Frage gestellt, was es denn für mich bedeuten würde, mit einem absoluten Gedächtnis ausgerüstet zu sein, jede Wahrnehmung jeglicher Art zu jeder Zeit punktgenau zurückrufen zu können. Ein paar Jahre später habe ich von einem Forscher gehört, der mit einer Kamera um den Hals durch das Leben ging, die alles aufzeichnete und auf gigantischen Festplatten abspeicherte. Mittlerweile hat so gut wie jeder einen digitalen Fotoapparat und Videokamera und speichert seine Fotos und Filme samt Zeitstempel, Geodaten und Schlagworten auf seiner Festplatte und kann sein Leben mit wenigen Suchoperationen rekonstruieren. Digitale Tagebücher und soziale Netwerke tun ihr übriges, um dem absoluten -digitalen- Gedächtnis sehr nahe zu kommen.

Kinder, die in diesem Jahrzehnt aufwachsen, können sich dabei beobachten wie sie die ersten Schritte tun, wie sie lesen lernen, sie können in ihre eigenen überraschten Kinderaugen blicken während sie Weihnachtsgeschenke auspacken, sie hören sich nörgeln, ein Instrument lernen oder mit ihren Geschwistern streiten. Sie können ihre Persönlichkeitsentwicklung nachvollziehen, wobei ja auch das ständige Betrachten ihrerselbst ihre Persönlichkeitsentwicklung mitbeeinflusst. Mich würde es brennend interessieren wie ich denn als Kind war, wie sich mein Alltag gestaltet hat, ob sich bestimmte Züge meiner Persönlichkeit schon früh finden, ob mein Söhnchen ähnlich ist wie ich damals, ob sich der Zauber meiner Erinnerungen auch in den Filmen spiegelt.

Aber genau da sehe ich auch den Haken: ich halte es für möglich, dass ich, der sich als Kind und viele Jahre in das junge Erwachsenenleben hinein als etwas besonderes, berufenes, einzigartiges betrachtete, durch diese Filme auf meine eigene Mittelmässigkeit, Stromlinienförmigkeit und Banalität aufmerksam würde. Erinnerungen lassen sich schönen, schönen sich ganz von alleine – aber Videofilme zeigen das Leben in seiner kargen Belanglosigkeit. Wer einen unbearbeiteten Hochzeitsfilm betrachtet, der hört nur Tellerklappern und dröges Geplapper, sieht ungeschickte Gesten und Gabeln, die unerbittlich Essen in geöffnete Münder transportieren. Die Schönheit scheint erst später beim Schneiden, Auswählen und Hinterlegen von Musik hinzugefügt zu werden. Unsere Gehirne machen das schon direkt bei der Wahrnehmung und auch noch beim Abrufen.

Meine Grossmutter hat höchstens 5 Fotos von sich, auf denen sich jünger ist als 50. Viele andere alte Menschen haben nicht einmal das, haben nicht einmal ein Foto oder eine Zeichnung ihrer Eltern. Sie müssen alle Erinnerungen in sich tragen und können sie nicht teilen ausser in Geschichten. Wer wird wohl schönere Erinnerungen an seine Kindheit haben – meine Grossmutter, die ihre Vergangenheit in sich trägt, oder ihr Urgrossenkel mit dem absoluten digitalen Gedächtnis?

Tucholsky – Liebespaar am Fenster

In Lieder on April 24, 2009 at 1:51

[Foto: changr]

Ich habe mir erlaubt, ein Gedicht Kurt Tucholskys zu vertonen und spontan aufzunehmen. Nachdem ich Monate daran gerätselt habe, wie ich denn sowas am besten mache, habe ich jetzt einfach mal am schnellsten gemacht – und zwar mit allem, was so in meinem Arbeitszimmer herumlag (glücklicherweise befindet sich immer zumindest ein Klavier darin). Zwar nicht in einem Schuss (weil ich nunmal nicht 10 Hände und 3 Gehirne habe), aber doch ohne Schnipseln und Bearbeiten, ohne technische Effekte, ohne Schönfärbereien. Eine Beta-Version, die nie in den Produktstatus übergehen wird…

Als Frage-Blogger sollte ich ja auch eigentlich eine Frage stellen, aber jeder Musiker weiss, dass die Frage „Wie war ich?“ ein ständiger stiller Begleiter ist. Also: wie steht denn nun dem Kurt das neue Hemd?

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Falls jemand irgendetwas mit dem Lied anfangen möchte, zum Beispiel ein Video dazu basteln oder einen schärferen Rhythmus drunterlegen oder eine Fotostrecke mit lauter Liebespaaren am Fenster, das darf er gerne, es steht unter der folgenden Creative Commons Lizenz.

Danke an Julia und Cara für die Hilfe beim Einbetten in WordPress!


Liebespaar am Fenster

Dies ist ein Sonntag vormittag;

wir lehnen so zum Spaße

leicht ermüdet zum Fenster hinaus

und sehen auf die Straße.

Die Sonne scheint. Das Leben rinnt.

Ein kleiner Hund, ein dickes Kind …

Wir haben uns gefunden

für Tage, Wochen, Monate

und für Stunden – für Stunden.

Ich, der Mann, denke mir nichts.

Heut kann ich zu Hause bleiben,

heute geh ich nicht ins Büro –

… an die Steuer muß ich noch schreiben … .

Wieviel Uhr? Ich weiß nicht genau.

Sie ist zu mir wie eine Frau,

ich fühl mich ihr verbunden

für Tage, Wochen, Monate

und für Stunden – für Stunden.

Ich, die Frau, bin gern bei ihm.

Von Heiraten wird nicht gesprochen.

Aber eines Tages will ich ihn mir

ganz und gar unterjochen.

Die Dicke, daneben auf ihrem Balkon,

gibt ihrem Kinde einen Bonbon

und spielt mit ihren Hunden …

So soll mein Leben auch einmal sein –

und nicht nur für Stunden – für Stunden.

Von Kopf zu Kopf umfließt uns ein Strom;

noch sind wir ein Abenteuer.

Eines Tages trennen wir uns,

eine andere kommt … ein neuer …

Oder wir bleiben für immer zusammen;

dann erlöschen die großen Flammen,

Gewohnheit wird, was Liebe war.

Und nur in seltenen Sekunden

blitzt Erinnerung auf an ein schönes Jahr,

und an Stunden – an glückliche Stunden.

(Kurt Tucholsky, 1928)

Vermarktung

In An Alle on April 23, 2009 at 9:49

[Foto: an untrained eye]

„Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor.“

Wieder so ein Faust-Zitat, das mich beim ersten Lesen vor mehr als 20 Jahren stark beeindruckt hat und das ich seitdem regelmässig mit dem Leben abgleiche. Und wenn ich mir genug Mühe gebe, dann finde ich auch immer wieder Anzeichen dafür, dass sich Qualität durchsetzt, dass Erfolg nicht ein Produkt des Zufalls ist, dass auch eine noch so aufwändige Werbekampagne kein hässliches Entlein in einen Schwan verwandeln kann.

Aber es gibt auch den Spruch „Je intelligenter man ist, desto intelligenter betrügt man sich selbst“ und ich frage mich, ob meine Wünsche nicht stärker sind als die Realität. Ist die Musik, die mich in den 80ern sozialisiert hat, nicht in etwa der Musikgeschmack einer kleinen Kaste von Musikmanagern der damaligen Zeit? Sind die Unternehmen, die mit einer Idee Erfolg haben, nicht meist die, die am meisten geklaut und am geschicktesten oder auch einfach am Brutalsten vermarktet haben? Sind die Romane, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, tatsächlich besser als die, die aus irgendwelchen Gründen nie veröffentlicht wurden und deren Autoren aus Gram starben? Wieviele Bachs, Mozarts oder Beethovens sind in der Anonymität verschwunden oder schafften es nie aus ihr heraus (dass wir heute Bach so verehren, verdanken wir zu einem Grossteil Felix Mendelssohn-Bartholdy)? Wieviele bedeutende Menschen landeten auf der Verliererseite, von der man nie etwas hört, weil die Gewinner sie nicht zu Wort kommen lassen?

Und wie sieht es denn heute aus? Die Rolle der Menschen, die den Daumen nach oben oder nach unten richten, wird immer unwichtiger. Transparenz und Vielfalt sollte es uns ermöglichen, bessere gerechtere Entscheidungen zu treffen, Willkür zu umgehen. Verstand und rechten Sinn sollten wir ungefiltert erleben können und uns von der Kunst des Vortrags emanzipieren können. Aber da ist immer noch unsere Aufmerksamkeit, diese enge Röhre, durch die nicht viel durchpasst. Und dann schaffen es möglicherweise wieder die, die mit viel Kunst unsere Aufmerksamkeit erringen, die anderen, die es wie ich mit Verstand und rechtem Sinn versuchen, in den Schatten zu stellen. Oder?

Journalismus: mein Wunschzettel

In An Manche on April 21, 2009 at 9:31

[Foto: dream4akeem]

  • Ich möchte wissen, aufgrund welcher Quellen ein Artikel geschrieben wurde. Jeder Artikel sollte ein Link-Verzeichnis haben
  • Ich möchte wissen, wer den Artikel geschrieben hat und welche Meinungen der Journalist in der Vergangenheit vertreten hat, um mir ein Bild von ihm machen zu können und seine Beurteilungen einordnen zu können. Welche Perspektive bezieht dieser Journalist? Wo steht er?
  • Ich lese themenbezogen und nicht markenbezogen: wenn mich ein Thema interessiert, möchte ich Informationen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, eine breite Palette von Informationen und Meinungen, die sich gerne auch widersprechen. Ist mir egal, ob da jetzt Spiegel, Zeit oder Frankfurter Rundschau drübersteht
  • Meinung ist mir weniger wichtig als sorgsam recherchierte und belegbare Fakten. Meinung hat jeder, gute Begründungen nur wenige
  • Ich bin überzeugt, dass Kommunikation uns der Wahrheit näher bringt. Alle Journalisten sollten über ihre Artikel mit anderen Journalisten und ihren Lesern in Dialog treten. Lieber weniger schreiben, dafür aber mehr diskutieren und öffentlich Argumente und Informationen austauschen
  • Ich möchte, dass Informationen und Beurteilungen strikt voneinander getrennt sind. Alter Hut? Ist aber selten der Fall. Jeder Spiegel-Artikel seit 1949 ist eine einzige suggestive Vermischung von Wahrheiten, Halb-Wahrheiten und Beurteilungen und Polemik
  • Ich möchte keine eingebaute Werbung in Artikeln lesen. Ich möchte nicht, dass ein Journalist Rücksicht nehmen muss auf die, die ein paar Seiten weiter werben
  • Ich möchte eigentlich überhaupt gar keine Werbung
  • Agenturmeldungen will ich auf einer speziellen News-Seite lesen und nicht bei Spiegel, FAZ oder Sueddeutsche. Ich möchte auch nicht, dass jemand diese Agentur-Meldungen weiterverwurstet, ohne auf die Agenturmeldung zu verlinken

Tja, nun steht die Frage im Raum: gibt es für diese Art des Journalismus überhaupt ein Geschäftsmodell? Aufwendiges Recherchieren, sorgfältiges Prüfen, zeitintensives Kommunizieren, aber die Taue zur Wirtschaft kappen und Leser finden, die die ganze Arbeit bezahlen. Ich nenne immer gerne Brandeins und CT, die – auch wenn sie sich ebenfalls zu einen grossen Teil aus Werbung finanzieren – meinem Ideal schon recht nahe kommen. Ist das auch denkbar für weniger spezialisierte Themen?

Dahingetwagt (4)

In An Manche on April 18, 2009 at 9:47

Diese Woche hier. Man sieht, nach dem Schwung der Anfangswochen ist die Arbeitsleistung signifikant gesunken. Wie lange das wohl noch gutgeht?

  • Eine Frage erkennt man an der Einstellung, nicht am Satzzeichen
  • Suche ich eigentlich eher interessantes oder doch lieber relevantes?
  • Lügt es sich übers Internet besser als übers Telefon?
  • Sollten alle ausgewogen urteilen – oder besser die Aggregation aller einseitigen Urteile einer anderen Instanz überlassen?
  • Hat jemand Links oder Tipps für einen Familienurlaub auf Amrum?
  • Tiervergleiche haben einen schlechten Ruf. Aber wer will denn lieber mit einer Pflanze oder einem Mineral verglichen werden?
  • Warum schreiben lebendige Leute schon ihren Namen auf ihren Grabstein? Ungeduld oder Planungswut?
  • Steigt mit der Quantität des Erlebten das Bedürfnis es mitzuteilen?

Lernen Lehren lernen

In An Manche on April 16, 2009 at 7:59

[Foto: onkel_wart]

Es ist eine erhebende Erkenntnis, lernen zu können, sich durch vielzähliges Wiederholen Fähigkeiten anzueignen, die unerreichbar schienen, bevor man den Versuch begann. Diese Erkenntnis würde ich meinem Söhnchen gerne vermitteln, aber ich weiss, dass sie sich durch Worte nicht vermitteln lässt, sondern sich nur durch erfolgreiches Tun als Aha-Effekt offenbart. Wer erst einmal selbst erlebt hat, zu was Arbeit und Fleiss führen können, der wird die damit verbundenen Mühen leicht ertragen können und immer weiter gelangen. Aber wer sich die mühsame Reise nicht zutraut und erst gar nicht antritt, der wird auch nie den Sinn und die Schönheit der Reise erkennen. Ein Teufelskreis! Wie also den Anfang machen? Was könnte ein Kind erlernen, für das es sich ein klein wenig quälen muss, ohne zu früh die Lust zu verlieren, aber auch ohne es zu leicht zu haben?

Der Mentor

In An Alle on April 14, 2009 at 8:03

[Foto: mayhem]

Im Zusammenhang mit Startup-Gründungen in den USA hört man immer wieder den guten Ratschlag „Suche dir einen Mentor“. Auch in der Generation meines Vaters wird der Begriff gebraucht, mir ist er weitgehend unbekannt. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals einer meiner Freunde von einem Mentor gesprochen hat.  Ich musste sogar erst mal nachschlagen, was genau damit gemeint ist – bin mir aber nicht sicher, die Idee wirklich durchdrungen zu haben. Wikipedias Definition ist jedenfalls sehr dünn.

Ist ein Mentor lediglich jemand, der einem mal einen Ratsschlag gegeben hat – oder jemand, der als ständiger Ratgeber über einen längeren Zeitraum fungierte? Die erste Definition ist bereits durch einen Onkel erfüllt, der einem einmal bei einem Besuch auf die Schulter geklopft und gesagt hat: „Halt die Ohren steif!“. Nach der zweiten Definition könnte das auch die eigene Mutter sein. Mir scheint, dass ein Mentor nur in einem ganz abgegrenzten Bereich agiert: Unternehmensgründung, Karriereplanung, Literatur. Aber das tut ja auch jeder Lehrer. Und nicht jeder Lehrer ist ein Mentor. Der individuelle Aspekt der Beratung ist doch unabdingbar, oder? Ist ein Doktorvater bereits ein Mentor? Kann ein Mentor Geld verlangen – oder wird er dann nur zum professionellen Berater? Und schwingt nicht auch ein Hauch von Lebensphilosophie, Werten und Grundsätzen mit, wenn von einem Mentor die Rede ist – fachliche Beratung als Katalysator der Persönlichkeitsentwicklung?

Ich würde die Fragen gerne weitergeben: was versteht ihr unter einem Mentor? Hattet oder habt ihr einen Mentor? Welche Geschichten über Mentoren kennt ihr – aus dem eigenen Leben oder aus der Literatur? Trügt meine Wahrnehmung, dass die Idee des Mentors bereits verblasst ist?

Dahingetwagt (3)

In An Manche on April 11, 2009 at 2:20

Diese Woche auf Twitter

  • Was ist von meiner Botschaft beim Empfänger noch übrig?
  • Ab wieviel Followern hat man eigentlich eine Verantwortung für das, was man twittert?
  • Interessiert man sich für mich eigentlich aus den richtigen Gründen?
  • Ist die Open-Source-Bewegung ohne Microsoft überhaupt denkbar? Oder wäre sie auch so unaufhaltsam gewesen?
  • Würden grosse Projekte ohne Selbstüberschätzung überhaupt jemals begonnen?
  • Gibt es irgendeine krude These, die nicht von einem griffigen Zitat eines grossen Mannes gestützt werden kann?
  • Wann kommt GMail eigentlich mal aus der Beta-Phase raus?
  • Verliert der seine Würde, der jeden Scheiss mitmacht oder der, der sein ganzes Leben darauf wartet, etwas seiner Grösse angemessenes zu tun?
  • Alle Journalisten sitzen in einem Boot. Vielleicht ist gerade das ihr Problem?
  • Ich würde gern nur noch denjenigen folgen, die mir nicht folgen würden, wenn ich ihnen nur folgen würde, weil sie mir folgen

Ein Schuss

In An Manche on April 9, 2009 at 9:19

[Foto:  kozigraf]

Frank Sinatra war bekannt als jemand, der bei Studio-Aufnahmen nur einen Versuch brauchte, um ein Lied aufzunehmen. Andere brauchen Jahre, um ihren Aufnahmen den richtigen Schliff zu geben. Hört man das? Wirkt Sinatra frischer, unverbrauchter, inspierierter auf seinen Aufnahmen als jemand, dessen Stimme mehrfach nachbearbeitet wurde, der mehrere Aufnahmen machte, die dann zusammengeschnitten werden? Ist dieser Spirit of Live auch auf Tonträgern noch lebendig? Oder sind es nicht doch die Ton-Ingenieure, die einer Aufnahme den Zauber, den Geist, die Qualität verleihen?

Und wenn das der Fall ist, kann man diese Technik, den Augenblick zu verzaubern, auch auf andere kreative Bereiche anwenden: zum Beispiel der Software-Entwicklung oder Web-Design oder Video-Bearbeitung oder Blog-Artikel schreiben? Oder ist diese ganze Geschichte nur ein wohlgepflegter Mythos (haben vielleicht die Ton-Techniker am Ende alles ausbügeln müssen?), der falsche Hoffnungen und Illusionen schürt – nämlich ohne Mühen und Schweiss erfolgreich zu sein?

Der Stahl der Gewissheit – Ein Buch ohne Fragen

In An Jemanden on April 7, 2009 at 7:52

[Foto: Jens-Olaf]

Ich kann jetzt nach eigener Lektüre nachvollziehen, warum Ernst Jünger für sein Buch „In Stahlgewittern“ gehasst wurde. Nicht weil er den Krieg verharmlost oder verherrlicht. Seine Beschreibungen sind oft abstossend und schockierend, schildern wie Kameraden zerfetzt, zerrissen und verstümmelt werden, ihnen das Gehirn ausläuft, der Kopf explodiert, ihre Gedärme aus dem Leib quellen. Jünger beschreibt den Krieg durchaus abschreckend als ein furchtbares Gemetzel.

Das Unerträgliche an diesem Buch ist, dass selbst die schlimmsten Erfahrungen den jungen Soldaten nicht über das Erlebte nachdenken lassen, Zweifel an seinem Tun schüren oder auch nur die geringste Frage nach dem Sinn seiner Mission aufwerfen. Ohne Zweifel, ohne Fragen, ohne Reue geht es immer und immer wieder aufs neue in die nächste Schlacht. Selbst der Tod von Freunden und die eigene schwere Verwundung können nicht die Gewissheit ankratzen, das richtige zu tun – und hindern ihn auch nicht, stets von Mut, Stärke, Furchtlosigkeit zu quaken. Der Mann kommt aus dem Krieg so heraus wie er hineingegangen ist – ohne innere Konflikte. Das Buch endet mit der stolzen Feststellung, vom Kaiser den obersten Verdienstordnen verliehen bekommen zu haben.

Diese seltsame Chronik, die zudem mit manch geschmacklosem Vergleich und Bild etwas linkisch gespickt wurde, ist einfach zu wenig, auch für einen 23jährigen zu wenig. Durchgefallen! Von einem gebildeten Menschen wie Jünger durfte man auch zu dieser Zeit, auch in diesem jungen Alter mehr erwarten. Jünger hätte verständlich machen können, was seine Generation eigentlich im Inneren getrieben hat, sogar Verständnis wecken, Einsichten in den politischen und gesellschaftlichen Kontext geben. Nein, keine Stellungnahme – nicht zuständig! Und mir scheint gerade nach dieser Lektüre, dass es auch diese Schwäche war, keine Stellung beziehen zu können oder zu wollen, vermischt mit soldatischem Pflichtbewusstsein, Eitelkeit, Loyalität und Corpsgeist, die die Generalität zu Hitlers wirksamstem Instrument gemacht hat.

In den „Stahlgewittern“ zeigen sich unbeabsichtigt die Keime des Niedergangs und der Selbstzerstörung Deutschlands zwei Jahrzehnte später. Vielleicht wäre die Katastrophe aufzuhalten gewesen, wenn auch Jünger sich und seinen Altersgenossen die einfache Frage gestellt hätte, die er später noch sein ganzes Leben lang als Belästigung empfunden hat: warum?

Dahingetwagt (2)

In An Manche on April 4, 2009 at 3:15

Diese Woche hier:

  • Wenn es von allem geben muss, wenn alles sein Gutes hat – wo liegt dann der Beitrag von rassistischen Schlägern?
  • Es gibt in D-Land weit mehr Herren Müller als in F-Reich Messieurs Meunier. Woran mag das liegen?
  • Komme von Parkplatz. Nur weissegraueschwarze Autos. Will sich denn keiner mehr opfern und ein bisschen gelbrotgrün in das Allerlei mischen?
  • Wenn jetzt mal alle Werber + Web2.0er eine Schweigeminute auf Twitter einlegen würden, was bliebe dann noch übrig an Gezwitscher?
  • Kann es sein, dass Eltern von ihren Kindern viel mehr lernen als umgekehrt?
  • Wie soll ich einen Computer ernst nehmen, wenn der seine Programme nicht mal hinterfragen kann?
  • Die Summe aller Ideen ist konstant. Jede neue Idee zerstört eine alte. Auch diese hier – hoffentlich zerstört sie nicht eine bessere.
  • Warum sind eigentlich alle medizinischen Möbel beige?
  • Wie kommt das, dass mir politisch korrekte genauso unsympathisch sind wie politisch inkorrekte Leute?
  • Gibt es einen roten Faden in meinem Leben? Oder wird der erst posthum von anderen gesponnen?
  • Auf was freust du dich heute? Auf was freust du dich nächste Woche? Auf was freust du dich nächstes Jahr?
  • Gibt es Bedarf für eine Anwendung, die Wissen wieder rückgängig macht?

Die Mutter aller Fragen

In An Mich on April 2, 2009 at 7:52

[Foto: loop_oh]

Kinder fragen gern Warum und auf die Antwort wieder Warum und dann noch mal Warum. Irgendwann durchbricht dann der Papa die Kette mit einem unwirschen Darum. Kommt das Darum eigentlich immer an derselben Stelle? Ist es immer die gleiche Frage, die ich mich zu beantworten verweigere? Führen die Beobachtung „Das Chamäleon kann sein Farbe verändern“, die Behauptung „In Süd-Frankreich fällt im Winter kein Schnee“ und die Ausrede „Papa kann jetzt nicht Fussball spielen, der muss ins Büro“ alle zu der gleichen ewig lebenden und sich jeder Antwort entziehenden Ur-Frage, der Mutter aller Fragen? Oder gibt es mehrere Ur-Fragen – wieviele substantiell verschiedene mögen es sein? Gab es vor 100 Jahren noch ein paar mehr davon – oder gar weniger?

Dabeisein ist alles

In An Mich on März 31, 2009 at 8:57

[Foto: pittigliani2005]

Ein Weltuntergang ist ein einzigartiges Ereignis. Zwar gehen täglich Millionen Welten unter, aber es gehen ja auch immer wieder Millionen Welten auf. Und es geht nicht die Welt aller gleichzeitig unter. Man sagt den Menschen immer mal wieder eine gewisse Lust am Untergang nach, gerade jetzt in der Finanzkrise scheint es in Mode gekommen zu sein, sich gegenseitig mit negativen Prognosen und Untergangsszenarien übertreffen zu wollen. Aber was sind diese kastrierten Phantasien von gescheiterten Wirtschaftsforschern und unbeirrten Apologeten des Niedergangs des Kapitalismus, was ist selbst der Untergang Roms gegen einen echten, endgültigen Weltuntergang, der alles, alles ohne Ausnahme, unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft vernichtet, jedes kleinste Indiz unserer Existenz auslöscht, vielleicht sogar die Zeit an sich verschluckt?

Und bei solch einzigartigen Ereignissen, nun ja, da sollte man doch eigentlich nicht fehlen. Selbst wenn man es in diesem Fall dann niemandem mehr erzählen kann. Wann sieht man schon mal die Erde auseinanderbrechen oder Wassermassen Millionenstädte verschlingen oder Feuerbälle in Sekundenschnelle den gesamten Regenwald in Asche legen, während einem der Geruch von Pech und Schwefel in der Nase liegt und ein paar Engel die Posaune anstimmen? Also: wer wäre gern dabei bei diesem einzigartigen Ereignis? Wer würde es vorziehen, wenn es noch in den nächsten 10-20 Jahren eintreffen würde – und wer hätte es lieber nach seinem Tod? Irgendwann geschieht es doch auf jeden Fall! Warum Millionen Jahre warten? Warum das Ganze nicht gleich hinter sich bringen und ein letztes Mal ein bisschen Spass dabei haben?

Dahingetwagt

In An Manche on März 29, 2009 at 1:45

Ein paar Fragen, die ich diese Woche getwittert habe:

  • Sollte mir die Antwort auf die Frage „Was ist das schlimmste Unglück?“ helfen zu erkennen, was ich wirklich im Leben will?
  • Was wäre das Was ohne das Wie?
  • Kann es sein, dass kaum noch jemand die Bedeutung von NEIN! versteht? Wird das heute nicht mehr gelehrt? Oder werden wir vergesslich?
  • Ob meine Ideen wohl mal zu Humus für andere Ideen werden? Oder ob einfach nur Gras drüber wächst…?
  • Könnte man die Dinge – anstatt sie stets auf den Punkt zu bringen – auch mal auf eine Linie oder eine kleine Fläche bringen?
  • Gibt es nicht für jeden Rat einen Menschen in einer speziellen Situation, für den genau dieser Rat richtig ist? Und für alle anderen falsch?
  • Frauen können nicht einparken? Meine Frau schon. Stimmt irgendwas nicht mit ihr?
  • Kennt Amazon mich besser als mein Bruder mich kennt? Vielleicht sollten sich beide beim Geschenkkauf zusammentun?
  • Was mag wohl der ernten, der Zweifel sät?

Verräterische Hemden

In An Mich on März 26, 2009 at 7:59

[Foto: josepina]

Mein Erdkunde-Lehrer Herr D., Junggeselle, trug Mitte der Achziger Jahre grelle Hemden mit weiten Kragen und Mustern wie man sie zu der Zeit nur noch auf alten Tapeten oder verblassten Pril-Aufklebern in der Küche fand. Auch wenig modebewusste Menschen konnten erkennen, dass Herr D. seine Hemden ganz offensichtlich in den Siebzigern gekauft und noch nicht gemerkt hatte, dass sich die Mode mittlerweile signifikant verändert hatte. Zehn Jahre genügten, um einen modischen Mitläufer in einen weltfremden Kauz zu verwandeln, der seinen Anspruch auf Autorität ein für alle mal verloren hatte ohne jemals zu begreifen warum. Weitere zehn Jahre hätten ihn vielleicht zu einem Vorkämpfer der Schwulen-Bewegung gemacht oder zu einem coolen Retro-Avantgardisten. Aber solange haben die Hemden nicht gehalten. Und auch Herr D. hat es nicht mehr lange an der Schule ausgehalten.

Ich habe vor kurzem ein Foto von mir betrachtet, auf dem ich das gleiche Hemd trage wie ich es auch beim Betrachten trug. Das Foto ist knapp zehn Jahre alt. Und da musste ich an meinen alten Lehrer, Herr D. denken, wie wir immer für Erdkunde nach unten in den ranzig-muffigen Keller in den Film-Raum gingen und im Dunkeln die Endmoränen vorüberdämmern sahen, die aber nie ein Ende nehmen wollten. Und ich fragte mich, ob man meinen Hemden ansieht, dass sie aus dem letzten Jahrhundert stammen, und ob diejenigen, die das erkennen, das gleiche über mich denken wie wir damals über Herrn D.

Ich habe das Hemd meinem Schwiegervater gegeben. Der zieht es jetzt zur Gartenarbeit an.


Randnotiz: die Mode der 70er scheint mich irgendwie zu beschäftigen: Zeitgeist.

Ich seh’ etwas, was du nicht siehst

In An Niemanden on März 24, 2009 at 8:28

[Foto: h.koppelaney]

Wir sehen Drachen in Wolken. Wir sehen Liebe in Augen. Wir sehen Verschwörungen im Fernsehen. Wir sehen, dass sich alles zusammenfügt. Wir sehen eine logische Entwicklung. Wir sehen einen Sinn in allem. Wir sehen die Folgen von einschneidenden Ereignissen. Wir sehen die Gründe offenliegen. Wir sehen den Wink des Schicksals in einem aufgeschlagenen Buch. Wir sehen immer wieder kehrende Zahlen. Wir sehen Seelenverwandte. Wir sehen lächelnde Autos. Wir sehen das Wirken einer höheren Macht. Wir sehen nachtragende Katzen. Wir sehen uns in unseren Kindern. Wir sehen Wut in den Himmel geschrieben. Wir sehen, dass es so und nicht anders kommen musste. Wir sehen die Schönheit in unseren Dingen. Wir sehen die Fehler der anderen. Wir sehen, was nicht nicht geschehen durfte.

Sehen wir nur? Oder erschaffen wir? Und wie können wir den Unterschied erkennen?

Offene Fragen der Woche (42)

In An Manche on März 21, 2009 at 4:05

Zeitspiel

In An Manche on März 19, 2009 at 8:10

[Bild: Slanzinger]

Vor Ihnen stehen zwei Boxen. In der ersten, durchsichtigen Box sind immer 1.000 Dollar; in der zweiten Box, die sie nicht einsehen können, liegt entweder eine Million Dollar oder gar nichts. Sie dürfen nun eine Entscheidung treffen:

  • Sie nehmen nur die zweite Box oder
  • Sie nehmen beide Boxen.

Ein allwissendes Wesen hat vorhergesagt, wie sie sich entscheiden werden. Seine Verlässlichkeit bei Voraussagen ist absolut. Sieht dieses Wesen voraus, dass Sie nur die zweite Box nehmen, hat es die Million Dollar in die Box gelegt. Sieht das Wesen dagegen voraus, dass Sie beide Boxen nehmen werden, blieb die zweite Box leer.

Nehmen Sie beide Boxen oder nur die zweite Box?

(Quelle: Wikipedia)

Dieses Spiel nennt sich Newcombs Paradox und ich bin beim Lesen von Watzlawick’s „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ darauf gestossen (danke an Patrick für den Tipp). Meine Frau entschied sich ohne zu zweifeln dafür, nur eine Box zu öffnen. Schliesslich hätte das Wesen ja vorausgesehen, wenn sie beide Boxen öffnen würde und die Box bereits präventiv geleert. Ich dagegen würde beide Boxen öffnen, denn zu dem Zeitpunkt, wo ich meine Entscheidung treffe, kann das Wesen die Million ja nicht mehr wegnehmen oder dazulegen – da wäre es ja blöd, nur die zweite Box zu öffnen. Wir diskutierten eine Weile unnachgiebig – wie zu erwarten ohne Ergebnis.

Das Faszinierende an dem Spiel ist ja gerade, dass beide Argumente unbestechlich und logisch korrekt sind, aber zwei gegensätzliche Dinge folgern. Man könnte auch sagen: beide Seiten haben recht, die Wahrheit kann sowohl das eine als auch sein Gegenteil sein. Es bleibt uns nicht anderes übrig, als mit diesem Widerspruch zu leben. Und ich finde, es lebt sich glänzend mit Widersprüchen. Ich finde sie direkt erfrischend!

Ich habe mich auch gefragt, ob man aus der Entscheidung, die jemand trifft, auch irgendwelche Rückschlüsse auf dessen Glauben an einen freien Willen oder Determinismus ziehen kann. Genausogut könnte man vermuten, dass jemand, der beide Boxen öffnet, eher dazu neigt, Regeln zu brechen als der andere. Oder auch einfach nur jemand ist, der immer alles anfassen muss, was er sieht. Küchenpsychologie… Max Planck hat die Frage nach dem freien Willen etwas läppisch abgetan: „Beides ist richtig. Das ist nur eine Frage der Perspektive. Von aussen betrachtet ist die Welt deterministisch. Von innen betrachtet sind wir frei in unseren Entscheidungen“. Widersprüchlich? Wahrscheinlich hatte Planck einfach keine Lust mehr über Dinge zu diskutieren, die zu nichts führen. Aber ich habe bisher noch keine bessere Antwort gehört.

Kleine Fragen an die Grossen

In An Alle on März 17, 2009 at 9:10

[Foto: svenwerk]

Es gibt ein paar Leute auf der Welt, auch in Deutschland, mit denen ich mich gerne unterhalten möchte, denen ich unzählig viele Fragen stellen möchte; Leute, von denen ich mir sicher bin, dass sie mir neue Einsichten geben könnten; die etwas zu sagen haben, das sie bisher noch nicht gesagt haben, weil noch niemand die richtigen Fragen gestellt hat. Anstatt darauf zu warten, dass irgendein Journalist irgendwann mal die (für mich) richtigen Fragen stellt und ich das Interview irgendwo zu lesen bekomme, könnte ich doch einfach mal selbst versuchen, an die entsprechende Person heranzukommen, sie anzurufen, ein Interview zu vereinbaren und meine ganz persönlichen Fragen stellen.

Ist so etwas denkbar? Würde sich ein in der Öffentlichkeit stehender prominenter Kulturschaffender, Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer mit einem Privat-Blogger unterhalten wollen, der im Schnitt nur 50 Leser erreicht? Wie finde ich überhaupt seine Telefonnummer? Unter welchen Umständen würde er sich darauf einlassen? Wieviel Vertrauensarbeit wäre im Vorfeld nötig? Würde er es ohnehin nicht ohne Bezahlung tun? Würde er sich vielleicht darüber freuen, mal andere Fragen als üblich gestellt bekommen (aber wie soll er wissen, welche Fragen gestellt werden)?

Offene Fragen der Woche (41)

In An Jemanden on März 14, 2009 at 3:03

Ein Hoch auf das Gedächtnis

In An Alle on März 12, 2009 at 9:22

[Foto: offshore]

Nichts schien mir stupider, als in der Schule irgendwelche Daten auswendig zu lernen und sie dann in einer Klassenarbeit wieder abrufen zu können. Ich bemitleidete all die Kommilitonen, die Medizin, Pharmazie oder Biologie studierten und die ganze Wälzer in ihren Kopf hineinprügeln mussten. Und das wenige, das auch ich als Wirtschaftsinformatik-Student auswendig lernen musste, empfand ich bereits als eine Beleidigung des menschlichen Geistes. Professoren, die ihre Studenten keine begleitenden Bücher und Taschenrechner in die Prüfung nehmen liessen, sprachen wir guten Gewissens jede pädogogische wie fachliche Kompetenz ab.

Damals war das Web noch in den Anfängen, heute ist praktisch jede Information online verfügbar. Es ist weit wichtiger, richtig suchen und recherchieren zu können als möglichst vieles im Kopf zu behalten. Die Menge der Daten ist so gross, das meiste passt doch ohnehin nicht in unsere kleinen Gehirne hinein und wird ja auch bei jedem Hinzufügen und Auslesen ein wenig deformiert oder unbewusst mit verfälschenden Emotionen angereichert.

Aber: jetzt stelle ich mir mal einen Vortragenden auf einer Konferenz vor, der seine Powerpoint-Folien an die Wand wirft und dazu irgendetwas von einem Zettel abliest. Ich stelle mir eine Diskussionsrunde vor, wo jemand seine Argumente mit „Ich weiss jetzt nicht mehr, wo ich das gelesen habe, doch ich bin ganz sicher, dass…“ einleitet. Ich stelle mir Bundestagsabgeordnete vor, die ihren Blick bei ihrer Rede stets nach unten aufs Pult gerichtet haben. Ich stelle mir Gäste beim Abendessen vor, die sich Diskussionsthemen und Anekdoten auf einem Spickzettel notiert haben. Und jemanden, der die Telefonnummer seiner Frau nicht mehr kennt, sobald die Batterie seines Mobiltelefons leer ist.

Und jetzt stelle ich mir einen Forscher vor, der all die vielfältigen und ungewöhnlichen Gespräche in der S-Bahn oder auch in der Kantine mit Kollegen aus anderen Fachbereichen aufsaugt, und all die Teile in seinem Kopf in einem Moment der Inspiration zu einer revolutionären Idee zusammenfügt. Ich stelle mir einen schlagfertigen Lehrer vor, der jeden Unsinn seiner Schüler mit einem Bibelzitat konterkarieren kann. Ich stelle mir einen Entertainer vor, der aus einer Vielzahl von Gags den richtigen aus dem Hut ziehen kann.

Ist nicht in Zeiten, in der Information überall verfügbar ist, ein gutes Gedächtnis, die Fähigkeit auswendig zu lernen, eine Möglichkeit sich abzuheben, sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal? Wird ein gutes Gedächtnis deshalb nicht eher noch wichtiger? Auch in der Informatik spielt das Konzept des „Caches“ schliesslich eine zentrale Rolle zur Optimierung und Beschleunigung von Informationszugriffsprozessen – warum sollte das bei Menschen anders sein?

Übrigens: jemand, der von seinem aussergewöhnlichen Namens- und Gesichter-Gedächtnis profitiert hat, ist George W. Bush, der in der Lage ist, Leute wiederzuerkennen und mit Namen zu begrüssen, die er Jahre zuvor nur ein einziges Mal kurz gesprochen hat. Ein Politiker, der sich das Gesicht und den Namen jedes Menschen merken kann, den er je getroffen hat, wird zwangsläufig jede Wahl gewinnen. Jeder Wähler – unabhängig von seinen politischen Überzeugunen – wird sich in einer solchen Situation ernst genommen und geschmeichelt fühlen.

Zweifler und Brillenträger

In An Jemanden on März 10, 2009 at 9:04

[Foto: Daniel Y. Go]

Um gefährliche Situationen schnell erkennen und flüchten zu können, durfte der Mensch früher nicht lange zweifeln. Er musste seine Umwelt in seine erlernten Muster einordnen und neue Informationen blitzschnell in seine Vorurteilsschemen pressen. Dieses Verhalten ist auch heute noch überall zu beobachten (vor allem wenn es um Politik geht). Diejenigen, die zum Beispiel nicht glauben wollten, dass Tiger böse Feinde sind oder auch nur von einem etwa zehnsekündigen Zweifel daran befallen wurde, wurden von der Evolution kommentarlos aber schmerzlich herausgefiltert. Die Tatsache, dass Leute wie ich schon Jahrzehnte hier auf der Erde herumlaufen und sogar andere mit ihren Zweifeln anstecken dürfen, ist wohl allein der weiteren Tatsache geschuldet, dass es keine natürliche Selektion mehr gibt. Ich werde von der Natur also mitgeschleppt, vergleichbar mit Brillenträgern, die den Tiger damals mit einem Strauch verwechselt hätten. Darf ich mich also in aller Demut und Dankbarkeit als mentalen Brillenträger bezeichnen? Und wem habe ich das zu verdanken? Wer hat die Evolution rechtzeitig abgestellt?

Offene Fragen der Woche (40)

In An Manche on März 6, 2009 at 8:19

Dicke Kontakte

In An Alle on März 5, 2009 at 10:14

[Foto: Schockwellenreiter]

Kann man mit jemandem befreundet sein, ohne ein Geheimnis zu teilen – ohne eine gemeinsame Intimsphäre, in der Gespräche stattfinden, die niemanden anderes, auch andere gemeinsame Freunde nichts angehen? Oder anders herum gefragt: kann Freundschaft öffentlich sein, darf jeder dem Gespräch der Freunde lauschen wenn er will? Ist Freundschaft möglich ohne Geheimnis? Müssen wir in Zeiten digitaler Kommunikation den Begriff Freundschaft neu definieren oder müssen wir für das, was Freundschaft einmal war, ein neues Wort finden, jetzt da jeder Kontakt in einem sozialen Netzwerk gleich ein Freund ist?

Mit verbundenen Augen

In An Manche on März 3, 2009 at 8:03

[Foto: cranberries]

Ist gibt eine Theorie, vermutlich stammt sie von einem Verhaltensforscher wie Desmond Morris, die sagt, dass das Benutzen von Parfums den menschlichen Geruchssinn in einer Weise vernebelt, dass wir uns in der Wahl ihrer Partner irren. Früher konnten wir den idealen Partner am Geruch erkennen. Heute müssen wir uns auf weit ungenauere Dinge verlassen (im schlechtesten Fall Fotos oder Informationen aus Datenbanken). Verbot von Parfums = Senken der Scheidungquote? Wie lange soll das wohl hergewesen sein und warum hat jemand dann überhaupt das Parfum erfunden und begonnen, sich zu parfümieren (können ja eigentlich nur die Stinker gewesen sein, die niemand riechen mochte)? Heute könnte man auch einfach nach der Wahl der Parfummarke entscheiden. Armani-Kennenlern-Parties – ob das wohl für stabilere Paare sorgt? Und es muss doch auch gute Gründe geben, dass unser Geruchssinn verglichen mit den meisten Tieren extrem unterentwickelt ist?

Und: wenn man Blog -Artikel riechen könnte, fände man dann schneller heraus, ob einem der Autor liegt? Hat denn der Geist auch einen Geruch?

Warum weinen wir?

In An Alle on Februar 26, 2009 at 7:07

[Foto: rickydavid]

Ich gebe zu, diese Woche ist etwas düster geraten. Dann kommt es jetzt ja auch nicht mehr darauf an und wir können uns mit dem Weinen beschäftigen. Während ich Wut und Lachen einen evolutionsbedingten Sinn zusprechen kann, gelingt mir das mit dem Weinen überhaupt nicht. Klar, man weint, um die Augen zu reinigen, wenn das Staub oder Zwiebeldämpfe hineingeraten sind. Aber wo ist der Bezug zum Traurigsein? Traurigsein könnte man als Nebenprodukt unserer Geselligkeit und Empathie bewerten. Aber könnte das nicht auch ohne Tränen geschehen? Trauer braucht Tränen – warum? Und auch die Rührung treibt uns das Wasser in die Augen. Nein, mir fällt nicht mal eine kühne Hausmacher-Theorie dazu ein.

Und wer lange genug nachgedacht hat, der darf dann hier lesen und sieht vielleicht ein bisschen klarer. Mich überzeugt es nicht.

Um wen trauern wir?

In An Mich on Februar 24, 2009 at 8:08

[Foto: withoutfield]

Um wen trauern wir wirklich? Um den geliebten Menschen, der uns verlassen hat? Oder um unsere eigene Welt, die wieder ein Stückchen abgebröckelt ist, und deren Vergänglichkeit uns wieder einmal deutlich gemacht wurde?

Happy End?

In An Manche on Februar 23, 2009 at 10:00

[Foto: hamburgr]

Das Happy-End ist ein gängiges Muster im Filmhandwerk. Wir alle glauben, dass alles gut enden wird. Ende gut, alles gut. Aber: wievielen ist es wirklich vergönnt – ein echtes Happy-End? Betagt, im Kreise der Lieben, bei vollem Bewusstsein und klarem Verstand, ohne Schmerzen, in Frieden mit sich und seiner Umwelt. Ist ein Happy End nicht die echte Ausnahme? Ist es nicht grausam, dass selbst auf den letzten Metern noch so viel schief gehen kann, dass man sich todunglücklich von der Welt verabschieden muss? Dass die letzten Eindrücke, die man bekommt, den eigenen Verfall, die eigene Entmenschlichung, den Verlust der eigenen Würde und möglicherweise sogar des eigenen Charakters dokumentieren? Dass man irgendwann zu schwach ist, um sich dagegen wehren zu können, nur noch ein Spielball des Schicksals zu sein? Kann der letzte Eindruck, den man hinterlässt, einen Schatten auf ein Leben werfen? Ein Happy End könnte mit dem Leben versöhnen. Aber wievielen ist es wirklich vergönnt?

Offene Fragen der Woche (39)

In An Manche on Februar 20, 2009 at 1:54

Supermann

In An Manche on Februar 19, 2009 at 9:28

[Foto: towi-08]

Supermann hat die besten Ideen. Supermann hat den grössten Ehrgeiz. Supermann hat die meiste Energie. Supermann kann geschickt argumentieren. Supermann ist von seinen Ideen überzeugt. Supermann übernimmt Verantwortung. Supermann hält den Kopf hin. Supermann ist sich nicht zu schade, die Nacht durchzuarbeiten. Supermann weiss immer noch etwas zu verbessern. Supermann hat durchaus einen guten Draht zu den anderen. Supermann nimmt viel Redezeit in Anspruch. Supermann hat uns schon oft gerettet.

An Supermann geht kein Weg vorbei. Geht es deshalb oft nicht voran?

Supermann wirft lange Schatten. Ist er deshalb von so vielen Unterbelichteten umgeben?

Was täten wir ohne Supermann! Vielleicht anfangen, selbst zu denken?

Pausenhofgespräche

In An Mich on Februar 17, 2009 at 9:41

[Foto: Stefan Weiss]

Wie zwei ältere Herren, nur ohne Stock und Hut, schritten wir gemeinsam durch den Schulhof. Während die anderen fangen spielten oder mit Murmeln oder auf dem Rücken eines Kameraden die anderen Reiter vom Pferd zu stossen versuchten, steckten wir unsere Köpfe zusammen und führten unsere Gespräche. Wir waren das Alter Ego des Anderen. Vier Jahre lang, in jeder Pause und auch noch ein Stück auf dem Nachhauseweg, bis man uns nach irgendwelchen sicher gut begründeten Kriterien in andere Klassen steckte und so den Zauber brach.

Über was unterhalten sich so kleine Burschen mit einer Ernsthaftigkeit und Intensivität, die an Philosophen erinnert oder Thomas-Mann-Romane? Kein einziges dieser Gespräche ist mir mehr in Erinnerung. Wie kommt das, liegt das nur an mir? Und: was war das, das uns gegenseitig so stark anzog, dass wir die Welt um uns herum vergassen? Wo ist dieses etwas hin, was hat es zerstört? Warum habe ich das damals nicht bemerkt und beklagt?

Offene Fragen der Woche (38)

In An Manche on Februar 14, 2009 at 5:39

Bündnis für Vielfalt

In An Alle on Februar 12, 2009 at 9:58

[Foto: pokpok313]

Vielfalt ist in der Natur Voraussetzung für ein stabiles Ökosystem und Grundlage der Evolution. Vielfalt ist in der Wirtschaft unerlässlich, um den verschiedensten Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden und um durch Wettbewerb Innovation zu schaffen. Vielfalt ist in der Kultur Garant für Inspiration, neue Ideen und Kreativität. Vielfalt ist in der Medizin die grösste Hoffnung, ein Mittel gegen Krebs oder gefährliche Bakterien zu finden. Vielfalt ist in der Landwirtschaft eine Absicherung gegen Anfälligkeit von Monokulturen. Vielfalt in der Politik bedeutet, den vielfältigen Interessen einer Gesellschaft gerecht zu werden. Vielfalt im täglichen Leben bedeutet Abwechslung, Motivation, neue Einsichten. Und ein Mangel an Vielfalt mag auch einer der massgeblichen Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrise sein.

Eigentlich müsste es doch ganz einfach sein, ein Bündnis für Vielfalt zu schmieden. Denn darin könnte sich jeder wiederfinden. Warum gibt es dennoch so viele Streiter für eine einzige Lösung für alle (etwa gerade wegen der Vielfalt der Menschen)?

Zuspruch

In An Alle on Februar 10, 2009 at 10:08

[Foto: kurafire]

Kann es sein, dass wir nicht glücklich sind mit dem, was wir machen, bis wir es anderen zeigen können und dafür gelobt werden?

Kann man sich einen Musiker vorstellen, der sich damit zufrieden gibt, ohne Publikum alleine im Kämmerlein zu spielen, einen Sportler, der irgendetwas besser kann als alle anderen, der sich aber nicht mit ihnen misst, einen Schriftsteller, dessen Manuscripte nie sein Arbeitszimmer verlassen haben, ein Erfinder, der als einziger seine geniale Erfindung nutzt, der Angestellte, der auch  ohne Lob und Rückmeldung durch den Chef hochmotiviert ist?

Aber wie kommt das? Sind wir vielleicht nicht ganz sicher, dass es wirklich gut ist, was wir machen, dass wir unserem eigenen Urteil nicht wirklich trauen? Sind die anderen sozusagen eine Art Schutzschild für unsere Fehler – verschaffte uns diese Rückversicherung  evolutionäre Vorteile oder sind sie nur Nebenprodukt von banaler Geselligkeit? Hat das schon jemand bei Tieren beobachtet – zeigen kleine Kätzchen ihrer Mutter stolz die erste selbstgefangene Maus? Und wieviel Menschen mag es wohl geben, die keinen Zuspruch brauchen, die sich über das Bedürfnis des Lobes und des Zuspruchs erheben können?

Offene Fragen der Woche (37)

In An Manche on Februar 7, 2009 at 4:53

Geschmack

In An Mich on Februar 5, 2009 at 9:32

[Foto: insk0r]

Spinat, Sauerkraut, Kartoffelpürree, Linseneintopf – die Liste der Gerichte, die ich als Kind verabscheute, ist ziemlich lang. Heute ist diese Liste fast leer. Ich mag fast alles – und Linseneintopf gehört zu meinen Lieblingsgerichten. Ist das ein Indiz für die Verfeinerung meines Gaumens – oder vielmehr Folge eines unaufhörlichen Prozesses der Abstumpfung der Geschmacksnerven?

Das Leben ein Roman

In An Mich on Februar 3, 2009 at 9:29

Komponiere ich mein Leben dadurch, dass ich alle Zusammenhänge, die mir kunstvoll genug erscheinen, dankbar aufgreife und in mir leben lasse? Bin ich gierig auf der Suche nach Zufällen, die nicht als solche erscheinen, sondern mein Leben vermeintlich nach Gesetzen des Schicksals lenken? Sauge ich Situationen auf, die sich mir kompositorisch angeordnet darbieten, die sich eignen, Parallelen zu bilden, Zusammenhänge aufzuzeigen, Motive zu verknüpfen? Versuche ich nicht ständig, mein Leben in einen Film oder in einen Roman zu verwandeln, indem ich die Protagonisten, meine Mitmenschen, unter den Gesichtspunkten der ästhetischen und dramaturgischen Eignung für mein Stück betrachte? Ziehe ich vielleicht ständig falsche Schlüsse, überbiete mich in Fehlinterpretationen und Überbewertung? Strahle ich immer nur das an, was mir wichtig erscheint und lasse den Rest damit völlig in der Dunkelheit verschwinden? Verblasst dadurch die Wahrheit, verstelle ich mir selbst den Blick auf Dinge, die mir viel mehr verraten könnten, als die, die meinen sonderbaren artifiziellen Kriterien standgehalten und für würdig befunden wurden, in meinen Roman als tragendes Element aufgenommen zu werden? Oder ist nur das, was in meinen Roman hineinpasst, was mein Leithema unterstützt die Wahrheit, meine einzige Wahrheit?

[Foto: Logotip]

Offene Fragen der Woche (36)

In An Manche on Januar 29, 2009 at 12:22

Das Böse im Auftrag des Guten

In An Niemanden on Januar 29, 2009 at 10:20

[Foto: Uli Harder]

Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,

Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb’ ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen

(Goethes Faust, Prolog im Himmel)

Nach Goethe ist das Böse – anscheinend ohne sich darüber klar zu sein – im Auftrag des Guten unterwegs. Es wurde geschaffen, um das Gute zu mobilisieren und die Menschen durch einen ewigen Kampf mit der Versuchung von Gott zu emanzipieren und voranzubringen. Was aber, wenn sich das Böse dieser Manipulation bewusst wird? Müsste es dann nicht, um den grösstmöglichen Schaden anzurichten und Gottes Strategie zu unterlaufen,  ganz einfach nichts tun, abwesend werden, die Menschen ohne sein Zutun erschlaffen zu lassen? Oder ist Gottes Strategie mit dem Risiko verbunden, dass das Böse tatsächlich die Oberhand gewinnt und die Menschheit gegen sie selbst und gegen Gott lenken wird – wurde der Gegner unterschätzt?

Das Tempo anziehen?

In An Mich on Januar 26, 2009 at 11:04

[Foto: eriwst]

Gesetzt ich hätte die Wahl und bräuchte täglich 4 Stunden weniger Schlaf, müsste die gewonnenen Stunden aber am Ende meines Lebens zurückzahlen. Also: jeden Tag 4 Stunden zusätzliche Zeit für Hobbies, eigene Projekte, für die Familie, für den nie begonnenen Roman, die Komposition des Avantgarde-Musical des 21. Jahrhunderts, für viele schwelende Träume und Ideen – und dafür 7-8 Jahre früher von der Erde verschwinden. Würde ich einschlagen? Ist das nicht verlockend, ein paar müde Jahre am Stock aufgeben gegen Jahre in der Blüte meiner Schaffenskraft? Wer möchte nicht „lieber verbrennen, als so’n leiser Furz zu sein“ (Westernhagen, Bar bezahlt)?

Für diesen Deal bräuchte ich nicht mal den Teufel, den könnte ich auch mit mir alleine abschliessen – viele Rock-Stars, Schauspieler, Unternehmer reissen sich einfach diese zusätzliche Zeit aus ihrem Körper, um an ihren Träumen zu schaffen, sie schlafen weniger, halten sich mit Drogen unter Strom, verzehren sich gesundheitlich und verbrennen dabei meist geräuschvoll. Und opfern weit mehr Jahre als in meiner kleinen Rechnung…

Aber ist es nicht auch reizvoll, ein bisschen danebenzustehen und zu schauen, abzuwarten, was das Leben neues bringt, was denn noch so kommt, sich ein bisschen umzuschauen, zu bummeln, seine Kräfte einzuteilen und einfach etwas länger zu bleiben?

Der Generator

In An Manche on Januar 25, 2009 at 2:31

Wieviele Hits lassen sich aus 4 Akkorden basteln?

(via Fudder)

Schatten meiner selbst

In An Manche on Januar 22, 2009 at 12:24

Ein grippaler Infekt hat mich niedergelegt. Ich bin gerade nicht ich selbst. Zerschlagen, unkonzentriert, willensschwach, lustlos, freudlos. Bin ich also gerade ein Anderer, ein anderer Charakter? Aber wann bin ich eigentlich überhaupt ich selbst? Gibt es denn nicht ständig irgendwelche äusseren Umstände, die mich zu etwas anderem machen als ich glaube zu sein? Welchen Wert hat es, vom „ich selbst“ zu sprechen, wenn es lediglich Knet in den Händen meiner Umgebung ist, zufälliges Resultat des komplexen Zusammenspiels mit unzähligen, sichtbaren und unsichtbaren Kräften? Oder ist dieses „ich“ das, was immer gleich bleibt, das keine Grippe, kein Schicksalsschlag, aber auch keine Erkenntnis erschüttern kann (wer möchte so etwas?)?

Mein „ich“ ist womöglich mein gerade aktuelles, persönliches Idealbild von mir selbst, das sich unvermeidlich durch neue Erfahrungen, durch meine eigene Veränderung mitverändert – ich bin also tatsächlich der Schatten meines „ich selbst“, das wenige des Möglichen, was wirklich wurde. War ich unklar genug? Habe ich jetzt einen Begriff mit sich selbst erklärt?

[Foto: zen]

Next Generation

In An Alle on Januar 20, 2009 at 10:04

Gibt es irgendein Produkt, das als Next Generation beworben wurde und (trotzdem) erfolgreich war?

[Foto: venana]

Offene Fragen der Woche (35)

In An Manche on Januar 16, 2009 at 1:04

Weisst du…?

In An Mich on Januar 15, 2009 at 12:43

[Foto: 30003019]

Eine Um-Frage voller Un-Fragen von Eurem Um-Fragezeichner:

[Idee]

Fragen früher, Fragen heute

In An Alle on Januar 13, 2009 at 9:13

Wohin gehen wir heute abend? Welches Spülmaschinen-Modell kaufen wir?

Fragen von früher und Fragen von heute: welche sind tiefgründiger?

Habe ich bei der kleinen Brünetten eine Chance? Wie sieht der nächste Karriere-Schritt aus?

Fragen von früher und Fragen von heute: stehen sie in einer Kontinuität oder gab es irgendwann mal einen Bruch?

Ist Revolution der einzige gangbare Weg zur Veränderung? Zahle ich zuviel Steuern?

Fragen von früher und Fragen von heute: kommen sie von innen oder von aussen?

Und die Fragen von morgen?

Kühler Pädagoge

In An Manche on Januar 8, 2009 at 9:40

[Foto: Alinalina]

Wenn ich mit meinem Söhnchen Schach spiele, gibt es schon mal blanke Wut, wenn seine Dame vorzeitig das Feld räumen muss, und tiefe Trauer, wenn sein König sich nicht mehr aus dem Schach befreien kann. Niederlagen hinzunehmen ist nicht einfach. Wenn er seine Felle schwinden sieht, mogelt sich plötzlich ein Turm in eine gute Position, gibt es ellenlange Diskussionen darüber, ob Bauern nicht doch auch nach hinten schlagen können und Läufer andere Figuren überspringen, und manchmal muss ich mich aus Gründen der Harmonie auf das Zurücknehmen von ganzen Zugkombinationen einlassen. Auch Stofftiere greifen manchmal brutal in das Spiel ein.

Seit kurzem spielt er auch immer mal gegen den Computer. Und siehe da: er verliert ohne Tränen, er akzeptiert die Regeln ohne zu schimpfen und Niederlagen mit der Motivation, das nächste Mal zu gewinnen. Der Computer scheint meinem Söhnchen die Gelassenheit, Niederlagen zu akzeptieren, besser beizubringen als ich. Kann ein Computer ein besserer Pädogoge sein als ein Mensch?

Die Unbeantwortete Frage

In An Manche on Januar 6, 2009 at 10:10

Zum Jahresbeginn eine musikalische Frage. Komponiert wurde sie von Charles Ives, gestellt wird sie von einer Trompete – wieder und immer wieder. Oberflächliches Geschwafel und schliesslich genervtes Meckern ist die Reaktion einer Gruppe von Bläsern, während die Streicher leise und unbeeindruckt ihren harmonischen Gleisen folgen. Möge jeder für sich sein Instrument finden und die Frage für sich selbst beantworten.