Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Dahingetwagt (10)

In An Manche on Juli 4, 2009 at 11:17

Die letzten 3 Wochen auf Twitter:

  • Woher kommen eigentlich neue, originäre Ideen?
  • Wäre die Wirtschaft stabiler, wenn es keinen Aktien- oder Derivatehandel geben würde – also Spekulation im grossen Massstab nicht möglich?
  • Werden wir mit dem Alter materialistischer?
  • Gleichgewicht – wer kümmert sich drum? Oder kann es nur entstehen, wenn niemand sich drum kümmert?
  • Schade, dass man aus Blogs kein Pappmaché machen kann. Wie geht das heute eigentlich, wenn man keine Tageszeitung mehr abonniert hat?
  • These: Die Entsprechung des Gottesbegriffs in der Logik ist Rekursion
  • Logischer Schluss: Menschen können nur dann für ihre Taten verantwortlich gemacht werden, wenn sie sich selbst geschaffen haben. Einwände?
  • Ihr wollt keine Mitläufer? Sollen also alle vorneweglaufen? Oder hinterher?
  • Wenn wir alle einzigartig sind, sind wir denn dann noch was besonderes?
  • Gibt es eigentlich irgendeine Tätigkeit, die nicht irgendjemand anderem das Wasser abgräbt?
  • Ist die Zeit der Genies endgültig vorbei?
  • Würden sie einem ihrer Twitter-Kontake eine Niere spenden?
  • Wie lässt sich verhindern, dass der Lebensweg sich von einem Dschungelpfad in eine Autobahn verwandelt?

Kindern Sportbegeisterung vermitteln

In An Manche on Juli 3, 2009 at 10:49
Foto: vramak 

 

Foto: vramak

Mein Vater war Leistungssportler und hat mich sehr früh für den Sport interessiert. Als 7jähriger schaute ich bereits den 100m-Endlauf der olympischen Spiele und das Endspiel der Fussball-Europameisterschaft. Als 8jähriger sass ich morgens um 4 Uhr auf dem Schoss meines Vaters, um Muhammed Ali kämpfen zu sehen. Als 9jähriger erlebte ich heulend die Schmach von Cordoba. Als 10jähriger schwärmte ich für Björn Borg und Dietrich Thurau und kannte alle Ergebnisse der gesamten Fussball-Bundesligasaison. Anfang der Achziger verbrachte ich Samstagnachmittage vor dem Radio, um die Radio-Reportagen aus den Bundesliga-Stadien zu verfolgen, oder Sommertage vor dem Fernseher, um Laurent Fignon in seinem gelben Trikot die Alpenpässe nach oben fliegen zu sehen. Später dann hat mich Boris Becker im Daviscup oder den US Open Nächte fiebern lassen. Alles – wie ich glaube – inspiriert durch die Sportbegeisterung meines Vaters.

Mein Sohn beginnt jetzt, sich für Fussball zu interessieren. Und natürlich stellt er sich auf die Seite der Sieger: weniger als Barcelona und Lionel Messi geht gar nicht. Und ich frage mich jetzt, inwiefern ich sein Interesse fördern oder Begeisterung in ihm wecken soll. Denn ich selbst bin eher ernüchtert durch Kommerz und Dopingwahnsinn, die zwar beide sehr alte Begleiter des Sports sind, aber von mir nach Absetzen meiner rosa Brille erst in den letzten Jahren wahrgenommen wurden. Das Doping-Geständnis von Laurent Fignon, der jetzt schwer an Krebs erkrankt ist, hat mich persönlich sehr getroffen, es war in gewisser Weise das Eingeständnis des Verrats an dem Kind, das ihn damals angehimmelt hat.

Ist Sportbegeisterung trotz allem sinnvoll – weil es zur eigenen körperlichen Bewegung anspornt, weil es hilft, mit Niederlagen leben und im Triumph Demut zu lernen, weil es die Muster des Lebens mit seinen Dramen und seiner Vergänglichheit als Mikrokosmos widerspiegelt, weil es in gewisser Weise auch zur allgemeinen Bildung gehört?

Balance

In An Niemanden on Juni 30, 2009 at 7:01
Foto: wooody

Foto: wooody

Ein Tischtennisball auf einem Tischtennisschläger in einer menschlichen Hand. Der Ball rollt ein wenig nach links, die Hand kippt den Schläger leicht nach rechts, der Ball rollt ein wenig nach oben, die Hand kippt den Schläger nach hinten, der Boll rollt ein wenig nach rechts, die Hand bewegt den Schläger leicht nach links. Ziel des Spiels: eine Balance zu erreichen und zu verhindern, dass der Ball auf den Boden fällt. Ein Betrachter, der dem Spiel nur wenige Sekunden zuschaut, der beobachtet, wie das Kippen nach Links den Ball vor dem Herunterfallen rettet, der könnte den falschen Schluss ziehen, dass Linkskippen ein probates Mittel gegen das Herunterfallen ist. Ein anderer Beobachter, der zu einem anderen Zeitpunkt schaut, könnte den gegenteiligen Schluss ziehen, nämlich dass Rechtskippen die Lösung aller Probleme ist.

Ob in der Erziehung, in der Politik, in der Wirtschaft oder im Lösen von Konflikten – sind wir nicht alle versucht, Probleme durch eine Patent-Lösung aus der Welt schaffen zu wollen, ohne zu merken, dass die eigentliche Lösung darin besteht, eine perfekte Balance zu finden? Dass minimale aber permanente Anpassungen abhängig von der jeweiligen Situation nötig sind? Woher kommt unsere Vorliebe für starre Lösungen, was verleitet uns zu der trügerischen Sicherheit, dass es eine richtige und eine falsche Seite gibt? Und wie entsteht bei so vielen Patentlösern und Lagerdenkern trotzdem manchmal die perfekte Balance?