Nachdenkseiten?

Ich bin auf eine blogartige Web-Seite namens Nachdenkseiten gestossen. Der Titel hat mich angezogen. Ich erwartete Nachdenkliches. Ich erwartete, zum Nachdenken angeregt zu werden. Ich bin ein wenig enttäuscht. Kann es sein, dass die Autor der Seiten (einer ist ein ehemaliger Mitarbeiter der sozialliberalen Bundesregierung der 70er) nicht zum Nachdenken bringen will, sondern vielmehr, dass seine Leser das nach-denken sollen, was er ihnen bereits vor-gedacht hat?

12 Antworten zu “Nachdenkseiten?”

  1. Jörg Friedrich sagt:

    Das ist eine plausible Interpretation des Titels der Web-Seite. Es ist in dieser Welt immer merkwürdig, wenn jemand auf alles klare und einfache Antworten hat. Wo doch schon die Fragen oft nicht klar und einfach sind, wenn man genau hinschaut.

  2. Robert Krol sagt:

    Dann hast du dich mit diesem Blog nicht wirklich beschäftigt. Es ist eine Sammlung von Nachrichten und Kommentaren (aus diversen Zeitungen und eigene der Webseitenbetreiber) die ein Anliegen hat: aufzeigen, dass es durchaus andere Betrachtungsweise zur aktuellen Politik und Wirtschaft gibt, als jene, die eine weitgehend gleichgeschaltete Presse mittlerweile publiziert. Das soll in der Tat einfach nur zum Nachdenken und eigener Meinungsbildung führen, aber niemand muss oder soll zwangsläufig deren Meinung übernehmen.

    Und für die Hinweise und Entlarvungen der Mechanismen der Manipulation und Meinungsmache (z.B. die gemeinsame Kampagne von BILD und Allianz-Versicherung zur Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung) kann man gar nicht dankbar genug sein. Hier versagt die restliche freie Presse und die Öffentlich-Rechtlichen Sender total!

  3. Fragezeichner sagt:

    @Robert: das Anliegen der Nachdenkseiten ist ehrenwert und tatsächlich nimmt es eine Betrachtungsweise ein, die in der Politik und vor allem in den Medien unter den Tisch fällt. Mir scheint dies aber auf eine recht dogmatische Weise zu geschehen. Es scheint weniger darum zu gehen, nachdenklich zu machen (auch wenn dies für manche Leser ein Nebeneffekt sein mag), sondern eine andere Wahrheit zu postulieren. Es scheint mir weniger darum zu gehen, den Leser anzuregen, sich eine Meinung zu bilden, als eine Meinung vorzugeben. Das ist völlig legitim und will ich auch nicht kritisieren. Aber den Titel “Nachdenkseiten” empfinde ich als Mogelpackung.

  4. Michael Kostic sagt:

    Hallo,

    ich denke Du persönlich betrachtest dies bereits aus einem zu „hohen“ bzw. zu „weiten“ Blickwinkel. Ich kenne z.B. einige Entscheidungsträger (nicht nur im Bereich IT) die diese spezielle Form der Information früher nicht kannten. Ihr Urteil über die Dinge wie sie so sind, wie sie waren bzw. wie sie sein sollten, stand quasi in Granit gemeißelt fest. Erst der (mehr oder weniger) regelmäßige Konsum dieser „Gegeninformationen“, brachte sie dahingehend zum Nachdenken, dass sie sich begannen zu fragen:

    „Sind die Dinge wirklich so wie sie mir erscheinen, oder wie man sie mir gegenüber darstellt?“

    Vom Grundsatz her ist das ein wenig wie die Sache mit Michael Moore. Es gibt immer wieder Leute die ihn anklagen die Dinge und/oder Sachverhalte zu einseitig darzustellen. Sie meinen er verzerre die Realität und polemisiere über Gebühr. Nur das diese Leute nicht akzeptieren wollen, dass Moore‘s „Gegner“ dies auch unternehmen. Er bedient sich lediglich derer Werkzeuge zur Darstellung.

    Oft sind die Ankläger von Moore die Sorte Mensch die auch Sachen propagieren:

    „Nur weil die anderen Lügen um ihre Ziele zu erreichen, sollte ich dies nicht auch tun.“

    Alles eine Frage des Blickwinkels :-)

    Gruß

  5. Fragezeichner sagt:

    @Michael: also so wie in Wolf Biermanns Ballade:

    Wenn solche wie du entschieden zu kurz gehen, gehen andere eben ein bisschen zu weit

    Glaube aber nicht, dass das wirklich funktioniert. Ich nenne das das “Phänomen der offenenen Türen. Solche Seiten sprechen nur Leute an, die schon überzeugt sind und schweisst ihre Gegner stärker zusammen. Das heisst, sie rennen auf der einen Seite offene Türen ein und auf der anderen Seite gegen die Wand.

  6. Michael Kostic sagt:

    Dies betrachtest Du aus dem Blickwinkel eines Entscheidungsträgers?

  7. Fragezeichner sagt:

    Nein, das ist ein ganz allgemeines zutiefst menschliches Phänomen, Dinge wahrzunehmen, die in die eigenen Vorstellungen passen, und alles andere zunächst abzulehnen.
    Im Wahlkampf mag sich das verstärken: Michael Moore z.B., den du oben genannt hast, wird meines Erachtens keinen einzigen George-Bush-Wähler bekehren, sondern nur die Bush-Gegner in ihren Überzeugungen bestärken.

  8. Michael Kostic sagt:

    Wobei ich mich gerade frage, warum Du den stetigen Wandel der Gesellschaft allgemein und einzelner Individuen im speziellen so stark bestreitest.

    Würde deine Aussage zutreffen, gäbe es keinerlei Entwicklung der Spezies als selbes. Dies widerspricht jedoch der klar beobachtbaren Abneigung sehr vieler Europäer gegenüber körperlicher Gewalt.

  9. Fragezeichner sagt:

    Ich bestreite doch keinen Wandel. Menschen können zum Beispiel von denen überzeugt werden, die ihnen auf gewisse Weise nahestehen. Oder sie verändern sich durch Erfahrungen, die ihr Weltbild erschüttern. Oder sie verändern ihre Meinung in vielen kleinen Schritten. Auch durch die Medien kann das geschehen, aber: wenn die FAZ Angela Merkel kritisiert wird dies aufmerksamer zur Kenntnis genommen als wenn es die TAZ macht. Kritik “aus den eigenen Reihen” ist glaubwürdiger als die des politischen Gegners.
    Die Polemik eines Michael Moore (oder auch die Songs eines Bob Dylan) ist zwar grossartig. Aber sie begeistert vor allem die eigene Anhängerschaft. Im Kleinen könnte das auch für die Nachdenkseiten gelten.

  10. Michael Kostic sagt:

    Yep,

    das hat natürlich aus den eigenen Reihen sehr viel mehr “Aha” Effekt :-)

    Aber auch die “eigenen” Reihen müssen erst einmal beginnen eine ihnen differente Realität wahrzunehmen. Oder woher kommt sonst deren Wille zur Kritik?

    Immerhin ist doch auch beobachtbar das unserer eher bequeme Spezies sich erst rührt, wenn sich ein Problem nun wirklich nicht mehr hinwegleugnen lässt, oder?

  11. Fragezeichner sagt:

    Ja, das ist wohl bei den meisten so.

  12. Jörg Friedrich sagt:

    @robert: “aufzeigen, dass es durchaus andere Betrachtungsweise zur aktuellen Politik und Wirtschaft gibt, als jene, die eine weitgehend gleichgeschaltete Presse mittlerweile publiziert.”

    Dies aufzuzeigen dürfte schwer sein, denn dazu müsste man eine Betrachtungsweise finden, die sich in der Presse nicht findet.

    Solche Anwendungen der Formulierung “gleichgeschaltete Presse” sind immer relativistisch, sie verharmlosen das, was der Begriff eigentlich bezeichnet, indem sie ihn auf Phänomene ausdehnen, die völlig anders gelagert sind. Eine Presselandschaft von Bild bis FAZ, von Zeit über Focus bis Bunte, von “Junge Welt” und “Neues Deutschland” über taz und Tagesspiegel bis Süddeutsche als “gleichgeschaltet” zu bezeichnen, ist absurd, die “Gleichschaltung” beschränkt sich hier auf die Verwendung der gleichen Buchstaben, schon die Sprache, die Rechtschreibung, die Wortbedeutungen sind unterschiedlich, von den Inhalten, Zielen und Meinungen ganz zu schweigen.

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